From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee

Nach zwei Zusammenstellungen alter Aufnahmen veröffentlicht RCA im Mai 1976 wieder ein Album mit neuen Songs.

Am 5. Juni steigt From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee  in die Top LPs Chart ein und erreicht dort im Zuge der  17wöchigen Laufzeit den 41. Platz. Ab dem 12. Juni ist der Tonträger auch unter den Hot Country LPs zu finden. Hier hält er sich 27 Wochen und wird zum Nummer 1-Hit.

Zunächst verkauft sich die Scheibe etwa 300.000 Mal, im Oktober 1977 verleiht die RIAA dem King posthum für den Absatz von einer halben Million Kopien eine Goldene Schallplatte.

Von RCA bekommt Elvis für seinen Erfolg im Bereich Country den Golden Boot Award, die RVC Corporation verehrt dem King posthum für die Verkäufe in Japan den Best Seller Award.

In Großbritannien kann Elvis mit From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee  einen Top30-Erfolg verbuchen, der weltweite Absatz liegt bei 2 Millionen Kopien.

Auf dem Cover ist ein Konzert-Foto vom Juni 1975 zu sehen. Elvis wirkt hier sichtlich gealtert und trotz der Retusche im Hüftbereich auch ein wenig korpulenter als gewohnt. Mit dem Hinweis Recorded Live  griff RCA eindeutig zu unlauteren Methoden, da das Publikum mitnichten Konzertaufnahmen zu hören bekommt.

Hier wollte man einzig und allein von dem Umstand profitieren, dass sich die Live-LPs inzwischen besser verkauften als die Studio-Produktionen. Die Rückseite enthält eine angeblich von Elvis verfasste Botschaft an seine Fans und die Track List.

Da Elvis nicht zum Besuch eines regulären Tonstudios bewegt werden konnte, ließ RCA kurzerhand Aufnahme-Equipment in der Villa des Kings installieren. Und so fanden die Sessions zwischen dem 2. und 7. Februar 1976 im Jungle Room von Graceland statt.

Die Tontechniker hießen Brian Christian, Tom Brown und Ron Olson, produziert wurden die Aufnahmen wie immer von Felton Jarvis.

Elvis' Band bestand aus James Burton (Gitarre, 2.- 6. Februar), Billy Sanford (Gitarre, 7. Februar), Charlie Hodge (Gitarre), John Wilkinson (Gitarre), Jerry Scheff (Bass, 2.-6. Februar), Norbert Putnam (Bass, 7. Februar), Ronnie Tutt (Schlagzeug), Glen D. Hardin (Klavier, 2.- 6. Februar), Bobby Emmons (Klavier, 7. Februar) und David Briggs (Electric Piano).

Für den Hintergrundgesang sorgten J. D. Sumner & The Stamps Quartet (J. D. Sumner, Bill Baize, Ed Enoch, Ed Hill & Larry Strickland) sowie Myrna Smith und Kathy Westmoreland. Die Nachbearbeitung der Aufnahmen fand im Young 'Un Sound Studio in Murfreesboro, Tennessee unter der Leitung von Felton Jarvis (Produzent) und Al Pachucki (Tontechniker) statt.

Auf dem Sammler-Label Follow That Dream Records erschien im Jahr 2012 eine Classic Album-Ausgabe, die neben den Tracks des Albums auch Outtakes enthält.
  

Hurt

Die Aufnahme entstand am 5. Februar 1976 innerhalb von sieben Takes, später wurde noch Hintergrundgesang (16. Februar) und ein Schlagzeug (17. Februar) hinzugefügt.

Neu war der von Jamie Crane und Al Jacobs geschriebene Song freilich nicht, schon 1954 hatte sich Roy Hamilton damit unter den ersten zehn der R&B Chart platziert, 1961 erreichte Timi Yuro sogar Rang 5 der Hot 100. RCA hatte den Song im Vorfeld des Albums auf der B-Seite der Single For The Heart  veröffentlicht und dem King somit immerhin einen Top 30-Hit beschert.

Mir persönlich gefällt diese Herzschmerz-Nummer sehr. Die Liebste hat sich partnerschaftlich neu orientiert und der Sänger bringt sein Leid mit opernhaftem Geknödel wehklagend zum Ausdruck. Elvis legt sehr viel Gefühl in den Song und man nimmt ihm den Text jederzeit ab.

In seinen Bühnenshows brachte der King Hurt  regelmäßig zum Einsatz, eine Live-Aufnahme findet sich auf dem Doppel-Album Elvis In Concert  (1977).

 

Never Again

Auch hier geht es um den Schmerz einer verlorenen Liebe. Diesmal schwört sich der Sänger jedoch, solche Gefühle niemals wieder zuzulassen, da er einen weiteren Verlust nicht ertragen könnte.

Geschrieben wurde das Lied von Billy Ed Wheeler und Jerry Chesnut, die dem King drei Jahre zuvor auch das großartige It's Midnight  geliefert hatten.

Elvis singt diesen wunderbar getragenen Song nicht nur, er lebt ihn förmlich, so dass man ihm auch hier jedes Wort unbesehen glauben mag.

Aufgenommen wurde der Titel übrigens am 6. Februar 1976, Take 14 wurde zum Master-Take. Am 16. und 17. Februar ergänzte Felton Jarvis den Hintergrundgesang und das Schlagzeug, am 24. März folgten die Streicher. 

 

Blue Eyes Crying In The Rain

Die meisten Fans dürften seinerzeit die Ballade noch in der Version von Willie Nelson im Ohr gehabt haben, der damit im Jahre 1975 einen Nummer-1-Hit in der Country Chart verbucht hatte. Erstmals aufgenommen wurde dieser Klassiker aus der Feder von Fred Rose jedoch schon 1945 von Roy Acuff.

Auch hier geht es wieder um die Trennung von der Liebsten, wobei der Sänger sicher ist, dass es sich um einen Abschied für immer handelt.

Elvis nahm Blue Eyes Crying In The Rain  am 7. Februar 1976 innerhalb von 5 Takes auf, neun Tage später wurde der Hintergrundgesang hinzugefügt.

Der King klingt hier streckenweise etwas nasal, was Felton Jarvis durch das Hinzufügen von künstlichem Echo zu kaschieren versuchte. 

 

Danny Boy

Das Lied wurde 1910 von Frederic Weatherly auf die Melodie von Londonderry Air  geschrieben. In Erwartung des eigenen Todes verabschiedet sich hier ein Vater von seinem in die Welt hinausziehenden Sohn und drückt dabei mächtig auf die Tränendrüse.

Einmal mehr erweist sich der King als absoluter Meister der Interpretation, seine Stimme ist voller Schmerz und Trauer und klingt dabei absolut beeindruckend. Besser kann man Danny Boy  schlicht und einfach nicht singen!

Erstmals aufgenommen wurde das Lied übrigens im Jahr 1915 von Ernestine Schuhmann-Heink. Elvis' Version stammt vom 5. Februar 1976, er benötigte für den Song 10 Takes. 

 

The Last Farewell

Dass der ehemalige King Of Rock'n'Roll ausgerechnet ein Lied von Roger Whittaker aufgenommen hat, gilt vielen Fans und Kritikern bis heute als einer der größten Fehltritte seiner Kariere. Tatsächlich aber liebte Elvis diesen Song und wollte ihn unbedingt singen.

Whittaker moderierte 1971 eine Radioshow und forderte darin die Zuhörer auf, ihm Texte zu schicken, die er dann vertonen und in der nächsten Sendung vortragen wollte. Ein Schmied namens Ron A. Webster schickte ein Gedicht mit dem Titel The Last Farewell, in dem sich ein britischer Soldat auf einer Südsee-Insel von seiner Liebsten verabschieden muss. Er wurde wieder in die Heimat beordert und weiß, dass er die Frau niemals wiedersehen wird. Whittaker schrieb eine sentimentale Melodie zu dem Text und verkaufte damit mehr als 11 Millionen Singles.

Elvis spielte seine Version am 2. Februar 1976 ein, die Grundlage des Masters bildete eine Kombination aus den Takes 3 und 5. Später wurde noch der Backup-Gesang von Sherrill Nielsen hinzugefügt, die Geigen folgten am 24. März.

Obwohl mir die Aufnahme sehr gefällt, verdecken die Overdubs aus meiner Sicht zu viele Details des Master-Takes. Weniger wäre hier sicherlich mehr gewesen.  

 

For The Heart

Die zweite Seite der LP eröffnet mit diesem großartigen Swamp-Rocker aus der Feder von Dennis Linde.

Elvis' Version entstand am 5. Februar 1976 (mit Bass-Overdubs vom 15. Februar und Hintergrundgesang vom 16. Februar), erstmals veröffentlicht wurde der Titel jedoch ein Jahr zuvor von Teresa Brewer.

Mir gefällt dieser Song so richtig gut. Der King ist mit vollem Einsatz dabei und harmoniert ganz wunderbar mit den Hintergrundsängern, die mich hier ein wenig an die guten, alten Zeiten mit den Jordanaires erinnern.

Wie bereits erwähnt, hatte RCA den Song im März 1976 zusammen mit Hurt  auf einer Single veröffentlicht. Weil Billboard die eigentliche B-Seite als Hauptsong betrachtet, notiert Billboard For The Heart  nur in der Country Chart. Die Höchstplatzierung ist Rang 45.

 

Bitter They Are, Harder They Fall

Nach dem kurzen Ausflug in rhythmische Gefilde kehrt das Album mit dieser Larry Gatlin-Komposition wieder zu den langsamen, groß orchestrierten Balladen zurück.

Gatlin selbst nahm den Song 1973 erstmals auf, Elvis folgte ihm am 2. Februar 1976 und benötigte für seine Version sieben Takes.

Der Backup-Gesang von Sherrill Nielsen wurde nachträglich hinzugefügt, ebenso wie die Streicher (24. März).

Auch hier betrauert der Sänger mit viel Pathos das Scheitern seiner großen Liebe und einmal mehr liefert Elvis einen absolut glaubwürdigen Vortrag ab.

 

Solitaire

Die Nummer bleibt dem Thema des Albums treu und beschreibt das Schicksal eines Mannes, der von seiner Frau verlassen wurde und nun einsam seine Zeit mit dem Kartenspiel verbringt.

 Elvis singt das Lied sehr ergreifend, unverkennbar schwingen in seiner Stimme Trauer und Einsamkeit mit.

Auch wenn der King das Original von Neil Sedaka sehr zum Missfallen des Komponisten ein wenig veränderte, gehört dieser Song zu meinen absoluten Favoriten dieser LP.

Die Aufnahme entstand übrigens am 3. Februar 1976, Take 11 wurde zum Master-Take. Die Streicher wurden am 24. März ergänzt.  

 

Love Coming Down

Bereits ein Jahr vor Elvis nahm der Country-Star George Jones diese Ballade auf.

Die Version des Kings folgte am 6. Februar 1976, Take 5 bildete die Grundlage für den Master. Später wurden noch Bass (15. Februar), Hintergrundgesang (16. Februar), eine Gitarre (24. Februar) und Streicher (24. März) hinzugefügt.

Geschrieben wurde Love Coming Down von Jerry Chesnut, der auch an dem ebenfalls auf dieser LP zu hörenden Never Again  beteiligt war.

Der Sänger entschuldigt sich hier bei seiner Frau, die er offenbar lange Zeit vernachlässigt hat, weil ihm seine Kariere wichtiger war. Nun will sie ihn verlassen und er bittet um eine letzte Chance.

Elvis tut dies einmal mehr dermaßen glaubwürdig, dass man fast meinen könnte, er offenbare hier einen Teil seiner wahren Gefühle.  

 

I'll Never Fall In Love Again

Die Ballade stammt aus der Feder von Jimmy Currie und Lonnie Donegan, der sie auch 1962 als erster aufnahm. Den großen Hit landete damit allerdings fünf Jahre später Tom Jones, dessen Version auf dem zweiten Platz der UK-Charts landete und in den USA zur Nummer 1 der Easy Listening Chart wurde.

Am 4. Februar 1976 spielte Elvis zunächst fünf Takes von I'll Never Fall In Love Again  ein, bevor er aufgab und sich Moody Blue  zuwandte. Nach weiteren sechs Durchläufen erklärte er schließlich den insgesamt neunten Versuch (die Nummerierung wurde nach der ersten Session fortgesetzt) zum Master-Take. Dieser wurde am 24. März mit Streichern ergänzt.

Der Interpret wurde von seiner Frau betrogen und schwört der Liebe nun endgültig ab. Aufrichtig klingt der King auch hier, über weite Strecken klingt er jedoch angestrengt.

 

Fazit & Bewertung

Verglichen mit dem vorangegangenen Studio-Album Today  hatte Elvis gesanglich nachgelassen. Seine Stimme hatte an Flexibilität eingebüßt und vermittelte den Eindruck eines deutlich älteren Sängers. Trotzdem wusste der King noch immer zu beeindrucken, zumal die großzügig eingesetzten Chöre und Orchester auch ein wenig über die Unzulänglichkeiten des Hauptakteurs hinwegtäuschten.