Elvis Country - I'm 10,000 Years Old

Das neue Album heißt Elvis Country - I'm 10,000 Years Old  und kommt im Januar 1971 in die Geschäfte.

Billboard notiert die Scheibe ab dem 23. des Monats in der Top LPs Chart, wo sie im Laufe ihres 21wöchigen Aufenthalts den 12. Platz erreicht. In der Hot Country LPs Chart ist das Album ab dem 30. Januar vertreten. Hier wird es 26 Mal notiert und platziert sich auf Rang 6.

Innerhalb der USA werden zunächst 500.000 Kopien abgesetzt, was von der RIAA im Oktober 1977 mit einer Goldenen Schallplatte honoriert wird. Weltweit geht das Album drei Millionen Mal über die Ladentheken.

Um Elvis' musikalische Herkunft auch optisch zu betonen, zeigt das Schallplatten-Cover den Sänger im Alter von zwei Jahren in ländlicher Kleidung. Auf der Rückseite gab es hingegen wieder ein aktuelles Bühnenfoto vom August 1970 zu sehen.

Ein Großteil der enthaltenen Lieder entstand zwischen dem 4. und 8. Juni 1970 in Nashville, Tennessee. Weitere Aufnahmen dieser Sessions finden sich auf den Alben That's The Way It Is  (1970), Love Letters From Elvis  (1971) und Elvis Now  (1972) sowie diversen Singles.

Da noch ein paar Songs für das Country-Projekt fehlten, wurde eine zusätzliche Session am 22. September 1970 anberaumt. Diese fand ebenfalls im RCA Studio B in Nashville, Tennessee unter der Leitung von Felton Jarvis (Produzent) und Al Pachucki (Tontechniker) statt. Die Band bestand aus Eddie Hinton (Gitarre), Chip Young (Gitarre), Norbert Putnam (Bass), Jerry Carrigan (Schlagzeug), David Briggs (Klavier) und Charlie McCoy (Orgel, Harmonika). Am 22. und 23. September wurde im selben Studio noch Hintergrundgesang aufgenommen.

Um der LP das Gefühl eines Konzeptalbums zu verpassen, schnitt Felton Jarvis zwischen die einzelnen Songs Teile des Liedes I Was Born About 10,000 Years Ago. Anfang 1972 sollte die Aufnahme in vollständiger Form auf der LP Elvis Now  zu finden sein.

 

Snowbird

Die LP beginnt mit einer wunderschönen Country-Ballade aus der Feder von Gene MacLellan. Als Elvis diesen Song am 22. September 1970 aufnahm, stand die Version von Anne Murray sogar noch in den Charts. Der King dürfte ihre Interpretation sehr gemocht haben, denn er kopiert Murray 1:1.

Nach sechs Takes war das Ergebnis perfekt, noch am selben Tag sang Elvis auch die Harmonie-Stimme ein. Weitere Nachbearbeitungen erfolgten am 23. September (Hintergrundgesang) und 27. Oktober (Streicher).

In dem Lied trauert der Sänger seiner verflossenen Liebe hinterher, obwohl sie untreu war und ihn dereinst verließ. Elvis bringt dieses Gefühl auch sehr schön rüber und liefert damit zwar keinen originellen, aber trotzdem sehr gut gemachten Einstieg in das Album.

 

Tomorrow Never Comes

Tomorrow Never Comes  wurde von Johnny Bond und Ernest Tubb geschrieben, letzterer veröffentlichte 1945 die erste Aufnahme davon. Elvis spielte seine Fassung am 7. Juni 1970 ein, die Grundlage des Masters bilden Take 13 und Take 1 (Workpart, Ending). Am 30. Juni ließ Felton Jarvis Streicher und Blechbläser ergänzen, der Hintergrundgesang folgte am 1. Oktober.

Die Liebste verspricht dem Ich-Erzähler gleich morgen die Ehe, doch schlussendlich muss er sich eingestehen, dass dieses Morgen wohl nie kommen wird. Tomorrow Never Comes  gehört zu meinen persönlichen Highlights im Katalog des Kings.

Statt des üblichen Strophe/Refrain-Musters wird hier derselbe Part widerholt, wobei jede Strophe einen Halbton höher gesungen wird und die Dynamik kontinuierlich zunimmt. Elvis steigert sich mehr und mehr in den Song hinein, bis er ihn schließlich zu einem grandiosen Finale führt.

 

Little Cabin On The Hill

Die Nummer hört sich arg nach einem Jam an, tatsächlich nahm Elvis am 4. Juni 1970 jedoch zwei Takes davon auf. Zudem erfolgte am 22. Juli eine Nachbearbeitung, bei der Banjo und Fiddle hinzugefügt wurden.

Die Atmosphäre passt ganz hervorragend zu dieser erstklassigen Bluegrass-Nummer und auch das Geschrammel des Kings auf der Akustikgitarre trägt zum ungezwungenen Klang der Aufnahme bei. So ähnlich stelle ich es mir jedenfalls vor, wenn Elvis und seine Jungs zuhause drauflos spielten.

In dem Song betrauert der Sänger den Verlust seiner großen Liebe, während er einsam und allein in der kleinen Berghütte sitzt, die einstmals das gemeinsame Heim darstellte. Geschrieben wurde das Lied von Bill Monroe und Lester Flatt. Monroe war es auch, der das Lied 1947 als erster aufnahm, allerdings unter dem Titel Little Cabin Home On The Hill.

 

Whole Lotta' Shakin' Goin' On

Den meisten Fans wird diese Dave Williams/Sunny David-Komposition wohl in der Aufnahme von Jerry Lee Lewis bekannt sein, zuvor spielten allerdings auch schon James Faye Hall (der unter dem Pseudonym Sunny David an dem Song beteiligt war), Dolores Fredericks oder auch The Commodores die Nummer ein.

Elvis' Fassung stammt vom 22. September 1970, eine gekürzte Version des zweiten Takes wurde als Grundlage für den Master benutzt. Am 12. Oktober ließ Felton Jarvis die Aufnahme mit Blechbläsern ergänzen, die jedoch auf Geheiß des Kings später wieder entfernt wurden.

Prinzipiell handelt es sich um einen Jam. Schlagzeuger Jerry Carrigan spielte einen Rhythmus, auf den Elvis spontan anfing Whole Lotta' Shakin' Goin' On  zu singen. Die Sache wurde kurz geprobt und dann ging's auch schon los. Wie gesagt, mit Country-Music hat diese kaum verhohlene Aufforderung zum GV nichts zu tun, aber der treibende Beat und Elvis' fast schon manischer Gesang machen den Song zu einem der Highlights des Albums.

In den Jahren 1973 und 1974 fand sich Whole Lotta' Shakin' Goin' On  auch als Teil eines Medleys auf den Live-Alben Aloha From Hawaii Via Satellite  (1973) und Elvis Recorded Live On Stage In Memphis  (1974).

 

Funny How Time Slips Away

In dem Song von Willy Nelson trifft der Sänger auf seine Verflossene und beginnt mit ihr ein Gespräch. Der Zuhörer bekommt dabei aber nur die Aussagen des Erzählenden geboten und kann darauf schließen, dass dieser wohl doch noch nicht so ganz mit der Dame abgeschlossen hat.

Die erste Aufnahme von Funny How Time Slips Away  stammt von Billy Walker, doch auch Nelson selbst spielte den Song später mehrfach ein. Elvis' Version stammt vom 7. Juni 1970, mit einem einzigen Durchgang hatte der King das Ding im Kasten. Der Hintergrundgesang wurde am 21. September und 1. Oktober hinzugefügt, die Streicher folgten am 27. Oktober.

Die Interpretation geht unter die Haut, Elvis singt mit sehr viel Gefühl und bringt dieses "Zwiegespräch" mit seiner Ex-Freundin absolut glaubhaft rüber. Auf der Bühne sang er das Lied übrigens schon ab 1969. Anfangs legte Elvis auch die Live-Darbietungen seriös an, später erhöhte er leider das Tempo und sang den Song nur noch mehr oder weniger lieblos herunter. Eine Konzertaufnahme findet sich auf der LP Elvis As Recorded At Madison Square Garden  (1972).

 

I Really Don't Want To Know

Die A-Seite der LP wird beendet von dem Country-Klassiker aus der Feder von Don Robertson und Howard Barnes. Eddy Arnold spielte den Song bereits im Oktober 1953 ein, Elvis folgte ihm (und vielen anderen) am 7. Juni 1970. Take 4 wurde damals als Master-Take ausgewählt. Am 30. Juni wurden Streicher und Blechbläser ergänzt, der Hintergrundgesang folgte am 1. Oktober.

Der Ich-Erzähler möchte hier nichts über die Vergangenheit seiner Liebsten erfahren, er ahnt vermutlich, dass die Lady schon weit herumgekommen ist. Auch hier singt Elvis wieder sehr gefühlvoll, er klingt verletzt, aber gleichzeitig auch wütend und verleiht dem Song damit ein absolut phantastisches Flair.

RCA Victor veröffentlichte diesen Song im Dezember 1970 auch auf einer Single, benutzte dafür allerdings einen anderen Mix. Später war er ebenfalls auf dem Album Welcome To My World  (1977) erhältlich.

Auf der Bühne präsentierte Elvis I Really Don't Want To Know  erstmals am 30. Mai 1977, allerdings nur in gekürzter Form. Eine Live-Aufnahme vom 21. Juni 1977 ist auf der Doppel-LP Elvis In Concert  zu hören.

 

There Goes My Everything

Der erste Song der B-Seite des Albums bildete im Dezember 1970 auch die zweite Seite der gerade erwähnten Single. There Goes My Everything  stammt aus der Feder von Dallas Frazier und wurde erstmals 1965 von Ferlin Husky aufgenommen. Im folgenden Jahr landete Jack Greene mit dem Titel einen Nummer 1 Hit, wiederum ein Jahr später verbuchte Engelbert Humperdinck damit einen Nummer 2 Hit in den UK-Charts.

Elvis' Version stammt vom 8. Juni 1970, für seine Aufnahme benötigte er drei Takes. Den Harmonie-Gesang spielte Elvis am 23. Juni ein, Blechbläser und Streicher wurden sieben Tage später ergänzt. Für den Hintergrundgesang wurden zwei separate Sessions benötigt, hier erfolgten die Aufnahmen am 21. September und 1. Oktober.

In dem Song muss der Sänger dabei zusehen, wie seine große Liebe ihn verlässt. Die Melodie ist süßlich, der Text ein wenig kitschig, aber trotzdem schafft es Elvis, das Lied nicht nur schön zu singen, sondern den Text auch glaubwürdig zu verkaufen.

In den Jahren 1970 und 1971 tauchte There Goes My Everything  gelegentlich auch in den Bühnenshows des Kings auf, gehörte allerdings nie zum Standardprogramm. Auf dem Album  He Touched Me  (1972) findet sich ein religiöses ReMake des Songs mit dem Titel He Is My Everything..

 

It's Your Baby, You Rock It

Vernon Presley soll diesen Ausspruch geprägt haben, Elvis' Kumpel Lamar Fike schlug die Redewendung Shirl Milete als Titel für einen Song vor.

Darin warnt der Sänger einen Freund vor der Untreue einer Frau und teilt ihm nun, da er ebenfalls auf die Lady reingefallen ist, in übertragenem Sinne mit, dass er sich die Suppe selbst eingebrockt habe und diese somit auch auslöffeln müsse.

Elvis nahm den Song am 5. Juni 1970 auf, Take 5 wurde zum Master-Take. Am 22. Juni wurde der Hintergrundgesang aufgenommen. Der flotte Country-Pop gefällt mir äußerst gut und wird von Elvis auch ansprechend gesungen.

 

The Fool

Der Song gehörte schon seit Jahren zu den Favoriten des Kings, die frühste bekannte Aufnahme entstand 1959 in privatem Rahmen während Elvis' Militärzeit in Deutschland. Es sollte allerdings bis zum 4. Juni 1970 dauern, ehe er das Lied professionell in einem Studio einspielte. Da er mit dem Titel bestens vertraut war, reichten ihm auch zwei Durchläufe, um den Song sauber aufzunehmen. Der Hintergrundgesang folgte am 1. Oktober.

Geschrieben wurde The Fool  von Lee Hazlewood (der allerdings seine Frau Naomi Ford als Komponistin eintragen ließ), die erste bekannte Aufnahme stammt von Sanford Clark aus dem Jahr 1956.

In dem Lied bezeichnet sich der Sänger als Narr, weil er seine große Liebe einst gehen ließ und dies nun bitter bereut. Der Song ist gut gemacht, trifft aber nicht meinen persönlichen Geschmack.

 

Faded Love

Auch Faded Love  stand schon länger auf Elvis' Agenda, erstmals für eine Studio-Aufnahme angedacht wurde er bereits 1966. Erneut trauert der Sänger seiner großen Liebe hinterher, hier allerdings recht rockig und mit einer hart gespielten Gitarre.

Die Aufnahme stammt vom 7. Juni 1970 und wurde mit nur einem Take eingespielt. Bereits am 4. Juni hatten sich Elvis und seine Band an dem Song versucht, doch da klang er dort noch mehr nach Country und wurde aufgrund des nicht vorliegenden Textes zunächst ad acta gelegt. Am 30. Juni wurden Streicher und Blechbläser hinzugefügt, außerdem kürzte Felton Jarvis die Aufnahme um mehr als eine Minute.

Das Original von Bob und Johnnie Wills wurde erstmals 1946 als Instrumental-Version veröffentlicht, eine gesungene Fassung folgte vier Jahre später von Bob Wills & His Texas Playboys. Anno 1973 tauchte Faded Love  auch in den Konzerten des Kings auf. Insgesamt brachte er den Song aber nur vier Mal zum Einsatz.

 

I Washed My Hands In Muddy Water

Hier lassen es der King und seine Crew nochmal so richtig krachen und liefern Country-Rock vom Allerfeinsten. Am 7. Juni 1970 entstand ein einziger Take dieses großartigen Songs, der am 20. Juli gekürzt und mit Blechbläsern ergänzt wurde. Der King ist mit vollem Einsatz dabei und auch die Musiker, allen voran James Burton an der E-Gitarre, drehen hier wunderbar auf.

Der Komponist dieses Liedes heißt Joe Babcock, erstmals aufgenommen wurde es 1964 von Stonewall Jackson. In dem Song geht es um einen entflohenen Strafgefangenen, dem die Polizei schon auf der Spur ist.

Ohne Zweifel gehört I Washed My Hands In Muddy Water  nicht nur zu den Höhepunkten dieser LP, sondern generell zu den besten Aufnahmen des Kings überhaupt.

 

Make The World Go Away

Das Album endet mit der Ballade Make The World Go Away, geschrieben von Hank Cochran und erstmals aufgenommen im Jahr 1963 von Ray Price. Einmal mehr trauert der Ich-Erzähler seiner Verflossenen hinterher und bittet sie, zu ihm zurückzukehren.

Elvis' Aufnahme stammt vom 7. Juni 1970, der Master-Take wurde aus Take 3 und einem Workpart für das Finale zusammengeschnitten. Am 21. September und 1. Oktober wurde der Hintergrundgesang eingespielt, die Streicher folgten am 27. Oktober.

Einmal mehr läuft der King hier zur Hochform auf und liefert eine exzellente und absolut glaubwürdige Interpretation dieses traurigen Liedes ab. In den Jahren 1970 und 1971 kam der Song auch live zum Einsatz, gehörte aber nie zum Standardprogramm. Anfang 1977 fand sich ein ReMix der Studio-Aufnahme auf dem Album Welcome To My World.

 

Fazit & Bewertung

Zwar enthält Elvis Country - I'm 10,000 Years Old  keinesfalls ausschließlich Country & Western-Songs, aber fraglos kehrte Elvis hier zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und lieferte ein Album, das deutlich kantiger klang als der Vorgänger That's The Way It Is. Stimmlich befand sich der King in Hochform und auch die Liedauswahl ist über jeden Zweifel erhaben.