Raised On Rock / For Ol' Times Sake

Die 1973er LP Raised On Rock / For Ol' Times Sake  wurde im Jahr 2007 in die Riege der Classic Albums aufgenommen und von Follow That Dream Records in überarbeitetem Sound und toller Optik neu auf den Markt gebracht.

Die Neuauflage enthält neben den Masters der Original-LP auch Rough Mixes, Outtakes und Instrumental Tracks, zu denen Elvis später singen sollte (es bis auf eine Ausnahme aber nicht tat).

Alle Tracks wurden von Jean-Marc Juilland gemastert und (im Falle der unveröffentlichten Outtakes) gemixt.

Das Ergebnis klingt absolut großartig und braucht sich auch hinter den später erfolgten Nachbearbeitungen für die Boxen The Complete Elvis Presley Masters  (2010) und The RCA Album Collection  (2016) keinesfalls zu verstecken.

Produziert wurde das Album wie immer von Ernst Jorgensen und Roger Semon.

Die beiden Tonträger stecken in einem doppelt aufklappbaren Digipak im 7"-Format.

Dem Set liegt ein Booklet mit Hintergrundinformationen, Abdrucken von internen Dokumenten, Schallplattencover, zeitgenössischen Kritiken und Fotos bei.

 

The Album

Raised On Rock

Der Titel war bereits im September zusammen mit For Ol' Times Sake  auf einer Single veröffentlicht worden, die jedoch in den Hot 100 über den 41. Platz nicht hinausgekommen war.

Aufgenommen hatte Elvis den Song am 23. Juni 1973, insgesamt benötigte er zehn Takes für die Komposition von Mark James.

Musikalisch würde ich Raised On Rock  als nett gemachten Radio-Pop bezeichnen, bei dem mir insbesondere der durch die beiden Schlagzeuger hervorgerufene, treibende Beat sehr gut gefällt.

Inhaltlich passt der Song jedoch so gar nicht zu Elvis, denn es wirkt einfach seltsam, wenn der Sänger behauptet, mit einer Musik aufgewachsen zu sein, zu dessen König man ihn einstmals ausgerufen hatte. Zu allem Überfluss nennt er auch noch Liedtitel aus den 1960ern oder -noch grotesker- einen Song, den er selbst zum Hit gemacht hatte.

Dazu kommt noch Elvis' vergleichsweise müder Gesang, den man auch bei allergrößtem Wohlwollen nicht mit dem guten, alten Rock' n Roll in Verbindung bringen kann.

 

Are You Sincere

Mit der Ballade möchte sich Elvis der Liebe seiner Herzdame versichern, klingt dabei aber so traurig und müde, als kenne er die Antwort bereits im Vorfeld. Zweifellos passt sein Gesang aber sehr gut zu dem Song und auch die sparsame Instrumentierung gefällt mir sehr.

Aufgenommen wurde Are You Sincere  am 23. September 1973 in Elvis' Privathaus in Palm Springs, Kalifornien. Nach vier Takes hatte der Meister das Lied im Kasten.

Im Original stammt die Ballade von Andy Williams, der Are You Sincere  bereits 1958 auf den Markt gebracht hatte.

 

Find Out What's Happening

Auch hier handelt es sich um eine Coverversion. Erstmals herausgebracht wurde der Song 1964 von den Spidells, geschrieben wurde er von Jerry Crutchfield.

Der Sänger droht seiner Partnerin mit dem Ende der Beziehung, sollte sie ihre Einstellungen nicht grundsätzlich überdenken.

Einmal mehr hinterlässt Elvis einen kraftlosen Eindruck, den man bei freundlicher Betrachtungsweise allerdings auch als Stilmittel der Interpretation durchgehen lassen könnte.

Insgesamt spielte der King neun Takes ein, bevor er sich an diesem 22. Juli 1973 dem Country-Pop-Titel I've Got A Thing About You Baby  zuwandte und dabei deutlich lebhafter klang.

 

I Miss You

Die Ballade stammt aus der Feder von Donnie Sumner und wurde von Elvis am 23. September 1973 in seinem Haus in Palm Springs, Kalifornien eingespielt.

Der King investierte viel Arbeit und gab sich erst mit dem fünfzehnten Versuch zufrieden.

Elvis trauert seiner Verflossenen hinterher und legt dabei jede Menge Gefühl in seinen Vortrag, ohne jedoch in den Kitsch abzugleiten. Dafür sorgt auch die recht sparsame Instrumentierung, die mir ebenfalls sehr gut gefällt.

 

Girl Of Mine

Der Schunkel-Country beendet die erste Seite der LP. Das Original stammt von Engelbert Humperdinck, die Version des Kings entstand am 24. Juli 1973 innerhalb von elf Takes.

Auch hier kann das schwungvolle Spiel der Band Elvis nicht zu größerem Einsatz bewegen, er klingt einfach nur traurig und matt.

 

For Ol' Times Sake

Da die B-Seite des Albums den Titel For Ol' Times Sake  trägt, beginnt diese auch mit dem besagten Song.

Geschrieben wurde er von Tony Joe White, der ihn auch als erster aufnahm. Elvis folgte am 23. Juli 1973 und lieferte mit dem achten Take wohl die definitive Fassung dieser wunderbaren Ballade ab.

Der Sänger wird gerade von seiner Frau verlassen und bittet sie, ihn ein letztes Mal in den Arm zu nehmen. Elvis' Stimme ist voller Trauer, aber ohne jedes Pathos und auch die vergleichsweise spärliche Instrumentierung trägt viel zur Atmosphäre der Aufnahme bei.

Leider wird For Ol' Times Sake  heute von den meisten Fans und Kritikern übersehen.

 

If You Don't Come Back

Auch diesen Song finde ich absolut großartig. James Burtons Wah-Wah-Effekt, der grandiose Gesang der Damen Westmoreland, Greene und Holladay und ein Elvis, der sich anhört, als befände er sich im tiefsten Delirium. Die Aufnahme klingt hochgradig funky, sehr atmosphärisch und -aus damaliger Sicht- absolut zeitgemäß.

Dass der Song so sehr nach den 1970ern klingt verwundert ein wenig, denn das Original stammt aus dem Jahr 1963 und wurde von den Drifters eingespielt. Komponiert wurde If You Don't Come Back  von Jerry Leiber und Mike Stoller, Elvis' Version entstand am 21. Juli 1973 innerhalb von neun Takes.

Mir ist natürlich klar, dass Elvis' Gesang mehr seinem desolaten Allgemeinzustand, als einer sauber ausgearbeiteten Interpretation geschuldet war. Trotzdem passt er hier perfekt und verleiht dem Song -wenn auch unbeabsichtigt- eine ganz eigene Note.

 

Just A Little Bit

Elvis wirbt um die Gunst einer Lady, doch klingt er dabei so müde und kraftlos, dass das Unterfangen wohl kaum von Erfolg gekrönt sein dürfte. Vermutlich hatte der King auch kein großes Interesse an dem Song, denn bereits den zweiten Versuch erklärte er zum Master-Take.

Komponiert wurde Just A Little Bit  von John Thornton, Piney Brown, Ralph Blass und Earl Washington. Erstmals aufgenommen wurde die Nummer 1959 von Tiny Topsy.

Das Desinteresse von Elvis finde ich besonders schade, weil seine Version deutlich besser arrangiert war als das Original und ein echtes Highlight hätte werden können.

 

Sweet Angeline

Diese Ballade hingegen gefällt mir recht gut. Der Sänger unterhielt eine offenbar innige, aber nicht auf Dauer angelegte Beziehung mit der besagten Dame und stellt ihr gegenüber nun seine Gefühle dar. Statt zu trauern, solle sie doch einfach dankbar sein für die Liebe, die sie mit ihm genießen durfte.

Elvis klingt dabei allerdings nicht chauvinistisch, sondern eher wehmütig und einmal mehr auch ein bisschen müde.

Die Musik und der Hintergrundgesang wurden am 25. Juli 1973 in den Stax Studios in Memphis aufgenommen, der King spielte seinen Part am 22. September in seinem Haus in Palm Springs ein.

Die Originalversion von Sweet Angeline  entstand 1971. Damals wurde die Ballade von ihren Autoren Chris Arnold, David Martin und Geoff Morrow gesungen.

 

Three Corn Patches

Das Album endet mit einem Rocker aus der Feder von Jerry Leiber und Mike Stoller.

Das Original wurde Anfang 1973 von T-Bone Walker eingespielt, Elvis' Version folgte am 21. Juli 1973. Fünfzehn Takes nahm der King von Three Corn Patches  auf, aber bei keinem der Durchläufe konnte er die Energie aufbringen, nach der die Nummer verlangt.

 

 

Session Highlights

I Miss You (Composite Of Takes 10 & 11)

Mir ist unklar, weshalb man nicht alle Outtakes unter dieser Rubrik zusammenfasst, sondern einige als Session Highlights deklariert und gesondert listet.

Auch kann ich nicht verstehen, warum Ernst Jorgensen zwei Outtakes zusammenschneiden lässt und die unsinnige Bastelarbeit als Composite  präsentiert.

Warum kann man nicht einfach den Fans die Aufnahmen so zugänglich machen, wie sie nun einmal sind?

 

Find Out What's Happening (Take 6)

Die Nummer klingt hier noch nicht so flüssig wie beim Master-Take, weit davon entfernt ist man jedoch nicht mehr.

 

It's Different Now (Rehearsal)

Elvis und die Studio-Band versuchten sich in einer Probe auch an diesem Song von Clive Westlake.

Schlussendlich wurde die Idee aber wieder verworfen, ernsthafte Aufnahmeversuche gibt es nicht.

Eine gekürzte Fassung dieser Probe war zuvor schon auf der Box Walk A Mile In My Shoes - The Essential 70s Masters  zu hören gewesen. FTD präsentiert hier nun die komplette Aufnahme.

 

Three Corn Patches (Takes 1 & 2)

Die Band steigt in den Song ein und bricht nach wenigen Takten wieder ab. Das Ganze hätte man auch locker als Fehlstart werten können, die Tonregie macht daraus jedoch Take 1.

Elvis kommentiert Can't kick this motherfucker!  und tritt im Anschluss auch gleich den Beweis an.

Zunächst singt er engagiert, muss darüber aber lachen und verfällt anschließend in einen müde, alt und lustlos klingenden Singsang.

Hier und dort spielt er ein wenig mit der Melodie herum, auch die Musiker und Chorsängerinnen müssen sich erst noch mit der Nummer vertraut machen.

 

If You Don't Come Back (Take 5)

Do one more? fragt Elvis, woraufhin man ihm bestätigt, dass noch ein Durchlauf gewünscht wird.

Der King hinterlässt auch hier einen müden Eindruck, wesentliche Unterschiede zum Master-Take gibt es nicht.

 

Girl Of Mine (Take9)

Auch dieser Durchlauf klingt mehr oder weniger wie die bekannte Fassung.

 

I Miss You (Take 5)

Das Arrangement klingt anders als beim zuvor gehörten Composite. Insgesamt wirkt der Song etwas zurückhaltender, was mir gut gefällt.

 

Three Corn Patches (Takes 13 & 14)

Als Gag singt Elvis Three Coins In A Fountain  von den Four Aces an. Take 13 ist nur ein kurzer Fehlstart.

Der 14. Durchlauf ist vollständig, am Ende singt der King Take it home, hey, hey...

 

Are You Sincere (Take 2)

Im Gegensatz zur veröffentlichten Version dominiert hier das Klavier, der Take bekommt dadurch eine ganz eigene Note.

Am Schluss spielt der Pianist einfach weiter, woraufhin Elvis ironisch klarstellt Donnie, that the end of the song!

 

Find Out What's Happening (Composite Of Takes 8 & 7)

Hier haben Ernst Jorgensen & Co. den unvollständigen Take 8 mit dem Ende des siebten Durchlaufs kombiniert.

Nett anzuhören, aber -wie bereits erwähnt- auf einem Sammler-Label absolut fehl am Platze.

 

For Ol' Times Sake (Take 4)

Auch beim vierten Take klingt Elvis herzergreifend traurig. Die Phrasierung würde er bis zum Master aber noch perfektionieren.

 

Instrumental Tracks

Color My Rainbow

Die Ballade wurde von Mark James komponiert, der Elvis zuvor auch schon den Nummer 1-Hit Suspicious Minds  geliefert hatte.

Die Band und der Chor spielten den Song am 25. Juli 1973 ein, der King sollte schlussendlich aber nie zu der Playbackaufnahme singen.

 

Sweet Angeline

Der Rhythm Track zu Sweet Angeline  entstand am selben Tag.

Hier fügte Elvis seine Stimme am 22. September 1973 in seinem Haus in Palm Springs hinzu. 

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