Love Letters From Elvis

Anno 2008 veröffentlicht Follow That Dream Records eine Classic Album-Ausgabe der 1971er LP Love Letters From Elvis.

Das Set besteht aus zwei CDs, die neben den Tracks des Original-Albums auch Bonus Songs, Outtakes und die allseits beliebten Undubbed Masters enthält.

Letzterer Begriff ist natürlich Unsinn, denn ein Master ist das Endprodukt. Wir hören hier also entweder die unbearbeiteten Master-Takes oder einen Zusammenschnitt mehrerer Durchläufe, der die Arbeitsgrundlage für weitere Produktionsschritte darstellte.

Bei den Masters griff FTD auf die Neubearbeitungen von Vic Anesini zurück, der den Presley-Katalog damals gerade frisch restauriert hatte. Unter anderem fanden sich seine Arbeiten später auch auf der Mammut-Box The Complete Elvis Presley Masters.

Den Mix und das Mastering der Outtakes übernahm Lene Reidel.

 

The Album

Love Letters

Für die Fans war diese Ballade ein alter Hut. Bereits 1966 war sie auf einer Single veröffentlicht worden, zwei Jahre später war der Song ebenfalls auf dem Album Elvis' Gold Records Volume 4  zu hören gewesen.

Auf dieser neuen LP liefert der King allerdings eine Neueinspielung vom 7. Juni 1970 (die Geigen wurden am 27. Oktober ergänzt). Damit reagierte er angeblich auf den Wunsch seines Pianisten David Briggs, der mit seiner Performance aus dem Jahr 1966 unzufrieden war.

Und so spielte man weitere fünf Takes von Love Letters  ein, die jedoch atmosphärisch nicht an die bereits veröffentlichte Fassung herankamen. Das Lied klingt ganz nett, mehr aber auch nicht.

 

When I'm Over You

Der Sänger befürchtet den vollständigen emotionalen Zusammenbruch, sollte seine Liebste ihn jemals verlassen.

Viel Text hat dieser Song aus der Feder von Shirl Milete nicht zu bieten und auch Elvis schien sich nicht lange damit beschäftigen zu wollen und erklärte bereits den ersten Versuch trotz diverser gesanglicher Fehler zum Master-Take.

Felton Jarvis löste das Problem, indem er die Aufnahme vom 7. Juni 1970 in der Nachbearbeitung mit großzügig bemessenem Chorgesang (1. Oktober 1970) und einer Armada von Geigen (27. Oktober 1970) ergänzte und so die Unzulänglichkeiten seines Chefs geflissentlich überspielte.

Ich muss allerdings zugeben, dass When I'm Over You  zum meinen Guilty Pleasures gehört und ich mir den Song trotz aller Umstände sehr mag.

 

If I Where You

Die Ballade wurde von Gerald Nelson geschrieben und von Elvis am 8. Juni 1970 innerhalb von neun Takes aufgenommen. Blechbläser und Streicher ergänzte man am 30. Juni, der Hintergrundgesang folgte am 1. Oktober.

Der Interpret ist eigentlich ein Einzelgänger, doch diesmal hat er sich verliebt und hofft nun, von der Dame seines Herzens auch entsprechend erhört zu werden.

Elvis singt das Lied sehr gefühlvoll und auch die angenehme Melodie trägt ihren Teil dazu bei, If I Where You  zu einem Highlight dieser LP zu machen.

 

Got My MoJo Working / Keep Your Hands Off Of It

Hier handelt es sich weniger um eine durchdachte Aufnahme, als vielmehr um einen spontanen Jam, der am 5. Juni 1970 von Felton Jarvis mehr oder minder zufällig mitgeschnitten wurde.

Elvis und seine Mannen sprühen nur so vor Spielfreude und wechseln munter zwischen den beiden Songs hin und her.

Schlussendlich kürzte Jarvis den Take nur noch ein wenig, entfernte den einen oder anderen Kraftausdruck des Kings und fügte Hintergrundgesang (22. Juni) und Blechbläser (30. Juni und 20. Juli) hinzu.

Das Endergebnis kann sich hören lassen, die Nummer hat so richtig Dampf und Elvis ist voll in seinem Element.

 

Heart Of Rome

Die erste Seite der LP endet mit einer Komposition von Geoff Stephens, Alan Blaikly und Ken Howard.

Elvis nahm sie am 6. Juni 1970 auf, den Master schnitt man aus den Takes 3 und 1 (Workpart) zusammen. Geigen und Blechbläser folgten am 20. Juli.

Wie es der Titel bereits vermuten lässt, befindet sich der Sänger in der Hauptstadt Italiens und betrauert dort stimmgewaltig und melodramatisch die Abwesenheit seiner Liebsten.

Im Juli 1971 veröffentlichte RCA Victor den Song übrigens auch auf der B-Seite der Single I'm Leavin'.

 

Only Believe

Es handelt sich hier um die Coverversion eines Songs namens All Things Are Possible  der Harmonizing Four aus dem Jahr 1957. Tatsächlich geschrieben wurde der Titel aber bereits 1921 von Daniel Paul Rader.

Die Botschaft lautet: Alles ist möglich, wenn Du nur an den lieben Gott glaubst.

Obwohl der Text simpel ist und sich Elvis gesanglich den einen oder anderen Schnitzer erlaubt, gefällt mir dieses Lied recht gut. Ich weiß nicht warum, aber ich mag es.

Die Aufnahme entstand übrigens am 8. Juni 1970 innerhalb von vier Takes. Die Geigen wurden am 20. Juli ergänzt, der Hintergrundgesang folgte am 1. Oktober.

Auf der Bühne sang Elvis Only Believe  nur selten, es existiert aber eine Mischpult-Aufnahme vom 27. Januar 1971 aus Las Vegas.

Im Mai 1971 veröffentlichte RCA Victor den Song zusammen mit Life  auf einer Single.

 

This Is Our Dance

Die Ballade stammt aus der Feder von Les Reed und Geoff Stephens und wurde von Elvis am 6. Juni 1970 aufgenommen. Elf Takes benötigte der King für diesen romantischen Schlager, der zwar alles andere als ein musikalisches Schwergewicht ist, aber immerhin mit einer eingängigen Melodie aufwarten kann und von Elvis grandios gesungen wird.

Am 22. Juni ließ Felton Jarvis den Hintergrundgesang einspielen, Streicher und Blechbläser folgten am 30. Juni.

Offenbar klang die Aufnahme dem King und seinem Produzenten danach immer noch nicht süßlich genug, so dass am 27. Oktober weitere Geigen hinzugefügt wurden.

 

Cindy Cindy

Der Song von Buddy Kaye, Ben Weisman und Dolores Fuller basiert auf Get Along Home, Cindy  von Lulu Belle & Scotty aus dem Jahr 1934 und wird von Elvis und seinen Mannen mit hörbarer Sanges- und Spielfreude vorgetragen.

Nach nur drei Takes war die Nummer am 4. Juni 1970 im Kasten. Nachträglich wurden noch Hintergrundgesang (22. Juni und 1. Oktober) und Blechbläser (20. Juli) aufgenommen.

 

I'll Never Know

In den 1960ern zeichneten Fred Karger, Ben Weisman und Sid Wayne für eine ganze Reihe von Filmschlagern verantwortlich, für die Nashville-Sessions vom Juni 1970 lieferten sie Elvis diese schöne Ballade.

Aufgenommen wurde sie am 5. Juni 1970 innerhalb von sieben Takes. Der Hintergrundgesang entstand am 22. Juni und 1. Oktober, Streicher und Blechbläser wurden am 30. Juni hinzugefügt.

Die einschmeichelnde Melodie und Elvis' gefühlvoller Vortrag machen I'll Never Know  zu einem echten Highlight, das heute leider ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

 

It Ain't No Big Thing (But It's Growing)

Die Country-Ballade wurde von Shorty Hall, Alice Joy Merritt und Neal Merritt geschrieben und 1967 von Charlie Louvin erstmals aufgenommen. Die Version des Kings stammt vom 6. Juni 1970.

Trotz eines deutlich vernehmbaren Schmatzers nach den Worten You're loosing interest  erklärte Elvis den neunten Versuch zum Master-Take.

Abgesehen von dieser kleinen Nachlässigkeit ist der Vortrag aber makellos und man nimmt dem King die Trauer über die langsam erkaltende Beziehung zu seiner Frau jederzeit ab.

Am 22. Juni und 1. Oktober wurde der Backup-Gesang eingespielt, die Streicher und Blechbläser nahm man am 30. Juni und 27. Oktober auf.

 

Life

Das Album endet mit Life, der Single-Veröffentlichung vom Mai 1971.

Geschrieben und erstmals herausgebracht wurde der Song 1969 von Shirl Milete, Elvis' Version entstand am 6. Juni 1970 innerhalb von 20 Takes. Am 22. Juni folgte der Hintergrundgesang, Streicher und Blechbläser wurden am 30. Juni aufgenommen. Als finalen Produktionsschritt ließ Felton Jarvis am 27. Oktober zusätzliche Streicher einspielen.

Inhaltlich beschreibt Life  die Geschichte des Lebens (und zwar inklusive biblischer Schöpfungslehre, Urknall-Theorie und Ankunft des Heilands!), um schlussendlich zu dem Fazit zu gelangen, dass das Leben nichts anderes sei, als die universelle, göttliche Liebe.

Für mich zählt dieser Song zu den großen Leistungen des Interpreten Elvis Aron Presley, denn irgendwie schafft es der King, diesen ganzen religiös-verschwurbelten Mumpitz dermaßen ergreifend und überzeugend vorzutragen, dass selbst ich dazu geneigt bin, mein Gehirn auszuschalten und ihm den ganzen Käse drei Minuten lang einfach zu glauben.

 

New Bonus Songs

The Sound Of Your Cry

Die Giant/Baum/Kaye-Komposition nahm Elvis am 4. Juni 1970 innerhalb von zehn Takes auf. Am 22. Juni wurde der Hintergrundgesang ergänzt, Blechbläser und Streicher folgten am 30. desselben Monats. Im finalen Produktionsschritt kürzte Felton Jarvis die Aufnahme am 1. Oktober um mehr als eine Minute und fügte weiteren Backup-Gesang hinzu.

Der Ich-Erzähler verlässt hier seine Frau still und heimlich in der Nacht, weil er eine Szene fürchtet und ihre Tränen nicht ertragen könnte. Für mich klingt das Lied ein wenig nach Musical, aber vielleicht ist es gerade dieser Umstand, der es etwas von den üblichen Titeln dieser Tage abhebt.

Obwohl es sich bei The Sound Of Your Cry  nur um die B-Seite von It's Only Love  handelte und die Verkaufszahlen der Single nun wirklich nicht berauschend waren, veröffentlichte RCA Victor den Song 1981 auf der LP Greatest Hits Volume 1.

 

Sylvia

Stimmgewaltig und schmachtend verzehrt sich der Interpret nach der titelgebenden Dame, die ihn jedoch ignoriert und einfach nicht anruft.

Elvis nahm den Song von Geoff Stephens und Les Reed am 8. Juni 1970 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee auf. Der neunte Versuch wurde zum Master-Take, Nachbearbeitungen erfolgten am 9. Juni (zusätzliche Instrumente), 22. Juni (Hintergrundgesang), 20. Juli (Streicher und Blechbläser) und 22. Juli (weitere Streicher).

Allerdings schien der King von seinem Werk nicht wirklich überzeugt zu sein, denn auf den Alben That's The Way It Is  (1970), Elvis Country - I'm 10,000 Years Old  (1971) und Love Letters From Elvis  (1971) fand es keine Verwendung. Weshalb sie 1972 schlussendlich doch noch auf der LP Elvis Now  veröffentlicht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Rags To Riches

Stimmgewaltig und höchst dramatisch hofft der Interpret, alles würde sich zum Guten wenden, wenn ihn seine Liebste doch nur erhört.

Die Originalversion von Tony Bennett kam bereits 1953 auf den Markt, die Autoren heißen Richard Adler und Jerry Ross. Elvis spielte den Song am 22. September 1970 ein, den Master-Take schnitt man aus den Versuchen 4 und 3 (nur eine Zeile) zusammen. Das Piano-Intro und den Hintergrundgesang ließ Felton Jarvis einen Tag später aufnehmen.

Auf der Konzertbühne kam Rags To Riches  nur ein einziges Mal zum Einsatz. Während der Silvester-Show 1976/77 in Pittsburgh setzte sich Elvis spontan ans Klavier und trug eine improvisierte, aber dennoch beeindruckende Version dieser dramatischen Ballade vor.

Die Erstveröffentlichung der Schallplattenaufnahme erfolgte Anfang 1971 auf der B-Seite der Single Where Did They Go, Lord.

Bei RCA handelte man die Nummer auch als einen Kandidaten für das Album Love Letters From Elvis, schlussendlich ließ man die Idee aber wieder fallen, so dass der Song bis ins Jahr 1980 nur im Single-Format erhältlich war.

Erst dann war das Lied im Rahmen der Sammler-Box Elvis Aron Presley  auch auf einem Long Player zu haben.

 

Something

Die meisten Elvis-Fans kennen die Aufnahme vom 14. Januar 1973, die im Rahmen des TV-Specials Aloha From Hawaii Via Satellite  entstand.

Aber der King probierte sich bereits im Sommer 1970 an dem Song, während seines Vegas-Gastspiels im Januar und Februar 1971 gehörte Something  gar zum Standardprogramm.

Die hier zu hörende Aufnahme entstand während der Midnight Show am 11. August 1970 im International Hotel in Las Vegas und war im Rahmen des Projekts That's The Way It Is  aufgenommen worden.

Da das Lied weder im Film, noch auf dem Soundtrack-Album Verwendung gefunden hatte, diskutierte man es Anfang 1971 als Kandidaten für Love Letters From Elvis.

Komponiert wurde die Ballade von George Harrison, veröffentlicht wurde sie Ende 1969 auf dem Album Abbey Road  und zusammen mit Come Together  auf einer Single.

Elvis kündigte das Lied daher mit den Worten From The Beatles' songbook, ladies and gentlemen... an.

Aus meiner Sicht klingt dieses frühe Arrangement besser als das von der Aloha-Show bekannte und auch gesanglich operierte der King auf höherem Niveau.

 

First Takes

The Sound Of Your Cry (Takes 1-3)

Wir hören Studio-Gespräche und Übungen. Beim ersten Take verfehlt Elvis so manchen Ton und auch mit der Betonung hat er noch arg zu kämpfen. Schlussendlich bricht er lachend mit den Worten Just hold it, man!  ab.

Take 2 besteht nur aus Übungen und ein paar Takten des Songs.

Beim dritten Anlauf hat Elvis noch immer mit der Betonung zu kämpfen und auch hier sitzt noch nicht jeder Ton. Aber immerhin schafft man es jetzt, die Nummer einmal komplett durchzuspielen.

Besonders das Ende scheint dem King zu gefallen, denn es wird schier endlos wiederholt. Am Ende singt Elvis als Gag bewusst hysterisch.

 

Cindy Cindy (Take 1)

Der Country-Rock scheint niemanden vor größere Herausforderungen zu stellen, der King und seine Mannen haben hörbar ihren Spaß daran.

Besonders gut gefällt mir das ausgiebige Gitarren-Solo, bei dem James Burton so richtig schön improvisieren kann.

Am Schluss singt Elvis Fade this motherfucker.

 

I'll Never Know (Take 1)

Der King und seine Jungs besprechen den Song und suchen ein passendes Intro.

Der erste Take wird langsamer gespielt, als die später veröffentlichte Version. Hier und dort muss Elvis noch an seiner Betonung arbeiten, insgesamt funktioniert die Ballade aber schon sehr gut. Zwischendurch gerät er allerdings kurz aus dem Tritt und bringt die Worte goddamn  und motherfucker  im Text unter.

Am Ende muss Elvis lachen und sagt I almost fell, leaning against this fuckin' wall.

 

It Ain't No Big Thing (But It's Growing) (Takes 1 & 2)

Offenbar hat die Band ein Problem damit, in den Song hineinzufinden. Wir hören ein paar Versuche und auch Take 1 besteht nur aus dem Intro.

Beim zweiten Anlauf wird die Ballade dann allerdings komplett durchgespielt und scheint niemandem Probleme zu bereiten.

Abermals glänzt James Burton mit einem schönen Solo (diesmal mit einer akustischen Gitarre) und auch das Country-Piano gefällt mir gut.

 

Life (Takes 1 & 2)

Der erste Take wird nach etwa vierzig Sekunden abgebrochen, danach sprechen sich die Musiker ab. Insbesondere die Gitarrenläufe werden geübt.

Der Song wird bei diesen frühen Takes noch etwas schneller gespielt und Elvis sucht noch nach der richtigen Betonung.

 

Heart Of Rome (Take 1)

Hier gibt es keinen offiziellen Start der Aufnahme. Die Musiker üben ihre Parts und jammen ein wenig vor sich hin, woraufhin Elvis einfach mit einsteigt.

Konsequenterweise klingt die dramatische Ballade hier noch recht improvisiert, funktioniert für einen ersten Durchlauf aber schon überraschend gut.

 

If I Where You (Take 1)

Das Lied wird hier etwas schneller gespielt, zudem singt Elvis noch nicht so gefühlvoll und weiß offenbar auch noch nicht so genau, wie er den Text auf die Zählzeiten verteilen soll.

Die Musiker beenden den Song vorzeitig, danach wird ein Teil des Songs geprobt. Hier wird die Aufnahme jedoch ausgeblendet.

 

Rags To Riches (Rehearsal & Take 2)

Der King produziert ein paar hysterische Geräusche und kommentiert treffend Go apeshit.

Dann beginnt eine Probe, bei der Elvis allerdings auch zwischenzeitlich lachen muss und später vorzeitig abbricht.

Im Anschluss befürchtet der Meister, von den Kopfhörern elektrisch hingerichtet zu werden und erklärt, dass er später am Abend noch den Flug erwischen müsse. Insgesamt wirkt Elvis hier recht aufgedreht.

Der zweite Take geht vollständig durch, zum Schluss bemerkt der King Too slow, just a hair too slow.

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