Moody Blue

Mehr als ein Jahr nach From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee  kommt im Juli 1977 der Nachfolger Moody Blue  auf den Markt.

Als besonderen Werbegag presst RCA die ersten 250.000 Kopien auf blauem Vinyl. Billboard notiert die Scheibe ab dem 23. Juli in der Top LPs Chart, wo sie den 24. Platz erreicht. In der Country LPs Chart ist Moody Blue  schon ab dem 16. des Monats zu finden und wird zum Nummer 1-Hit.

Als Elvis am 16. August verstirbt, zieht die Nachfrage massiv an und RCA stellt die Tagesproduktion des Presswerks in Indianapolis vollständig auf Moody Blue  um. Um den Fans etwas Besonderes zu bieten, wird die Scheibe jetzt auch wieder auf blauem Vinyl gepresst.

In der Top LPs Chart klettert das Album auf Rang 3, den ersten Platz in der Hot Country LPs Chart kann es zehn Wochen lang halten.

Im Dezember 1977 honoriert die RIAA den Absatz mit einer Goldenen Schallplatte, 1992 folgt Doppel-Platin. Auch außerhalb der USA wird Moody Blue  nun vielerorts in der Top10 notiert, weltweit gehen acht Millionen Kopien über die Ladentheken.

Für das Album-Cover nutzt RCA ein Foto vom November 1972, auf der Rückseite ist ein Bild vom Sommer desselben Jahres zu sehen.

Gemäß den ursprünglichen Planungen von RCA hätte Elvis im Februar 1976 vierundzwanzig neue Lieder aufnehmen sollen - genug Material für zwei Alben und zwei separate Singles. Weil aber nach der Veröffentlichung von From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee  gerade zwei Songs übrig blieben und auch die Sessions im Oktober nicht sonderlich produktiv verliefen, brachte man zunächst die Single Moody Blue / She Thinks I Still Care  auf den Markt und beraumte neue Aufnahmetermine im Januar 1977 an.

Diesmal erschien Elvis jedoch gar nicht erst im Tonstudio, so dass schließlich Felton Jarvis mit der Zusammenstellung einer LP aus bekannten Aufnahmen beauftragt wurde, die im März unter dem Titel Welcome To My World  veröffentlicht wurde.

Um das lang ersehnte Album schließlich doch noch fertigstellen zu können, begleitete Felton die Tourneen im März und April mit einem simplen 4-Spuhr-Gerät und schnitt ein paar Live-Songs als Lückenfüller mit.

Im Jahr 2013 bringt das Sammler-Label Follow That Dream Records eine Classic Album-Ausgabe von Moody Blue  auf den Markt. Neben den von der LP bekannten Masters sind hier auch noch zahlreiche Studio-Outtakes und zusätzliche Live-Mitschnitte zu hören.

 

 

Unchained Melody

Die Unchained Melody  wurde am 24. April 1977 in der Crisler Arena in Ann Arbor, Michigan aufgenommen.

Während sich Elvis auf der Bühne nur am Klavier begleitete und die Band dezent im Hintergrund blieb, ließ Felton Jarvis am 9. Mai und 9. Juni noch Bass, Perkussion und einen Moog Synthesizer hinzufügen. Außerdem mischte er die Backup-Sänger stärker in den Vordergrund und ließ Sherrill Nielsen das mit hoher Kopfstimme gesungene Finale korrigieren, da Elvis den letzten Ton nicht sauber getroffen hatte. Zudem wurde auch das nicht ganz ausgereifte Klavierspiel des Kings durch einen Overdub von Bobby Odgin ersetzt.

Das Ergebnis klingt wie eine kitschige Mini-Oper, aber auch extrem beeindruckend.

Erstmals zu hören war die Nummer 1955 als Titelsong des Films Unchained. Der Originalinterpret heißt Todd Duncan, insgesamt existieren aber mehr als 500 (!) Cover-Versionen. Die bekannteste davon stammt wohl von den Righteous Brothers, die 1990 durch den Blockbuster Ghost  zu einem weltweiten Erfolg wurde.

Von dem Bombast und der Dramatik der Presley-Aufnahme ist diese Fassung aber meilenweit entfernt..

 

If You Love Me (Let Me Know)

Der Country-Schlager war 1974 ein Top10-Hit für Olivia Newton-John gewesen und befand sich auch seit ebendiesem Jahr im Bühnenprogramm des Kings.

Geschrieben wurde der Titel von John Rostill, die hier zu hörende Aufnahme entstand während eines Auftritts am 25. April 1977 im Civic Center in Saginaw, Michigan.

Am 9. Mai ergänzte Felton Jarvis noch einige Instrumente, an dem etwas kraftlosen Vortrag des Kings konnte allerdings auch er nichts mehr ändern.

 

Little Darlin'

Die lustige Nummer wurde am 24. April 1977 in Ann Arbor aufgenommen und war von Elvis wohl eher als Gag für zwischendurch gedacht. Er nahm das Lied keinen Deut ernst und lachte sich über den Text und seine eigenen Witzchen kaputt.

Weil RCA aber verzweifelt neue Songs benötigte und es noch keine Presley-Veröffentlichung von Little Darlin'  gab, landete der Song auf dieser LP. Die Nachbearbeitungen fanden am 9. Mai in Nashville statt, bei dieser Session wurden zusätzliche Instrumente und neuer Hintergrundgesang eingespielt.

Geschrieben wurde der Titel übrigens von Maurice Williams, der ihn mit seiner Gruppe The Gladiolas auch als erster aufnahm. Den größten Hit hatten aber The Diamonds, die 1957 mit Little Darlin'  den zweiten Platz der Top 100 erreichten.

 

He'll Have To Go

Mit der Country-Ballade folgt nun erstmals eine Aufnahme, die nicht während eines Konzertes entstand. Wie auch schon am Vortag, so hatten sich die Musiker auch am 30. Oktober 1976 im Jungle Room der Graceland-Villa versammelt, um neue Lieder einzuspielen.

Doch Elvis verweigerte die Arbeit, so dass zunächst nur der Rhythm-Track aufgenommen werden konnte. Erst am nächsten Tag sang Elvis zu dem Playback und lieferte damit gleichzeitig auch seine letzte Studio-Aufnahme ab. Am 7. April 1977 wurde nachträglich eine Gitarre ergänzt.

In dem Song telefoniert der Sänger mit seiner Liebsten und fordert sie auf, sich zwischen ihm und dem anderen Mann zu entscheiden. Elvis klingt traurig und auch ein wenig müde. Er kämpft nicht um die Dame, sondern möchte nur eine Entscheidung. Mir gefällt die Stimmung des Liedes sehr gut und auch die Interpretation trifft voll und ganz meinen Geschmack.

Erstmals aufgenommen wurde dieser Song aus der Feder von Joe und Audrey Allison 1957 von Billy Brown. Obwohl He'll Have To Go  kein großer Erfolg wurde, coverte Jim Reeves zwei Jahre später das Lied und landete damit überraschenderweise einen Mega-Hit. Vierzehn Wochen lang hielt sich seine Single an der Spitze der Country Chart von Billboard und zählt damit zu den absoluten Spitzenreitern dieses Genres.

 

Let Me Be There

Dass der Song ein wenig an If You Love Me (Let Me Know)  erinnert, sollte nicht verwundern, denn auch hier heißen der Komponist John Rostill und die Originalinterpretin Olivia Newton-John.

Die Fans des Kings kannten die Aufnahme allerdings schon von der im Jahr 1974 veröffentlichten LP Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

Dass Felton Jarvis denselben Track hier noch einmal brachte, darf wohl als Verzweiflungstat des Produzenten gewertet werden.

 

Way Down

Dem Lückenfüller folgt die aktuelle Single des Kings. In der Country Chart konnte er damit einen Nummer-1-Hit verbuchen, in der Hot 100 erreichte er immerhin noch die Top40.

Ohne Frage kam der rockige Popsong beim Publikum an, obwohl ich Elvis' Gesang als ein wenig müde empfinde. Hätte er sich mehr engagiert, wäre aus Way Down  ein echtes Highlight geworden.

Geschrieben wurde der Titel von Layng Martine jr, die Aufnahme erfolgte am 29. Oktober 1976 im Jungle Room von Graceland.

Als Nummer des Mastertakes ist 2C angegeben, was daran liegt, dass Produzent Felton Jarvis mehrere Durchläufe als Take 2 bezeichnete oder gar nicht ansagte. Bei korrekter Zählweise wäre es Take 5 gewesen.

Zusätzliche Instrumente und Hintergrundgesang wurden am 22. Januar in Nashville ergänzt.

 

Pledging My Love

Am selben Tag wie Way Down  nahm Elvis auch diese Country-Ballade auf. Und im Gegensatz zu dem etwas müden Rocker kann man dem King bei dieser Nummer die Begeisterung förmlich anhören.

Das Original des von Ferdinand Washington und Don Robey geschriebenen Songs stammt aus dem Jahr 1955 von Johnny Ace und befand sich damals angeblich auch zeitweilig im Bühnenprogramm des jungen Elvis.

Einundzwanzig Jahre später benötigte er sechs Takes, bevor er die Nummer zu seiner Zufriedenheit auf dem Band hatte. Am 22. Januar wurden zusätzliche Instrumente und Hintergrundgesang ergänzt. Zudem kürzte Felton Jarvis die Aufnahme um mehr als zweieinhalb Minuten.

Die Fans kannten Pledging My Love  bereits von der zuvor erwähnten Way Down-Single.

 

Moody Blue

Der Song stammt aus der Feder von Mark James und wurde von Elvis am 4. Februar 1976 in seiner Villa Graceland in Memphis, Tennessee innerhalb von 10 Takes aufgenommen.

Später fügte Felton Jarvis im Young 'Un Sound Studio noch Bass (15. Februar), Schlagzeug (17. Februar), Gitarren (24. Februar) und Geigen (24. März) hinzu und kürzte die Aufnahme um etwa anderthalb Minuten.

Der Sänger hadert mit einer äußerst wechselhaft agierenden Dame und tut dies in Form eines flotten Popsongs mit Disco-Elementen. Dieser damals moderne Stil ist völlig untypisch für Elvis, passt aber sehr gut zu ihm und ist für den Einsatz im Radio wie geschaffen.

Die Originalversion stammt übrigens von Mark James selbst, der den Titel schon zwei Jahre vor Elvis auf einer Single herausbrachte.

Die Presley-Version war im November 1976 veröffentlicht worden und hatte dem King einen Nummer-1-Hit in der Country Chart beschert.

 

She Thinks I Still Care

Die B-Seite der besagten 45er wurde 1962 erstmals von George Jones aufgenommen. Für die Komposition zeichnete Dickey Lee verantwortlich.

Der Ich-Erzähler wurde von seiner Liebsten verlassen, weigert sich aber hartnäckig zuzugeben, dass ihm noch etwas an der Dame liegt.

Elvis mühte sich am 2. Februar 1976 durch 19 Takes (weil die Nummern 2 und 12 doppelt vergeben wurden, bildet offiziell Take 17 die Grundlage des Masters) und leistete sich auch bei der schlussendlich veröffentlichten Fassung die eine oder andere gesangliche Schwäche.

Nichtsdestotrotz klingt er streckenweise auch hier noch beeindruckend und interpretiert den Song sehr gefühlvoll und absolut glaubhaft.

Am 24. Februar wurde noch eine Gitarre ergänzt, die Streicher folgten am 24. März. Zudem kürzte Felton Jarvis die Aufnahme um etwas mehr als eine Minute.

 

It's Easy For You

Die LP endet mit einer traurigen Ballade aus der Feder von Tim Rice und Andrew Lloyd-Webber.

Am 29. Oktober 1976 nahm Elvis vier Takes davon auf, den zweiten Versuch wählte er schließlich zur Grundlage des Masters. Diese wurde am 6. April 1977 nachbearbeitet und mit einem Gitarren-Overdub versehen.

Der Ich-Erzähler wurde von der Geliebten verlassen, für die er einstmals seine Familie aufgab und muss nun feststellen, dass sich die Situation für ihn selbst ungleich schwieriger gestaltet als für seine ehemalige Affäre.

Auch hier legt Elvis wieder sehr viel Gefühl in den Vortrag und bringt den Song absolut glaubwürdig rüber.

Die meisten Fans und Kritiker können It's Easy For You  nicht viel abgewinnen, ich hingegen halte die Ballade für sehr gelungen und damit auch für einen schönen Abschluss des Albums.

 

Fazit & Bewertung

Mit Fug und Recht kann Moody Blue  als eine Bankrotterklärung des Schallplatten-Künstlers Elvis Presley gewertet werden. Fünf der zehn enthaltenen Lieder waren bereits bekannt, bei drei weiteren handelte es sich um aus der Not entstandene Live-Aufnahmen. Schlussendlich gelang es Felton Jarvis jedoch, aus diesen Resten ein mehr als akzeptables Album zusammenzustellen.