Colonel Parker

Andreas Cornelis wird am 26. Juni 1909 als siebtes von elf Kindern der Familie van Kuijk im niederländischen Breda geboren. Schon früh interessiert sich der Junge, der von allen Dries genannt wird, für Geld. Wenn andere Kinder für kleinere Hilfstätigkeiten Süßigkeiten bekamen, ließ sich der kleine Andreas den Gegenwert in Cent auszahlen.

Schon in sehr jungen Jahren verdiente er sich Geld auf den lokalen Jahrmärkten, in dem er mit flotten Sprüchen das Publikum in die Vorstellungen und Fahrgeschäfte lockte. Mit 15 begann von Kuijk im Hafen von Rotterdam zu arbeiten, zwei Jahre später setzte er mit einem Schiff nach Amerika über und blieb für etwa zwei Jahre dort. Als illegaler Einwanderer arbeitete er bei der Chautauqua-Zeltshow, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte.

Dort hielt er es allerdings nicht lange aus, denn mit zwanzig Jahren setzte er abermals in die USA über und arbeitete dort auf Jahrmärkten für verschiedene Schausteller. Wenig später verpflichtete sich van Kuijk bei der US-Army und leistete Dienst in Fort Shafter, Hawaii. Danach diente er in Fort Barrancas, Florida. Aus unerfindlichen Gründen verließ er jedoch ohne Abmeldung seinen Posten, so dass man ihn als Deserteur anklagte und im Folgenden in einer psychiatrischen Klinik behandelte.

Nach seiner unehrenhaften Entlassung "lieh" er sich den Namen seines ehemaligen Vorgesetzten Thomas Parker und ergänzte ihn um die amerikanisierte Fassung seines realen Vornamens. So wurde aus Andreas Cornelis van Kuijk die Kunstfigur Thomas Andrew Parker, geboren in Huntington, West Virginia. Die letzten Briefe an seine Familie in den Niederlanden verfasste er in englischer Sprache und unterzeichnete sie mit seinem neuen Namen. Dann brach er den Kontakt ab.

Unter seiner neuen Identität arbeitete van Kuijk wieder auf Jahrmärkten, verkaufte Snacks und promotete diverse Attraktionen. Hierüber kursieren jede Menge Geschichten. Einige davon haben Wegbegleiter erzählt, andere stammen von Parker selbst. So soll er den Ausgang des Pony-Reitens so gelegt haben, dass die Zuschauer durch eine (von ihm selbst produzierte) Matschwiese laufen mussten. Ganz der Gentleman bot er aber an, das Publikum für ein paar Extra-Cent auf einem der Ponys über den Morast reiten zu lassen. Weil fast alle Besucher ihre Sonntagskleidung trugen und sich nicht beschmutzen wollten, ging die Rechnung natürlich auf. 

1935 heiratete er in Tampa, Florida die 27jährige Marie Francis Mott. Da es offenbar keine amtlichen Aufzeichnungen über diese Eheschließung gibt, geht man heute davon aus, dass es sich um keine offizielle Zeremonie gehandelt hat. Einen rechtsgültigen Ausweis und eine Sozialversicherungsnummer dürfte er jedoch besessen haben, denn er gründete Firmen, erwarb Immobilien und reiste (im Rahmen einer Presley-Tournee im Jahre 1957) mehrfach aus den USA aus und wieder ein.

Über Umwege begann Parker Konzerte für den Country-Sänger Gene Austin zu buchen. Nach einem Höhenflug in den 1920ern hatte Austins Popularität stark gelitten, zudem hatte er sein Vermögen durchgebracht und befand sich auf dem absteigenden Ast. Parker nutzte sämtliche Tricks aus seiner Schausteller-Zeit und brachte die Karriere des ehemaligen Country-Stars wieder in Schwung. Auch hier arbeitete er mit kleinen Tricks. Um in Zeitungsartikeln einen großen Andrang bei den Konzerten zu suggerieren, ließ er die Türen erst so spät öffnen, dass sich zwangsläufig vor dem Saal ein Menschenauflauf bildete. Dann positionierte er den Pressefotografen und ließ die Türen öffnen. Auf dem so entstandenen Bild sah es aus, als würden Massen von Besuchern zu Gene Austin pilgern. Parker lehnte es jedoch ab, mit Austin nach Nashville zu gehen und arbeitete stattdessen lieber als Leiter eines Tierheims für die Hilsborough County Humane Society im heimischen Tampa, Florida.

Die Non-Profit-Gesellschaft bot ihm ein festes Einkommen und ein kostenloses Appartement. Hier schlug er für sich ein paar Extra-Dollars heraus, indem er das Grundstück hinter dem Haus als Tierfriedhof deklarierte. Mit ein paar Fake-Grabsteinen überzeugte er die zunächst skeptischen Tierliebhaber, dass auch andere Leute ihre vierbeinigen Freunde hier bestatten ließen. Als sich der Friedhof gefüllt hatte, ließ er die zuvor aufgestellten Steine wieder entfernen und an andere Kunden weiterverkaufen. Die Einnahmen aus diesem Geschäft behielt er natürlich selbst.

Doch auch für die Hilsborough County Humane Society arbeitete Parker mit allen Tricks und sammelte Spendengelder im großen Stil. So organisierte er Charity-Events und buchte dafür aufstrebende Country-Stars wie Minnie Pearl und Eddy Arnold. Schon bald arbeitete er wieder regelmäßig als Musik-Promoter, kündigte bei der Hilsborough County Humane Society und übernahm das Management von Mr. Arnold.

Ab 1945 organisierte er für den Sänger Konzert-Tourneen, buchte ihn im aufstrebenden Fernseh-Medium und sicherte ihm die Rechte an diversen Songs. Im Gegenzug kassierte er 25% der Einnahmen - und damit deutlich mehr als andere Manager.

Als der ehemalige Country-Sänger Jimmie Davis im Jahr 1948 als Gouverneur für den Bundesstaat Louisiana kandidierte, sicherte er sich Parkers Dienste als Wahlkampfleiter. Nach seinem Sieg ernannte er ihn zum Colonel der Louisiana State Militia. Parker nutzte diesen Titel intensiv und wurde schon bald nur noch The Colonel  genannt.

Zum Missfallen von Eddy Arnold übernahm sein Manager im Jahr 1952 zusätzlich die Betreuung von Tommy Sands. Als er sich im folgenden Jahr zusätzlich mit dem Country-Star Hank Snow einließ, feuerte er Parker. Der verlangte im Gegenzug eine Abstandszahlung von 50.000 US-Dollar, die er auch bekam.

Zusammen mit seinem neuen Geschäftspartner gründete er die Hank Snow Enterprises & Jamboree Attractions, zudem organisierte er weiterhin Konzertreisen für seinen ehemaligen Auftraggeber.

Anfang 1955 wurde der Colonel auf einen jungen Sänger namens Elvis Presley aufmerksam und buchte ihn für eine der Tourneen von Hank Snow. Auch in diesem Zusammenhang wandte Parker ein paar Tricks an, um Geld zu sparen. So ließ er die Checks grundsätzlich von seinen Stars unterschreiben und hoffte darauf, dass der eine oder andere Empfänger die Zahlungsmittel als Souvenir behielt und auf die Einlösung verzichtete.

Elvis und der Colonel erkannten schnell die Vorteile, die der jeweils andere bot und so machte der aufstrebende Sänger den Colonel zu seinem persönlichen Berater. Spätestens nachdem dieser für den Transfer von SUN Records zum Medien-Giganten RCA gesorgt hatte war klar, dass Parker zukünftig auch das Management übernehmen würde. Offiziell geschah dies im März 1956, wie bei Eddy Arnold kassierte Parker auch hier wieder 25% der Einnahmen.

Hank Snow, der bis dahin gedacht hatte, der Colonel würde Elvis für die gemeinsame Firma verpflichten, kündigte verbittert die Geschäftsbeziehung auf. Allerdings ließ auch er nachfolgend trotzdem einige Konzertreisen von Parker organisieren.

Im Gegensatz zu den Managern anderer Musik-Stars stellte der Colonel von Anfang an das Image in den Vordergrund und ließ eine zuvor nie gekannte Anzahl von Merchandising-Artikeln produzieren. Zunächst verkaufte Parker noch das Image des rebellischen Rockers, doch schon bald schlug er mildere Töne an und brachte Elvis auch einer älteren, konservativeren Zielgruppe näher. Insbesondere das Ableisten des regulären Militärdienstes brachte dem Sänger in dieser Bevölkerungsschicht Respekt ein. In den 1960ern nutzte der Colonel vor allem den Cross-Promotion-Effekt von Kino-Musical und Soundtrack, wodurch sein Mandant auch in diesem Sektor der Unterhaltungsindustrie zum Großverdiener aufstieg.

Zur Mitte des Jahrzehnts ließ der kommerzielle Erfolg des Kings spürbar nach, zudem widmete sich dieser lieber pseudo-religiösen Studien als seiner Karriere. Der immer massiver werdende Medikamentenkonsum hinterließ erste Spuren und seine Affäre mit der minderjährigen Priscilla schwebte wie ein Damoklesschwert über dem sorgsam aufgebauten Saubermann-Image. Die langfristigen Verträge mit RCA und MGM sorgten trotz der schwindenden Popularität für Rekordeinnahmen, doch dem Colonel war bewusst, dass die Karriere seines Mandanten zum Sanierungsfall verkommen war.

Auch privat sah sich der Manager mit massiven Problemen konfrontiert. Seine Frau Marie entwickelte zunehmend Anzeichen einer Demenz und Parker flüchtete sich in die Kasinos von Las Vegas. Schon bald war er ein regelmäßiger Gast und verspielt hohe Summen.

Während er seine privaten Probleme nicht in den Griff bekam, räumte der Colonel bei Elvis auf. Larry Geller, der den Sänger mit Spiritismus und New Age-Denken in Verbindung gebracht hatte, wurde aus der Memphis-Mafia gemobbt. Zudem drängte Parker seinen Klienten zu einer raschen und publikumswirksamen Hochzeit mit Priscilla. Insgesamt wirkte Elvis nach der Umstrukturierung seines Privatlebens wieder fitter und motivierter.

Abermals richtete Colonel Parker die Karriere des Kings neu aus. Elvis nahm statt Filmschlagern nun wieder reguläre Studio-Alben auf, zudem trat er regelmäßig in Las Vegas auf.

Vermutlich auch aufgrund seiner Erfahrungen zur Mitte der 1960er handelte Parker mit dem International Hotel langfristige Verträge aus. Schon bald trat Elvis auch in anderen Kasino-Betrieben auf und ging regelmäßig auf Tournee. Als die Schallplattenverkäufe abermals zurückgingen, sorgte das Konzertgeschäft für Rekordeinnahmen und hielt den Sänger kommerziell an der Spitze der Entertainment-Industrie.

Auftritte außerhalb der USA lehnte Parker jedoch ab. Durch die größeren Reisedistanzen und die unterschiedlichen, Währungen, Sprachen und Rechtssysteme hätte sich der Aufwand erheblich vergrößert. Weil Elvis aber nicht in Stadien auftreten wollte und die Eintrittspreise moderat bleiben sollten, wären Auslandstourneen weit weniger rentabel gewesen als Konzertreisen innerhalb der USA. Zudem wäre die Gefahr zu groß gewesen, dass die Medikamentensucht des Kings publik geworden wäre. Aus demselben Grund wurden auch Filmprojekte abgelehnt.

Wohl auch aufgrund der sich ansammelnden Spielschulden nutzte der Colonel die zunehmende Hinfälligkeit und das mangelnde Interesse seines Mandanten an geschäftlichen Abläufen mehr und mehr aus. Ab 1967 kassierte er von allen Einkünften abseits der Garantiezahlungen von RCA und den Festgagen der Filmstudios 50%. Im Jahr 1972 ließ er sogar aktuelle Single-Hits auf Budget-LPs vermarkten, da er an den Tantiemen dieser Tonträger ebenfalls hälftig beteiligt war. Selbst den im folgenden Jahr von Elvis angestoßenen Verkauf des Kataloges betrachtete Parker als Joint-Venture und erhielt 50% der Erlöse. Ab 1976 wurden auch die Konzerte des Kings aus diesem Blickwinkel betrachtet.

Als Elvis am 16. August 1977 verstarb, reagierte der Colonel geistesgegenwärtig und schloss eine Reihe von Merchandising-Deals ab. Somit stellte er sicher, dass zumindest ein Teil des nun explodierenden Geschäfts mit Devotionalien in die Taschen der Familien Presley und Parker flossen. Im September 1978 arrangierte Parker im Las Vegas Hilton das Always Elvis  - Festival, bei dem auch Vernon und Priscilla Presley anwesend waren.

Weil der Erbengemeinschaft des Kings zunehmend das Geld ausging und Parker noch immer 50% der meisten Einkünfte kassierte, strebten Elvis Presley Enterprises im Jahr 1982 ein Klage geben den Colonel an. Zudem war bekannt geworden, dass Elvis sich seinerzeit aufgrund des Rates seines Managers nicht bei ASCAP und BMI (den Gegenstücken zur deutschen GEMA) hatte registrieren lassen und ihm dadurch Einnahmen in Millionenhöhe verloren gegangen waren. Auch der generelle Prozentsatz der Beteiligung am Unternehmen Presley wurde als deutlich zu hoch angesehen.

Als sich die juristische Schlinge zuzog, gab Parker seine wahre Identität preis und sorgte somit dafür, dass das Verfahren neu aufgerollt werden musste. Schlussendlich wurde der Vertrag mit dem Colonel außergerichtlich gegen die Zahlung von zwei Millionen US-Dollar gelöst. Obwohl man ihm das Management diverser Showgrößen antrug, lehnte Parker weitere Tätigkeiten dieser Art ab. Lediglich dem Las Vegas Hilton blieb er als Berater erhalten.

Nachdem Marie Parker im November 1986 an den Folgen ihrer Erkrankung verstorben war, heiratete der Colonel im Oktober 1990 seine langjährige Sekretärin Loanne Miller. Sieben Jahre später starb Thomas Andrew Parker am 21. Januar im Alter von 87 Jahren in Las Vegas.

 

Interview mit Colonel Parker (15. August 1987)

 

Erinnerungen an den Colonel  (2017)