From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee

Anno 2012 nimmt Follow That Dream Records auch die 1976er LP From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee  in die Riege der Classic Albums auf.

Wie üblich handelt es sich um eine Doppel-CD, verpackt in einem 7" Digipak und begleitet von einem Booklet mit Hintergrundinformationen und Fotos.

Produziert wurde das Set von Ernst Jorgensen und Roger Semon, die Zusammenstellung der Aufnahmen übernahm Jean-Marc Juilland.

Letzterer zeichnet auch zusammen mit Vic Anesini für das Mastering verantwortlich.

Es sei schon einmal vorweggenommen, dass die Aufnahmen ganz vorzüglich klingen - die bekannten Masters ebenso wie die Outtakes.

Die erste CD enthält die Songs des Albums, danach hören wir die Titel als "Alternate Album" in derselben Reihenfolge, diesmal jedoch in Form von Outtakes. Auch die Single-Auskopplung wird in diesem Stil zu Gehör gebracht.

Auf der zweiten CD präsentiert man uns weitere Outtakes, diesmal als "Making Of" deklariert.

 

The Album

Hurt

Die Aufnahme entstand am 5. Februar 1976 innerhalb von sieben Takes, später wurde noch Hintergrundgesang (16. Februar) und ein Schlagzeug (17. Februar) hinzugefügt.

Neu war der von Jamie Crane und Al Jacobs geschriebene Song freilich nicht, schon 1954 hatte sich Roy Hamilton damit unter den ersten zehn der R&B Chart platziert, 1961 erreichte Timi Yuro sogar Rang 5 der Hot 100. RCA hatte den Song im Vorfeld des Albums auf der B-Seite der Single For The Heart  veröffentlicht und dem King somit immerhin einen Top 30-Hit beschert.

Mir persönlich gefällt diese Herzschmerz-Nummer sehr. Die Liebste hat sich partnerschaftlich neu orientiert und der Sänger bringt sein Leid mit opernhaftem Geknödel wehklagend zum Ausdruck. Elvis legt sehr viel Gefühl in den Song und man nimmt ihm den Text jederzeit ab.

In seinen Bühnenshows brachte der King Hurt  regelmäßig zum Einsatz, eine Live-Aufnahme findet sich auf dem Doppel-Album Elvis In Concert  (1977).

 

Never Again

Auch hier geht es um den Schmerz einer verlorenen Liebe. Diesmal schwört sich der Sänger jedoch, solche Gefühle niemals wieder zuzulassen, da er einen weiteren Verlust nicht ertragen könnte.

Geschrieben wurde das Lied von Billy Ed Wheeler und Jerry Chesnut, die dem King drei Jahre zuvor auch das großartige It's Midnight  geliefert hatten.

Elvis singt diesen wunderbar getragenen Song nicht nur, er lebt ihn förmlich, so dass man ihm auch hier jedes Wort unbesehen glauben mag.

Aufgenommen wurde der Titel übrigens am 6. Februar 1976, Take 14 wurde zum Master-Take. Am 16. und 17. Februar ergänzte Felton Jarvis den Hintergrundgesang und das Schlagzeug, am 24. März folgten die Streicher. 

 

Blue Eyes Crying In The Rain

Die meisten Fans dürften seinerzeit die Ballade noch in der Version von Willie Nelson im Ohr gehabt haben, der damit im Jahre 1975 einen Nummer-1-Hit in der Country Chart verbucht hatte. Erstmals aufgenommen wurde dieser Klassiker aus der Feder von Fred Rose jedoch schon 1945 von Roy Acuff.

Auch hier geht es wieder um die Trennung von der Liebsten, wobei der Sänger sicher ist, dass es sich um einen Abschied für immer handelt.

Elvis nahm Blue Eyes Crying In The Rain  am 7. Februar 1976 innerhalb von 5 Takes auf, neun Tage später wurde der Hintergrundgesang hinzugefügt.

Der King klingt hier streckenweise etwas nasal, was Felton Jarvis durch das Hinzufügen von künstlichem Echo zu kaschieren versuchte. 

 

Danny Boy

Das Lied wurde 1910 von Frederic Weatherly auf die Melodie von Londonderry Air  geschrieben. In Erwartung des eigenen Todes verabschiedet sich hier ein Vater von seinem in die Welt hinausziehenden Sohn und drückt dabei mächtig auf die Tränendrüse.

Einmal mehr erweist sich der King als absoluter Meister der Interpretation, seine Stimme ist voller Schmerz und Trauer und klingt dabei absolut beeindruckend. Besser kann man Danny Boy  schlicht und einfach nicht singen!

Erstmals aufgenommen wurde das Lied übrigens im Jahr 1915 von Ernestine Schuhmann-Heink. Elvis' Version stammt vom 5. Februar 1976, er benötigte für den Song 10 Takes. 

 

The Last Farewell

Dass der ehemalige King Of Rock'n'Roll ausgerechnet ein Lied von Roger Whittaker aufgenommen hat, gilt vielen Fans und Kritikern bis heute als einer der größten Fehltritte seiner Kariere. Tatsächlich aber liebte Elvis diesen Song und wollte ihn unbedingt singen.

Whittaker moderierte 1971 eine Radioshow und forderte darin die Zuhörer auf, ihm Texte zu schicken, die er dann vertonen und in der nächsten Sendung vortragen wollte. Ein Schmied namens Ron A. Webster schickte ein Gedicht mit dem Titel The Last Farewell, in dem sich ein britischer Soldat auf einer Südsee-Insel von seiner Liebsten verabschieden muss. Er wurde wieder in die Heimat beordert und weiß, dass er die Frau niemals wiedersehen wird. Whittaker schrieb eine sentimentale Melodie zu dem Text und verkaufte damit mehr als 11 Millionen Singles.

Elvis spielte seine Version am 2. Februar 1976 ein, die Grundlage des Masters bildete eine Kombination aus den Takes 3 und 5. Später wurde noch der Backup-Gesang von Sherrill Nielsen hinzugefügt, die Geigen folgten am 24. März.

Obwohl mir die Aufnahme sehr gefällt, verdecken die Overdubs aus meiner Sicht zu viele Details des Master-Takes. Weniger wäre hier sicherlich mehr gewesen.  

 

For The Heart

Der Swamp-Rocker stammt aus der Feder von Dennis Linde, der dem King vier Jahre zuvor schon Burning Love  geliefert hatte.

Elvis' Version entstand am 5. Februar 1976 (mit Bass-Overdubs vom 15. Februar und Hintergrundgesang vom 16. Februar), erstmals veröffentlicht wurde der Titel jedoch ein Jahr zuvor von Teresa Brewer.

Mir gefällt dieser Song so richtig gut. Der King ist mit vollem Einsatz dabei und harmoniert ganz wunderbar mit den Hintergrundsängern, die mich hier ein wenig an die guten, alten Zeiten mit den Jordanaires erinnern.

Wie bereits erwähnt, hatte RCA den Song im März 1976 zusammen mit Hurt  auf einer Single veröffentlicht. Weil Billboard die eigentliche B-Seite als Hauptsong betrachtet, notiert Billboard For The Heart  nur in der Country Chart. Die Höchstplatzierung ist Rang 45.

 

Bitter They Are, Harder They Fall

Nach dem kurzen Ausflug in rhythmische Gefilde kehrt das Album mit dieser Larry Gatlin-Komposition wieder zu den langsamen, groß orchestrierten Balladen zurück.

Gatlin selbst nahm den Song 1973 erstmals auf, Elvis folgte ihm am 2. Februar 1976 und benötigte für seine Version sieben Takes.

Der Backup-Gesang von Sherrill Nielsen wurde nachträglich hinzugefügt, ebenso wie die Streicher (24. März).

Auch hier betrauert der Sänger mit viel Pathos das Scheitern seiner großen Liebe und einmal mehr liefert Elvis einen absolut glaubwürdigen Vortrag ab.

 

Solitaire

Die Nummer bleibt dem Thema des Albums treu und beschreibt das Schicksal eines Mannes, der von seiner Frau verlassen wurde und nun einsam seine Zeit mit dem Kartenspiel verbringt.

 Elvis singt das Lied sehr ergreifend, unverkennbar schwingen in seiner Stimme Trauer und Einsamkeit mit.

Auch wenn der King das Original von Neil Sedaka sehr zum Missfallen des Komponisten ein wenig veränderte, gehört dieser Song zu meinen absoluten Favoriten dieser LP.

Die Aufnahme entstand übrigens am 3. Februar 1976, Take 11 wurde zum Master-Take. Die Streicher wurden am 24. März ergänzt.  

 

Love Coming Down

Bereits ein Jahr vor Elvis nahm der Country-Star George Jones diese Ballade auf.

Die Version des Kings folgte am 6. Februar 1976, Take 5 bildete die Grundlage für den Master. Später wurden noch Bass (15. Februar), Hintergrundgesang (16. Februar), eine Gitarre (24. Februar) und Streicher (24. März) hinzugefügt.

Geschrieben wurde Love Coming Down von Jerry Chesnut, der auch an dem ebenfalls auf dieser LP zu hörenden Never Again  beteiligt war.

Der Sänger entschuldigt sich hier bei seiner Frau, die er offenbar lange Zeit vernachlässigt hat, weil ihm seine Kariere wichtiger war. Nun will sie ihn verlassen und er bittet um eine letzte Chance.

Elvis tut dies einmal mehr dermaßen glaubwürdig, dass man fast meinen könnte, er offenbare hier einen Teil seiner wahren Gefühle.  

 

I'll Never Fall In Love Again

Die Ballade stammt aus der Feder von Jimmy Currie und Lonnie Donegan, der sie auch 1962 als erster aufnahm. Den großen Hit landete damit allerdings fünf Jahre später Tom Jones, dessen Version auf dem zweiten Platz der UK-Charts landete und in den USA zur Nummer 1 der Easy Listening Chart wurde.

Am 4. Februar 1976 spielte Elvis zunächst fünf Takes von I'll Never Fall In Love Again  ein, bevor er aufgab und sich Moody Blue  zuwandte. Nach weiteren sechs Durchläufen erklärte er schließlich den insgesamt neunten Versuch (die Nummerierung wurde nach der ersten Session fortgesetzt) zum Master-Take. Dieser wurde am 24. März mit Streichern ergänzt.

Der Interpret wurde von seiner Frau betrogen und schwört der Liebe nun endgültig ab. Aufrichtig klingt der King auch hier, über weite Strecken klingt er jedoch angestrengt.

 

 

Session Highlights: The Alternate Album

Hurt (Takes 1 & 2)

Nach dem Intro benötigt Elvis zu viel Zeit zum Luftholen und kommt dadurch mit dem Timing ins Schleudern. Später leistet er sich auch noch einen Text-Patzer und singt You said our love was new  anstatt ...your love was true  und kämpft auch ansonsten noch stark mit der Phrasierung.

Als ihm dann nach etwa einer Minute auch noch die Stimme wegbricht, beendet er die Aufnahme.

Der zweite Take läuft ebenfalls noch nicht perfekt, wird aber vollständig durchgespielt.

 

Never Again (Take 11)

Beim elften Anlauf haben Elvis und seine Crew die Nummer schon gut im Griff.

Der Gesang und das Timing des Kings sind hier allerdings noch nicht 100%ig korrekt.

Interessant ist auch, dass James Burton an der Akustik-Gitarre etwas andere Läufe spielt als bei der Master-Version.

 

Blue Eyes Crying In The Rain (Take 4)

Diese Aufnahme gefällt mir vor allem deshalb, weil das künstliche Echo des Masters fehlt und Elvis' Stimme dadurch weniger nasal klingt.

An einer Stelle verfehlt der King einen Ton, ansonsten hätte man sicherlich aber auch diese Fassung zur Veröffentlichung freigeben können.

 

Danny Boy (Take 9)

Der neunte Take hat noch nicht ganz die Perfektion des Masters, ist aber schon verdammt nahe dran.

 

The Last Farewell (Composite Of Takes 3 & 2)

Hier haben Ernst Jorgensen und sein Team aus zwei Outtakes eine "neue" Aufnahme gebastelt.

Aus meiner Sicht hat so ein Mumpitz auf einer Sammler-CD, die ernst genommen werden will, nichts zu suchen.

 

For The Heart (Take 1)

Der erste Durchlauf wird einen Tick langsamer gespielt als der Master-Take und hier und dort hat Elvis noch ein wenig mit der Nummer zu kämpfen.

Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, kommt For The Heart  hier locker und lässig rüber, teilweise entsteht sogar der Charakter einer Jam-Session. Am Ende erlauben sich der King und seine Mitstreiter einen kleinen Gag, was mir ebenfalls sehr gut gefällt.

 

Bitter They Are, Harder They Fall (Take 6)

Hier kommt es vor allem auf kraftvolle und langgezogene Töne an. Zwar kann auch der Elvis des Jahres 1976 diese Herausforderung noch meistern, aber er klingt dabei ein wenig müde.

 

Solitaire (Take 3)

Dieses Lied gefällt mir ohne die orchestralen Overdubs besser, weil es in dieser einfacheren Form intimer und eindringlicher wirkt.

Beim dritten Versuch weiß Elvis offenbar noch nicht so genau, wie er einige Passagen phrasieren soll.

Auch am stimmgewaltigen Refrain arbeitet er noch, man kann förmlich hören, wie er sich jedes Mal ein Stückchen näher an die bekannte Interpretation heranarbeitet.

 

Love Coming Down (Take 3)

Hier bricht Elvis gleich mehrfach die Stimme aus und auch das Timing funktioniert noch nicht 100%ig.

 

I'll Never Fall In Love Again (Takes 4 & 5)

Take 4 ist nur ein kurzer Fehlstart und hätte auch gar nicht zwingend als separater Take gewertet werden müssen.

Beim fünften Anlauf singt Elvis You fell for someone else  anstatt When I saw you in his arms. Ob das eine bewusste Änderung war oder der Meister einfach nur vom Text abgekommen ist, kann heute wohl niemand mehr sagen.

Insgesamt funktioniert der Take recht gut, ab jetzt geht es nur noch um Details.

 

Session Highlights: The Alternate Single

For The Heart (Takes 3b, 4b & 5b)

Die Musiker beginnen zu spielen, Elvis und der Chor singen Had a dream ...und jemand ruft Cut!

Beim nächsten Anlauf setzt der King zu früh ein, was erneut zum Abbruch führt.

Schlussendlich schaffen alle Beteiligten einen sauberen Einstieg und spielen die Nummer vollständig durch.

 

Hurt (Composite Of Takes 4 & 3)

Abermals bekommen wir eine Bastelarbeit aus der Werkstatt Jorgensen & Co. zu hören und auch hier halte ich dieses Vorgehen für Humbug.

 

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