Raised On Rock / For Ol' Times Sake

Im Oktober bringt RCA das Album Raised On Rock / For Ol' Times Sake  auf den Markt. Billboard notiert die Scheibe ab dem 24. November 13 Wochen lang in der Hot LPs Chart, wo sie mit 200.000 verkauften Kopien den 50. Platz erreicht. Der weltweite Absatz beträgt etwa eine Million Stück.

Das Foto auf dem LP-Cover stammt vom Januar/Februar-Gastspiel in Las Vegas. Vorder- und Rückseite der Verpackung waren nahezu identisch. Lediglich die Titel Raised On Rock  und For Ol' Times Sake  wurden entsprechend ausgetauscht.

Im Zuge des Buyout-Deals vom März hatte Elvis einen neuen Siebenjahresvertrag mit RCA geschlossen, nach dem er zwei Alben und vier Singles (also 28 Aufnahmen) per anno abzuliefern hatte. Das Label bezahlte den King gemäß der Anzahl der verkauften Tonträger, garantierte ihm aber eine Mindestsumme von 500.000 US-Dollar pro Jahr.

Da bis zum Sommer aber keine Studio-Sessions abgehalten worden waren, beschritt das Management von RCA ungewohnte Wege und informierte seinen Star schriftlich über dessen vertragliche Verpflichtungen und die Erwartungen an seine Person. Noch im Juli sollte er ein Album mit Popmusik, eine religiöse LP, sowie zwei separate Singles aufnehmen.

Und so buchte man zwischen dem 20. und 25. Juli 1973 die Stax Studios in Memphis. Wie üblich fungierte Felton Jarvis als Produzent, die Tontechnik betreute Al Pachucki. Bis zum 23. Juli spielten James Burton (Gitarre), Reggie Young (Gitarre), Tommy Cogbill (Bass) und Ronnie Tutt (Schlagzeug). Danach übernahmen Bobby Manual (Gitarre), Johnny Christopher (Gitarre), Donald Dunn (Bass) und Al Jackson (Schlagzeug). Durchgängig dabei waren Charlie Hodge (Gitarre), Jerry Carrigan (Schlagzeug), Bobby Wood (Klavier) und Bobby Emmons (Orgel). Den Hintergrundgesang übernahmen J.D. Sumner & The Stamps Quartet (J.D. Sumner, Ed Enoch, Bill Baize, Donnie Sumner und David Rowland) sowie Kathy Westmoreland, Jeannie Greene und Mary & Ginger Holladay.

Doch die Sessions standen unter keinem guten Stern. Am ersten Tag tauchte Elvis gar nicht auf, an den anderen Tagen stand er oft merklich unter dem Einfluss von Medikamenten und wirkte im Ganzen recht unmotiviert.

Da nur neun Songs aufgenommen wurden, setzte man für den 22. und 23. September eine improvisierte Session in Elvis' Privathaus in Palm Springs an. Hier spielten James Burton (Gitarre), Charlie Hodge (Gitarre), Thomas Hensley (Bass) und Donnie Sumner (Klavier). Für den Hintergrundgesang sorgten Mr. Sumner, Tim Baty und Sherrill Nielsen.

Am 28. September hielt Felton Jarvis im RCA Studio A in Nashville, Tennessee eine Overdub-Session ab, bei der vor allem Streicher und Gitarren aufgenommen wurden. 

Im Jahr 2007 brachte Follow That Dream Records eine Classic Album-Auflage von Raised On Rock / For Ol' Times Sake  auf den Markt. Hier sind auch Outtakes, Rough Mixes und Instrumental Tracks zu hören.

 

Raised On Rock

Der Titel war bereits im September zusammen mit For Ol' Times Sake  auf einer Single veröffentlicht worden, die jedoch in den Hot 100 über den 41. Platz nicht hinausgekommen war.

Aufgenommen hatte Elvis den Song am 23. Juni 1973, insgesamt benötigte er zehn Takes für die Komposition von Mark James.

Musikalisch würde ich Raised On Rock  als nett gemachten Radio-Pop bezeichnen, bei dem mir insbesondere der durch die beiden Schlagzeuger hervorgerufene, treibende Beat sehr gut gefällt.

Inhaltlich passt der Song jedoch so gar nicht zu Elvis, denn es wirkt einfach seltsam, wenn der Sänger behauptet, mit einer Musik aufgewachsen zu sein, zu dessen König man ihn einstmals ausgerufen hatte. Zu allem Überfluss nennt er auch noch Liedtitel aus den 1960ern oder -noch grotesker- einen Song, den er selbst zum Hit gemacht hatte.

Dazu kommt noch Elvis' vergleichsweise müder Gesang, den man auch bei allergrößtem Wohlwollen nicht mit dem guten, alten Rock' n Roll in Verbindung bringen kann.

 

Are You Sincere

Mit der Ballade möchte sich Elvis der Liebe seiner Herzdame versichern, klingt dabei aber so traurig und müde, als kenne er die Antwort bereits im Vorfeld. Zweifellos passt sein Gesang aber sehr gut zu dem Song und auch die sparsame Instrumentierung gefällt mir sehr.

Aufgenommen wurde Are You Sincere  am 23. September 1973 in Elvis' Privathaus in Palm Springs, Kalifornien. Nach vier Takes hatte der Meister das Lied im Kasten.

Im Original stammt die Ballade von Andy Williams, der Are You Sincere  bereits 1958 auf den Markt gebracht hatte.

 

Find Out What's Happening

Auch hier handelt es sich um eine Coverversion. Erstmals herausgebracht wurde der Song 1964 von den Spidells, geschrieben wurde er von Jerry Crutchfield.

Der Sänger droht seiner Partnerin mit dem Ende der Beziehung, sollte sie ihre Einstellungen nicht grundsätzlich überdenken.

Einmal mehr hinterlässt Elvis einen kraftlosen Eindruck, den man bei freundlicher Betrachtungsweise allerdings auch als Stilmittel der Interpretation durchgehen lassen könnte.

Insgesamt spielte der King neun Takes ein, bevor er sich an diesem 22. Juli 1973 dem Country-Pop-Titel I've Got A Thing About You Baby  zuwandte und dabei deutlich lebhafter klang.

 

I Miss You

Die Ballade stammt aus der Feder von Donnie Sumner und wurde von Elvis am 23. September 1973 in seinem Haus in Palm Springs, Kalifornien eingespielt.

Der King investierte viel Arbeit und gab sich erst mit dem fünfzehnten Versuch zufrieden.

Elvis trauert seiner Verflossenen hinterher und legt dabei jede Menge Gefühl in seinen Vortrag, ohne jedoch in den Kitsch abzugleiten. Dafür sorgt auch die recht sparsame Instrumentierung, die mir ebenfalls sehr gut gefällt.

 

Girl Of Mine

Der Schunkel-Country beendet die erste Seite der LP. Das Original stammt von Engelbert Humperdinck, die Version des Kings entstand am 24. Juli 1973 innerhalb von elf Takes.

Auch hier kann das schwungvolle Spiel der Band Elvis nicht zu größerem Einsatz bewegen, er klingt einfach nur traurig und matt.

 

For Ol' Times Sake

Da die B-Seite des Albums den Titel For Ol' Times Sake  trägt, beginnt diese auch mit dem besagten Song.

Geschrieben wurde er von Tony Joe White, der ihn auch als erster aufnahm. Elvis folgte am 23. Juli 1973 und lieferte mit dem achten Take wohl die definitive Fassung dieser wunderbaren Ballade ab.

Der Sänger wird gerade von seiner Frau verlassen und bittet sie, ihn ein letztes Mal in den Arm zu nehmen. Elvis' Stimme ist voller Trauer, aber ohne jedes Pathos und auch die vergleichsweise spärliche Instrumentierung trägt viel zur Atmosphäre der Aufnahme bei.

Leider wird For Ol' Times Sake  heute von den meisten Fans und Kritikern übersehen.

 

If You Don't Come Back

Auch diesen Song finde ich absolut großartig. James Burtons Wah-Wah-Effekt, der grandiose Gesang der Damen Westmoreland, Greene und Holladay und ein Elvis, der sich anhört, als befände er sich im tiefsten Delirium. Die Aufnahme klingt hochgradig funky, sehr atmosphärisch und -aus damaliger Sicht- absolut zeitgemäß.

Dass der Song so sehr nach den 1970ern klingt verwundert ein wenig, denn das Original stammt aus dem Jahr 1963 und wurde von den Drifters eingespielt. Komponiert wurde If You Don't Come Back  von Jerry Leiber und Mike Stoller, Elvis' Version entstand am 21. Juli 1973 innerhalb von neun Takes.

Mir ist natürlich klar, dass Elvis' Gesang mehr seinem desolaten Allgemeinzustand, als einer sauber ausgearbeiteten Interpretation geschuldet war. Trotzdem passt er hier perfekt und verleiht dem Song -wenn auch unbeabsichtigt- eine ganz eigene Note.

 

Just A Little Bit

Elvis wirbt um die Gunst einer Lady, doch klingt er dabei so müde und kraftlos, dass das Unterfangen wohl kaum von Erfolg gekrönt sein dürfte. Vermutlich hatte der King auch kein großes Interesse an dem Song, denn bereits den zweiten Versuch erklärte er zum Master-Take.

Komponiert wurde Just A Little Bit  von John Thornton, Piney Brown, Ralph Blass und Earl Washington. Erstmals aufgenommen wurde die Nummer 1959 von Tiny Topsy.

Das Desinteresse von Elvis finde ich besonders schade, weil seine Version deutlich besser arrangiert war als das Original und ein echtes Highlight hätte werden können.

 

Sweet Angeline

Diese Ballade hingegen gefällt mir recht gut. Der Sänger unterhielt eine offenbar innige, aber nicht auf Dauer angelegte Beziehung mit der besagten Dame und stellt ihr gegenüber nun seine Gefühle dar. Statt zu trauern, solle sie doch einfach dankbar sein für die Liebe, die sie mit ihm genießen durfte.

Elvis klingt dabei allerdings nicht chauvinistisch, sondern eher wehmütig und einmal mehr auch ein bisschen müde.

Die Musik und der Hintergrundgesang wurden am 25. Juli 1973 in den Stax Studios in Memphis aufgenommen, der King spielte seinen Part am 22. September in seinem Haus in Palm Springs ein.

Die Originalversion von Sweet Angeline  entstand 1971. Damals wurde die Ballade von ihren Autoren Chris Arnold, David Martin und Geoff Morrow gesungen.

 

Three Corn Patches

Das Album endet mit einem Rocker aus der Feder von Jerry Leiber und Mike Stoller.

Das Original wurde Anfang 1973 von T-Bone Walker eingespielt, Elvis' Version folgte am 21. Juli 1973. Fünfzehn Takes nahm der King von Three Corn Patches  auf, aber bei keinem der Durchläufe konnte er die Energie aufbringen, nach der die Nummer verlangt.

 

Fazit & Bewertung

Ohne Frage hätte aus Raised On Rock / For Ol' Times Sake  ein starkes, modernes Album werden können, aber gegen einen übermedikamentierten und desinteressierten Sänger können nun einmal auch die besten Musiker nichts ausrichten. Natürlich finden sich auch auf dieser LP ein paar Highlights, aber hier passte wohl einfach nur das Liedmaterial mehr oder minder zufällig zum desolaten Allgemeinzustand des Hauptakteurs.