The Nashville Marathon

Anfang 1969 hatte der King erstmals seit 14 Jahren wieder eine Schallplatte in seiner Heimatstadt Memphis aufgenommen. Im Sommer des folgenden Jahres kehrte er jedoch nach Nashville in das angestammte RCA Studio B zurück - allerdings mit größtenteils neuen Musikern und einem anderen Sound.

Da Elvis innerhalb von nur fünf Tagen mehr als dreißig Songs einspielte, nennt Follow That Dream Records die im Jahr 2002 veröffentlichte Sammlung von Outtakes The Nashville Marathon.

Gemäß den Angaben auf dem Cover wurden alle Tracks im Juni 1970 eingespielt, tatsächlich stammen die letzten drei Aufnahmen jedoch vom 22. September. Die Zusatz-Session wurde anberaumt, weil man noch ergänzendes Material für die LP Elvis Country - I'm 10,000 Years Old  sowie eine weitere Single benötigte.

Das Cover des einfach aufklappbaren Digipaks zeigt ein Foto der damaligen Studio-Mannschaft. Auf der Innenseite ist Elvis beim Autogrammeschreiben vor der Graceland-Villa zu sehen, die Rückseite wartet mit einem weiteren Bild des Kings auf.

Neben den Fotos ist auch ein Track-Listing und eine Aufstellung der technischen Daten enthalten. Wie zuvor geschrieben, werden die September-Sessions nicht erwähnt.

Produziert wurde The Nashville Marathon  von Ernst M. Jorgensen und Roger Semon. Für das Mastering der Aufnahmen zeichnet Lene Reidel verantwortlich, den Mix besorgte Dennis Ferrante.

 

Mystery Train / Tiger Man (Instrumental)

Dieses Medley hatte Elvis erstmals bei seinem Bühnen-Comeback im Juli/August 1969 vorgetragen. Für das kommende Vegas-Engagement würde er die Nummer reaktivieren und sie bis zum Ende (mal mehr, mal weniger oft gespielt) im Programm behalten.

Hier im Studio dient das Medley lediglich als Warm Up für die Band. Zwar ist Elvis im Hintergrund zu hören, aber entweder war sein Mikrophon noch nicht eingeschaltet oder er benutzte gar keines und sang nur als Gag nebenbei ein bisschen mit.

 

Twenty Days And Twenty Nights (Take 3)

James Burton übt ein wenig auf der Akustikgitarre, auch das Klavier ist zu hören. Dann wird eingezählt und es geht los.

Beim dritten Take wird der Song noch einen ganz kleinen Tick langsamer gespielt als bei der späteren Master-Version. Insgesamt funktioniert das Lied schon sehr gut, als wesentliche Abweichung ist Elvis' Textänderung I kicked around and did it well... (statt I fooled around...) zu verzeichnen.

Ohne die später hinzugefügten Orchester und Chöre wirkt die Ballade deutlich intimer und hätte sicherlich auch in dieser Form veröffentlicht werden können.

Erstmals zu hören war der Titel übrigens im November 1970 auf dem Album That's The Way It Is. Weltweit ging der Tonträger 3,5 Millionen Mal über die Ladentheken und bescherte dem King eine weitere Goldene Schallplatte.

 

I've Lost You (Take 1)

Die Ballade I've Lost You  wurde bereits wenige Wochen nach ihrer Aufnahme auf einer Single veröffentlicht. Zwar kam diese über eine Notierung in der Top40 nicht hinaus, weltweit verkaufte sie sich jedoch 1,25 Millionen Mal und wurde von der RIAA mit Gold ausgezeichnet.

Beim ersten Take klingt Elvis noch hörbar unsicher, kämpft mit Phrasierung und Timing. Auch die Musiker wissen noch nicht 100%ig, was sie tun sollen und müssen an den Details noch arbeiten.

 

The Sound Of Your Cry (Take 3)

Das Arrangement steht und auch der King weiß, wie das Endergebnis klingen soll. Hier und dort ist das Timing noch nicht perfekt oder dem Meister verrutscht mal ein Ton. Da er weiß, dass der Take noch nicht veröffentlichungsreif ist, erlaubt sich Elvis am Schluss einen Gag und singt das Finale bewusst hysterisch.

Den Master brachte RCA Victor im September 1971 auf der B-Seite der Single It's Only Love  auf den Markt. Mit einem weltweiten Absatz von 700.000 Exemplaren zählt diese allerdings nicht gerade zu den Hits des Kings.

 

Bridge Over Troubled Water (Take 1)

Die Cover-Version des Simon & Garfunkel-Hits fand sich im November 1970 auf dem Album That's The Way It Is. Hier waren jedoch nachträglich hinzugefügte Orchester und Chöre sowie eine von Elvis eingesungene Duett-Stimme zu hören. Außerdem ergänzte man Publikumsapplaus, um dem Track den Touch einer Live-Aufnahme zu geben.

Der erste Take klingt noch deutlich verhaltener als die später veröffentlichte Version, außerdem singt Elvis auch nicht immer 100%ig sauber. Als Duett-Stimme ist leise Charlie Hodge auszumachen, dessen Tonspur später wieder eliminiert wurde.

Ohne die bombastischen Overdubs klingt der Song ganz anders als der Master und hätte mir auch in dieser Fassung gut gefallen.

 

How The Web Was Woven Sake (Take 1)

Auch diese Ballade fand sich im November 1970 auf dem Album That's The Way It Is.

Die Band probt den Anfang und Elvis merkt an, dass ihm das Intro mit der Gitarre gut gefällt. Insgesamt klingt die Nummer noch nicht ganz so schmissig, für einen ersten Take ist die Performance aber mehr als respektabel.

 

The Next Step Is Love (Take 10)

Es wird eingezählt, dann legen Elvis und seine Jungs los. Da wir uns nur einen Durchlauf vor dem Master-Take befinden, weicht die Darbietung nur in winzigen Details von der bekannten Fassung ab. Trotzdem klingt das Lied ohne die Overdubs merklich anders.

Veröffentlicht wurde der Master übrigens im Juli 1970 auf der B-Seite der Single I've Lost You.

 

I'll Never Know (Take 1)

Diese Ballade brachte RCA Victor im Juni 1971 auf dem Album Love Letters From Elvis  auf den Markt. In den Album Charts erreichte es den 33sten Platz und verkaufte sich 1,5 Millionen Mal.

Ohne die später hinzugefügten Geigen und Chöre klingt der Song deutlich intimer und gefällt mir um Welten besser.

Am Ende lacht sich Elvis kaputt und meint I almost fell, leaning against this fuckin' wall.

 

Life (Take 10)

Zwanzig Takes spielte Elvis von dieser pseudo-religiösen Ballade ein. Demnach befinden wir uns mit dem hier zu hörenden zehnten Versuch in der Halbzeit.

Hier und dort leistet sich der King einen kleinen Fehler im Timing und auch der eine oder andere Ton kommt nicht ganz sauber. Es sei allerdings angemerkt, dass Elvis in vielen anderen Fällen in den 1970ern auch solche Darbietungen problemlos als Master-Take deklarierte und zur Veröffentlichung freigab.

RCA Victor brachte das Lied im Sommer 1971 auf dem Album Love Letters From Elvis  und der Single Only Believe / Life  heraus. Die 45er kam allerdings gar nicht gut an und entwickelte sich mit einem weltweiten Absatz von gerade einmal 500.000 Kopien zu einem der größten Verkaufsflops in der Karriere des Kings.

 

Love Letters (Take 1)

Elvis hatte die Ballade bereits im Frühjahr 1966 eingespielt und mit seiner Aufnahme einen Top20-Hit gelandet. Weil David Briggs mit seinem Klavierspiel haderte, tat ihm der King den Gefallen einer Neuaufnahme.

Diese fällt jedoch recht oberflächlich aus, von seiner früheren Interpretation ist der Meister um Lichtjahre entfernt. Trotzdem erklärte RCA Victor die Aufnahme zum Titelsong einer LP, eben dem vorgenannten Album Love Letters From Elvis.    

Der erste Take setzt bei der zweiten Strophe ein, insgesamt singt der King die Nummer professionell herunter ohne sich großartig zu engagieren.                     

 

Heart Of Rome (Take1)

Auch dieser Song stammt von der LP Love Letters From Elvis, im Juni 1971 war er außerdem auf der B-Seite der Single I'm Leavin'  zu hören. Diese verkaufte sich mit einer Million Kopien zwar doppelt sooft wie der Vorgänger Only Believe / Life, aber als Hit kann man die Scheibe aus kommerzieller Sicht wohl auch nicht bezeichnen.

Der erste Versuch klingt noch mehr nach einer Probe als nach einem zur Veröffentlichung angedachten Take. Gleich zu Beginn setzt Elvis zu spät ein und kämpft auch im weiteren Verlauf des Liedes mit dem Timing und den Tönen. Auch die Musiker wissen noch nicht 100%ig, was zu tun ist und probieren ein bisschen herum.

Mir gefällt das lockere Rehearsal-Feeling allerdings recht gut, zumal der Song ohne die später hinzugefügten Overdubs und der Duett-Stimme von Charlie Hodge ganz anders wirkt als die spätere Master-Version.

 

Mary In The Morning (Take 4)

Das ist auch bei dieser Ballade der Fall, die ohne die Chöre und Blechbläser viel intimer wirkt und mir in dieser Form fast noch besser gefällt als die Version auf dem Album That's The Way It Is.

Beim ersten Anlauf singt Elvis nur ein paar Zeilen, dann wird abgebrochen. Felton Jarvis sagt allerdings keinen neuen Take an, sondern wertet die Aktion als Fehlstart.

Prinzipiell wird sich am Arrangement bis zum Master-Take nichts mehr ändern. Der wesentliche Grund für das Einspielen weiterer Versionen liegt schlicht und einfach daran, dass Elvis hier nicht alle Töne trifft.

 

Sylvia (Take 9)

Hier haben wir eine Fassung, die nach dem Master-Take eingespielt wurde. Schlussendlich musste Elvis aber einsehen, dass er den achten Take nicht mehr toppen konnte.

RCA Victor beließ den Song zunächst im Archiv und brachte ihn erst Anfang 1972 auf der LP Elvis Now  auf den Markt. Diese wurde etwa eine Million Mal verkauft und von der RIAA mit einem Gold Award ausgezeichnet.

 

It's Your Baby, You Rock It (Take 3)

Ohne die Hintergrundsängerinnen fehlt dem Song natürlich das von mir so geliebte Call & Response-Feeling, aber auch in dieser simpleren Ausgabe gefällt mir der flotte Country-Song sehr gut.

Veröffentlicht wurde er übrigens im Januar 1971 auf dem Album Elvis Country - I'm 10,000 Years Old.

Vielleicht hätte auch diese Version einen Master-Take abgegeben, wenn Elvis nicht vom Text abgekommen wäre und gesungen hätte But she done you like you done me. Das funktioniert theoretisch zwar auch, aber Bisexualität kam seinerzeit in Country-Songs nicht vor und war vom King wohl auch nicht gewünscht.

 

It Ain't No Big Thing (But It's Growing) (Take 6)

Der Titel mag dazu verleiten, den soeben begonnenen Gedanken weiterzuspinnen, aber hier geht es um den Schmerz einer sich anbahnenden Trennung.

Zu finden war die Country-Ballade auf der LP Love Letters From Elvis, natürlich ebenfalls in nachbearbeiteter (sprich um Orchester und Chöre erweiterter) Form.

Abermals gefällt mir diese Version besser als der Master, weil weniger hier mehr gewesen wäre und das Country-Feeling durch die zusätzlichen Instrumente aus meiner Sicht zerstört wurde.

Was zusätzlich für diese Fassung spricht, ist das Fehlen des Schmatzers am Anfang des Songs. Hier kommen Elvis und ich also nicht auf einen Nenner.

 

A Hundred Years From Now (Takes 1 & 2)

Dieser Track gehört für mich zu den Highlights der CD, denn hier erleben wir den King von seiner privaten Seite. Elvis und seine Jungs spielen einfach drauflos und haben ihren Spaß.

Dabei singt der Meister oftmals gerade das, was ihm in den Kopf kommt und produziert Zeilen wie That's all in the past, you can kiss my ass (statt ...I knew it wouldn't last) und bemerkt am Ende trocken There goes my fuckin' career right down the drain.

Felton Jarvis ist von der spontanen Performance so begeistert, das er das Aufnahmegerät einschaltet und die Jungs um einen zweiten Take bittet. Der verläuft dann etwas gesitteter, aber man hört auch hier allen Beteiligten den Spaß an ihrem Tun deutlich an.

Ein Zusammenschnitt aus den beiden Takes wurde 1995 auf der Sammler-Box Walk A Mile In My Shoes - The Essential 70s Masters  veröffentlicht.

 

Tomorrow Never Comes (Take 2)

Wir hören kurze Studiogespräche und Übungen der Musiker, dann wird eingezählt.

Beim zweiten Versuch hat Elvis das Lied noch nicht wirklich verinnerlicht und muss noch am Timing und an der Phrasierung feilen. Auch die kontinuierliche Steigerung bis zum großen Finale verläuft hier noch nicht so sauber wie beim Master-Take. Da der King überdies auch nicht alle Töne trifft, steht ihm noch einiges an Arbeit bevor.

Schlussendlich sollte er 13 Takes von Tomorrow Never Comes  einspielen und den Master-Take trotzdem noch aus mehreren Durchläufen zusammensetzen lassen.

Das Endergebnis fand sich übrigens auf der LP Elvis Country - I'm 10,000 Years Old.

 

Snowbird (Take 1)

Auf demselben Album ist auch dieses Lied zu hören. Wie die beiden folgenden Songs wurde es am 22. September 1970 aufgenommen.

Obwohl es sich um den ersten Take handelt, hätte auch dieser Versuch schon locker als Master durchgehen können. Außer dem Fehlen der später hinzugefügten Instrumente und Gesangsstimmen ist kein großer Unterschied auszumachen.

 

Rags To Riches (Take 2)

Die CD schließt mit Outtakes der im Februar 1971 veröffentlichten Single Where Did They Go Lord / Rags To Riches. Ein Hit wurde die Scheibe nicht, aber immerhin bescherten die 1,1 Millionen verkauften Kopien dem King eine Notierung in der Top40.

Im Vergleich zu der bekannten Fassung wird das Lied hier langsamer gespielt. Aus der Sicht des Kings wohl zu langsam, denn am Ende bemerkt er Too slow fellows, just a hair too slow.

 

Where Did They Go, Lord (Take 3)

Dieser dritte Take weist ein längeres Intro auf und auch das Ende klingt ein wenig anders.

Insgesamt liefert Elvis auch hier eine sehr gute Performance ab und vielleicht wäre dieser Durchlauf sogar zum Master-Take erklärt worden, wenn zwischenzeitlich kein Störgeräusch produziert worden wäre.

 

Fazit & Bewertung

Der Tonträger wurde passend verpackt, die Aufnahmen klingen gut. Da es auch inhaltlich nichts auszusetzen gibt vergebe ich trotz der fehlenden Angaben zur September-Session die volle Punktzahl.