Moody Blue

Anno 2013 fand auch die letzte LP des Kings ihren Weg in die Classic Album-Serie von Follow That Dream Records.

Die erste CD enthält die Masters in derselben Reihenfolge wie auf dem Album, dann eine Alternativ-Version der LP und drei Bonus Tracks.

Merkwürdigerweise bezeichnet Ernst Jorgensen hier einige Titel als Undubbed Masters. Dieser Begriff ist schlichter Unsinn, denn der Master ist das Endprodukt. Bei den so betitelten Aufnahmen handelt es sich lediglich um die unbearbeiteten Master-Takes.

Auch sonst hantiert der Presley-Archivar sehr frei mit den Begrifflichkeiten, verkauft uns einen ReMix als unbearbeiteten Master oder bastelt sich auch mal aus zwei unvollständigen Aufnahmen eine neue.

Ich finde es schade, dass Ernst Jorgensen meint, solchen Humbug nötig zu haben.

Die zweite Disc ist ausschließlich den Outtakes gewidmiet, wobei auch hier einige Merkwürdigkeiten sowie zwei nicht auf der Original-LP enthaltene Songs zu finden sind.

Das Mastering der Aufnahmen wurde von Jean-Marc Juilland (CD 1) und Vic Anesini (CD 2) vorgenommen. Zudem zeichnet Mr. Anesini auch für die ReMixes verantwortlich.

 

The Album

Unchained Melody

Die Unchained Melody  wurde am 24. April 1977 in der Crisler Arena in Ann Arbor, Michigan aufgenommen.

Während sich Elvis auf der Bühne nur am Klavier begleitete und die Band dezent im Hintergrund blieb, ließ Felton Jarvis am 9. Mai und 9. Juni noch Bass, Perkussion und einen Moog Synthesizer hinzufügen. Außerdem mischte er die Backup-Sänger stärker in den Vordergrund und ließ Sherrill Nielsen das mit hoher Kopfstimme gesungene Finale korrigieren, da Elvis den letzten Ton nicht sauber getroffen hatte. Zudem wurde auch das nicht ganz ausgereifte Klavierspiel des Kings durch einen Overdub von Bobby Odgin ersetzt.

Das Ergebnis klingt wie eine kitschige Mini-Oper, aber auch extrem beeindruckend.

Erstmals zu hören war die Nummer 1955 als Titelsong des Films Unchained. Der Originalinterpret heißt Todd Duncan, insgesamt existieren aber mehr als 500 (!) Cover-Versionen. Die bekannteste davon stammt wohl von den Righteous Brothers, die 1990 durch den Blockbuster Ghost  zu einem weltweiten Erfolg wurde.

Von dem Bombast und der Dramatik der Presley-Aufnahme ist diese Fassung aber meilenweit entfernt..

 

If You Love Me (Let Me Know)

Der Country-Schlager war 1974 ein Top10-Hit für Olivia Newton-John gewesen und befand sich auch seit ebendiesem Jahr im Bühnenprogramm des Kings.

Geschrieben wurde der Titel von John Rostill, die hier zu hörende Aufnahme entstand während eines Auftritts am 25. April 1977 im Civic Center in Saginaw, Michigan.

Am 9. Mai ergänzte Felton Jarvis noch einige Instrumente, an dem etwas kraftlosen Vortrag des Kings konnte allerdings auch er nichts mehr ändern.

 

Little Darlin'

Die lustige Nummer wurde am 24. April 1977 in Ann Arbor aufgenommen und war von Elvis wohl eher als Gag für zwischendurch gedacht. Er nahm das Lied keinen Deut ernst und lachte sich über den Text und seine eigenen Witzchen kaputt.

Weil RCA aber verzweifelt neue Songs benötigte und es noch keine Presley-Veröffentlichung von Little Darlin'  gab, landete der Song auf dieser LP. Die Nachbearbeitungen fanden am 9. Mai in Nashville statt, bei dieser Session wurden zusätzliche Instrumente und neuer Hintergrundgesang eingespielt.

Geschrieben wurde der Titel übrigens von Maurice Williams, der ihn mit seiner Gruppe The Gladiolas auch als erster aufnahm. Den größten Hit hatten aber The Diamonds, die 1957 mit Little Darlin'  den zweiten Platz der Top 100 erreichten.

 

He'll Have To Go

Mit der Country-Ballade folgt nun erstmals eine Aufnahme, die nicht während eines Konzertes entstand. Wie auch schon am Vortag, so hatten sich die Musiker auch am 30. Oktober 1976 im Jungle Room der Graceland-Villa versammelt, um neue Lieder einzuspielen.

Doch Elvis verweigerte die Arbeit, so dass zunächst nur der Rhythm-Track aufgenommen werden konnte. Erst am nächsten Tag sang Elvis zu dem Playback und lieferte damit gleichzeitig auch seine letzte Studio-Aufnahme ab. Am 7. April 1977 wurde nachträglich eine Gitarre ergänzt.

In dem Song telefoniert der Sänger mit seiner Liebsten und fordert sie auf, sich zwischen ihm und dem anderen Mann zu entscheiden. Elvis klingt traurig und auch ein wenig müde. Er kämpft nicht um die Dame, sondern möchte nur eine Entscheidung. Mir gefällt die Stimmung des Liedes sehr gut und auch die Interpretation trifft voll und ganz meinen Geschmack.

Erstmals aufgenommen wurde dieser Song aus der Feder von Joe und Audrey Allison 1957 von Billy Brown. Obwohl He'll Have To Go  kein großer Erfolg wurde, coverte Jim Reeves zwei Jahre später das Lied und landete damit überraschenderweise einen Mega-Hit. Vierzehn Wochen lang hielt sich seine Single an der Spitze der Country Chart von Billboard und zählt damit zu den absoluten Spitzenreitern dieses Genres.

 

Let Me Be There

Dass der Song ein wenig an If You Love Me (Let Me Know)  erinnert, sollte nicht verwundern, denn auch hier heißen der Komponist John Rostill und die Originalinterpretin Olivia Newton-John.

Die Fans des Kings kannten die Aufnahme allerdings schon von der im Jahr 1974 veröffentlichten LP Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

Dass Felton Jarvis denselben Track hier noch einmal brachte, darf wohl als Verzweiflungstat des Produzenten gewertet werden.

 

Way Down

Dem Lückenfüller folgt die aktuelle Single des Kings. In der Country Chart konnte er damit einen Nummer-1-Hit verbuchen, in der Hot 100 erreichte er immerhin noch die Top40.

Ohne Frage kam der rockige Popsong beim Publikum an, obwohl ich Elvis' Gesang als ein wenig müde empfinde. Hätte er sich mehr engagiert, wäre aus Way Down  ein echtes Highlight geworden.

Geschrieben wurde der Titel von Layng Martine jr, die Aufnahme erfolgte am 29. Oktober 1976 im Jungle Room von Graceland.

Als Nummer des Mastertakes ist 2C angegeben, was daran liegt, dass Produzent Felton Jarvis mehrere Durchläufe als Take 2 bezeichnete oder gar nicht ansagte. Bei korrekter Zählweise wäre es Take 5 gewesen.

Zusätzliche Instrumente und Hintergrundgesang wurden am 22. Januar in Nashville ergänzt.

 

Pledging My Love

Am selben Tag wie Way Down  nahm Elvis auch diese Country-Ballade auf. Und im Gegensatz zu dem etwas müden Rocker kann man dem King bei dieser Nummer die Begeisterung förmlich anhören.

Das Original des von Ferdinand Washington und Don Robey geschriebenen Songs stammt aus dem Jahr 1955 von Johnny Ace und befand sich damals angeblich auch zeitweilig im Bühnenprogramm des jungen Elvis.

Einundzwanzig Jahre später benötigte er sechs Takes, bevor er die Nummer zu seiner Zufriedenheit auf dem Band hatte. Am 22. Januar wurden zusätzliche Instrumente und Hintergrundgesang ergänzt. Zudem kürzte Felton Jarvis die Aufnahme um mehr als zweieinhalb Minuten.

Die Fans kannten Pledging My Love  bereits von der zuvor erwähnten Way Down-Single.

 

Moody Blue

Der Song stammt aus der Feder von Mark James und wurde von Elvis am 4. Februar 1976 in seiner Villa Graceland in Memphis, Tennessee innerhalb von 10 Takes aufgenommen.

Später fügte Felton Jarvis im Young 'Un Sound Studio noch Bass (15. Februar), Schlagzeug (17. Februar), Gitarren (24. Februar) und Geigen (24. März) hinzu und kürzte die Aufnahme um etwa anderthalb Minuten.

Der Sänger hadert mit einer äußerst wechselhaft agierenden Dame und tut dies in Form eines flotten Popsongs mit Disco-Elementen. Dieser damals moderne Stil ist völlig untypisch für Elvis, passt aber sehr gut zu ihm und ist für den Einsatz im Radio wie geschaffen.

Die Originalversion stammt übrigens von Mark James selbst, der den Titel schon zwei Jahre vor Elvis auf einer Single herausbrachte.

Die Presley-Version war im November 1976 veröffentlicht worden und hatte dem King einen Nummer-1-Hit in der Country Chart beschert.

 

She Thinks I Still Care

Die B-Seite der besagten 45er wurde 1962 erstmals von George Jones aufgenommen. Für die Komposition zeichnete Dickey Lee verantwortlich.

Der Ich-Erzähler wurde von seiner Liebsten verlassen, weigert sich aber hartnäckig zuzugeben, dass ihm noch etwas an der Dame liegt.

Elvis mühte sich am 2. Februar 1976 durch 19 Takes (weil die Nummern 2 und 12 doppelt vergeben wurden, bildet offiziell Take 17 die Grundlage des Masters) und leistete sich auch bei der schlussendlich veröffentlichten Fassung die eine oder andere gesangliche Schwäche.

Nichtsdestotrotz klingt er streckenweise auch hier noch beeindruckend und interpretiert den Song sehr gefühlvoll und absolut glaubhaft.

Am 24. Februar wurde noch eine Gitarre ergänzt, die Streicher folgten am 24. März. Zudem kürzte Felton Jarvis die Aufnahme um etwas mehr als eine Minute.

 

It's Easy For You

Die LP endet mit einer traurigen Ballade aus der Feder von Tim Rice und Andrew Lloyd-Webber.

Am 29. Oktober 1976 nahm Elvis vier Takes davon auf, den zweiten Versuch wählte er schließlich zur Grundlage des Masters. Diese wurde am 6. April 1977 nachbearbeitet und mit einem Gitarren-Overdub versehen.

Der Ich-Erzähler wurde von der Geliebten verlassen, für die er einstmals seine Familie aufgab und muss nun feststellen, dass sich die Situation für ihn selbst ungleich schwieriger gestaltet als für seine ehemalige Affäre.

Auch hier legt Elvis wieder sehr viel Gefühl in den Vortrag und bringt den Song absolut glaubwürdig rüber.

Die meisten Fans und Kritiker können It's Easy For You  nicht viel abgewinnen, ich hingegen halte die Ballade für sehr gelungen und damit auch für einen schönen Abschluss des Albums.

 

The Alternate Album

Unchained Melody (Undubbed Master)

Elvis kündigt an, sich beim nächsten Lied selbst am Klavier begleiten zu wollen. Nach ein paar Scherzen geht es los und das Publikum bekommt einen Song zu hören, den es bis dato noch nicht in der Presley-Version kennt.

In der unbearbeiteten Form wird schnell klar, weshalb Felton Jarvis das doch recht grobschlächtig anmutende Klavierspiel des Kings durch eine Neuaufnahme von Bobby Odgin ersetzen ließ. Auch das nicht ganz saubere Finale ist hier eindeutig zu hören, Elvis selbst bemerkt am Ende I have done it better.

Schlecht klingt die Unchained Melody  auch hier nicht, nur eben längst nicht so perfekt und bombastisch wie auf der LP.

 

If You Love Me (Let Me Know) (Undubbed Master)

Im Gegensatz zum vorangegangenen Song halten sich hier die Unterschiede zu der schlussendlich veröffentlichten Fassung in Grenzen.

Der Mix fördert allerdings den kraftlosen Gesang des Meisters schonungslos zutage. 

 

Moody Blue (Take 6)

Prinzipiell klingt dieser Durchlauf dem Master-Take schon recht ähnlich.

Elvis hat allerdings noch merklich mit dem Timing zu kämpfen und setzt an einer Stelle sogar vollständig aus.

 

She Thinks I Still Care (Take 2B)

Der erste Take dieses Songs war ein Fehlstart, die erste durchgängige Fassung wurde als zweiter Take gezählt.

Felton Jarvis war sich dessen aber wohl kurze Zeit später nicht mehr bewusst, denn er nummerierte auch den folgenden Durchlauf mit der Nummer 2. Daher änderte man bei RCA die Bezeichnung auf 2B.

Elvis und seine Band probieren hier einen anderen Rhythmus aus und verleihen dem Song dadurch einen Touch von Blues.

Als Gag baut der King am Schluss das Wort sonofabitch  ein.

 

My Way

Eigentlich hat dieses Lied mit der LP Moody Blue  überhaupt nichts zu tun, man hätte hier besser eine andere Live-Aufnahme von Let Me Be There  heranziehen können.

Wie auch immer, diese Fassung des Sinatra-Klassikers stammt vom 25. April 1977 aus Saginaw/Michigan und war zuvor schon auf der FTD-CD Spring Tours '77  zu hören.

Elvis trägt das Lied sehr gut vor, am Ende ist das Publikum völlig begeistert und spendet großzügig Applaus.

 

Way Down (Undubbed Master)

Hier bekommen wir wieder einen unbearbeiteten Master-Take zu hören. Abermals kam Felton Jarvis mit der Nummerierung durcheinander und sagte gleich drei Durchgänge als Take 2 an. Somit handelt es sich hier um den Take 2C.

In der Originalfassung hört man jetzt auch deutlich, wie Elvis beim Wort hold  zu früh ansetzt. Bei der Nachbearbeitung hat man hier das Mikrophon des Kings einfach kurz stummgeschaltet.

 

Little Darlin' (Undubbed Master)

Weil das Lied im Frühjahr 1977 schon längst von der regulären Set List verschwunden war, klingt diese spontane Performance ohne die nachträglichen Overdubs ein bisschen ungeschliffen.

 

He'll Have To Go (Rough Mix)

Leider exisiteren von diesem Song keine Alternativ-Versionen, da Elvis über einen vorproduzierten Music Track (Take 2) sang und offenbar immer dasselbe Tonband benutzte. Somit blieb der Nachwelt nur die als veröffentlichungswürdig empfundene Gesangsaufnahme erhalten.

FTD liefert uns hier die ursprüngliche, grobe Abmischung. Dieser Mix diente dazu, den Beteiligten einen ersten Eindruck von der Aufnahme zu vermitteln.

 

Pledging My Love (Composite Of Rehearsal & Take 3)

Diesen Track habe ich mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis genommen, denn der Sinn mag sich mir nicht erschließen.

Ernst Jorgensen & Co. haben hier aus einer teilweise mitgeschnittenen Probe und dem vollständig durchgespielten Take 3 eine neue Aufnahme zusammengeschnitten.

Aus meiner Sicht hat so ein Mumpitz auf einer Veröffentlichung wie dieser absolut nichts verloren.

 

It's Easy For You (Take 1)

I get carried away very easily - emotional sonofabitch!  sagt Elvis.

Direkt im Anschluss beweist er, dass seine Aussage durchaus gerechtfertigt war, denn schon der erste Versuch klingt nahezu perfekt.

Elvis wringt jedes Fünkchen Emotion aus dem Song heraus, ist bei großartiger Stimme und man glaubt ihm jedes Wort.

Schon dieser erste Durchlauf hätte als Master-Take durchgehen können.

 

Bonus Tracks

She Thinks I Still Care (Takes 1 & 2A)

Nachdem wir vorhin bereits den dritten Take (durch die chaotische Zählweise als Nummer 2B archiviert) gehört haben, folgen nun die ersten beiden Anläufe.

Weshalb FTD diese Aufnahme als Bonus Track (und nicht als regulären Outtake) präsentiert, bleibt ebenso ein Geheimnis wie der Sinn hinter der Bastelei mit dem Song Pledging My Love.

Der erste Take besteht nur aus einem vom Chor gesungenen Intro. Beim zweiten Anlauf funktioniert der Einstieg und das Ergebnis klingt, obwohl der King noch ein wenig mit der Phrasierung zu kämpfen hat, schon recht gut.

 

America The Beautiful

Im November 1977 koppelte RCA aus dem Album Elvis In Concert  den Titel My Way  aus. Für die B-Seite der Single wählte man einen bis dato von Elvis unbekannten Song, nämlich eben das hier zu hörende America The Beautiful.

Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine professionelle Aufnahme, sondern um einen Mischpultmitschnitt der Midnight Show am 13. Dezember 1975 im Las Vegas Hilton. Bei der Tonqualität müssen daher Abstriche gemacht werden.

Der Vortrag selbst ist allerdings sehr gut, zumal sich Elvis hier in stimmlicher Hochform befindet.


Softly, As I Leave You

Der letzte Titel der CD stammt aus derselben Quelle und auch das Konzept von RCA war ähnlich.

Anfang 1978 veröffentlichte das Label eine professionelle Live-Aufnahme der Unchained Melody  auf einer Single. Der Track war am 21. Juni 1977 im Rahmen des Elvis In Concert - Projekts entstanden, aber für die TV-Show und das Soundtrack-Album nicht genutzt worden.

Da man auch hier wieder auf der B-Seite ein unbekanntes Lied präsentieren wollte, griff man abermals auf den Soundboard-Mitschnitt vom 13. Dezember 1975 zurück.

Elvis spricht hier den Text, während Sherrill Nielsen die Worte im Hintergrund singt. Die letzte Zeile singen die beiden schließlich gemeinsam.

Insgesamt ist der Vortrag sehr ergreifend und ich finde es Schade, dass Elvis und Sherrill den Song nicht in dieser Form professionell eingespielt haben.

 

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