Elvis

Passend zum nahenden Weihnachtsgeschäft bringt RCA Victor am 19. Oktober 1956 ein weiteres Album des neuen Rock'n'Roll-Königs auf den Markt.

Mit 500.000 verkauften Kopien notiert Billboard die Scheibe ab dem 10. November 32 Wochen lang in der Pop Albums Chart, wo es den ersten Platz erreicht.

Die RIAA honoriert den US-Absatz mit Gold (1960) und Platin (1992), weltweit verkauft sich das Album 3,5 Millionen Mal.

Das Front-Cover zeigt eine Profil-Aufnahme des frisch gekürten Rock'n'Roll-Königs. Auf der Rückseite finden sich Liner Notes und Werbung für RCA-Produktionen anderer Künstler.

Die Aufnahmen fanden zwischen dem 1. und 3. September 1956 bei Radio Recorders in Hollywood, Kalifornien statt. Produziert wurden die Sessions von Steve Sholes, als Tontechniker fungierte Thorne Nogar. Neben Elvis (Gitarre und Klavier), Scotty Moore (Gitarre), Bill Black (Bass) und D.J. Fontana (Schlagzeug) war auch Gordon Stoker ein Teil der Band und spielte bei einigen Nummern Klavier. Den Hintergrundgesang übernahmen The Jordanaires zu denen neben besagtem Mr. Stoker auch Hugh Jarrett, Neal Matthews und Hoyt Hawkins gehörte
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Rip It Up

Das Album beginnt standesgemäß mit einem Rocker, in diesem Fall aus der Feder von Robert Blackwell und John Marscalco. Das Original war im Sommer 1956 von Little Richard veröffentlicht worden, Elvis' Version entstand am 3. September 1956 innerhalb von 19 Takes.

Es ist Wochenende, der Sänger hat seine Lohntüte bekommen und lässt es jetzt so richtig krachen. Die gute Laune überträgt sich mühelos auf den Zuhörer. Für mich zählt Rip It Up  zu den absoluten Highlights unter den frühen Aufnahmen des Kings.

Der Song befand sich übrigens auch auf der EP Elvis - Volume 1.

 

Love Me

Das Original wurde 1954 von Willie & Ruth gesungen, Elvis spielte seine Fassung am 1. September 1956 ein und erklärte den neunten Versuch zum Master.

Angeblich mochten die Komponisten Jerry Leiber und Mike Stoller die Aufnahme nicht, weil der King die von ihnen vorgesehene Ironie komplett vermissen ließ und den Song todernst und zudem auch noch recht schmalzig vortrug. Schlussendlich traf er mit seiner Interpretation aber genau in die Herzen der weiblichen Anhängerschaft, die ihn nur allzu gerne flehen hörte Behandel mich wie einen Deppen, sei böse und gemein zu mir, aber hab' mich nur ein bisserl' lieb.

Wie schon das vorangegangene Rip It Up  war auch Love Me  auf der EP Elvis - Volume 1  zu hören. 1958 brachte RCA Victor das Lied auf dem Album Elvis' Golden Records  heraus, 1971 fand sich die Ballade außerdem auf der 4-LP-Box The Other Sides - Worldwide Gold Award Hits Volume 2.

Seit den frühen 1970ern gehörte Love Me  zum Standardprogramm eines jeden Elvis Presley-Konzertes und findet sich daher auch auf den Live-Alben Elvis As Recorded At Madison Square Garden  (1972), Aloha From Hawaii Via Satellite  (1973), Elvis Recorded Live On Stage In Memphis  (1974) und Elvis In Concert (1977). Eine im Rahmen der TV-Show SINGER presents Elvis  aufgezeichnete Version wurde 1974 auf der LP A Legendary Performer  herausgebracht.

Es sei allerdings angemerkt, dass der King dieser wunderbaren Ballade auf der Bühne nur selten gerecht wurde. Die Studioaufnahme gefällt mir jedoch gut.

 

When My Blue Moon Turns To Gold Again

Die Aufnahme entstand am 2. September 1956, Take 10 wurde zum Master. Das Original wurde 1941 von Wiley Walker & Gene Sullivan herausgebracht, drei Jahre später konnte die Sängerin Cindy Walker (keine Verwandtschaft zu Wiley Walker) mit dem Song sogar einen Top5-Hit landen.

Ich mag diesen Country-Schlager, dessen Inhalt man mit Irgendwann kehrst Du zurück und das Leben wird wieder schön  zusammenfassen könnte, sehr gerne. Elvis schien den Titel ebenfalls zu mögen, denn in seiner 1968er TV-Show SINGER presents Elvis  kam er noch einmal darauf zurück.

RCA Victor veröffentlichte die Studio-Aufnahme auch auf der EP Elvis - Volume 1  und der Box The Other Sides - Worldwide Gold Award Hits Volume 2  (1971).

 

Long Tall Sally

Einmal mehr coverte Elvis hier einen Hit von Little Richard. In dem Lied beobachtet der Sänger seinen angeblich kranken Onkel John, wie er mit einer gewissen Sally in einer Seitenstraße verschwindet, als Tante Mary um die Ecke biegt. Zwar weiß der Interpret sofort was Sache ist (...she's build for speed), hat aber Verständnis für seinen Onkel und will ihn nicht zuhause anschwärzen.

Die Autoren heißen Richard Penniman (Little Richard) und Robert Blackwell, Elvis spielte seine Fassung am 2. September 1956 ein und benötigte dafür vier Takes.

RCA Victor veröffentlichte die Nummer Anfang 1957 noch einmal auf der EP Strictly Elvis, Konzertaufnahmen finden sich auf den Alben Aloha From Hawaii Via Satellite  (1973) und Elvis Recorded Live On Stage In Memphis  (1974).

 

First In Line

First In Line  ist das erste Lied dieser LP, das speziell für Elvis geschrieben wurde. Der Sänger schmachtet seine Liebste an, sie sei wohl die erste in der Warteschlange gewesen, als die schönsten, Augen, Lippen, etc. vergeben wurden.

Ohne Frage schlägt sich der King Of Rock'n'Roll nicht schlecht, doch sein Gesang berührt mich nicht wirklich und auch der Komposition von Aaron Schroeder und Ben Weisman kann ich nur wenig abgewinnen.

Elvis bewertete First In Line  offenbar völlig anders, denn er gab sich am 3. September 1956 erst mit dem 27. Take zufrieden. RCA Victor brachte die Ballade später auch auf der EP Strictly Elvis  heraus.

 

Paralyzed

Nachdem sich Elvis am 1. September 1956 erfolglos an dem Song versucht hatte, spielte er am folgenden Tag weitere 12 Takes dieses flotten Popsongs aus der Feder von Otis Blackwell ein. Weil auch diesmal kein Durchlauf wirklich perfekt klang, produzierte man fünf Insert-Takes. Der Master wurde schließlich aus Take 12 und Take 5 (Insert Take) zusammengeschnitten.

Paralyzed  fand sich auch auf der EP Elvis - Volume 1  und der 4-LP-Box The Other Sides - Worldwide Gold Award Hits Volume 2  (1971).

Musikalisch schwimmt der Song stark im Fahrwasser von Don't Be Cruel  und All Shook Up, geht aber trotz der mangelnden Originalität sofort ins Ohr.

Für Elvis war die Aufnahme von Paralyzed  übrigens doppelt lukrativ, denn sein cleverer Manager ließ ihn kurzerhand als Komponisten eintragen und sicherte ihm somit die Hälfte der Urhebertantiemen.

 

So Glad You're Mine

Die zweite Seite der LP beginnt mit einem Überbleibsel vom 30. Januar 1956. Zehn Takes benötigte Elvis im RCA Studio in New York, bevor er den Arthur Crudup-Song perfekt eingespielt hatte.

Wie die meisten anderen Lieder auf diesem Album, so war auch So Glad You're Mine  nicht neu. Bereits zehn Jahre vor Elvis hatte Crudup selbst den Song auf einer Single herausgebracht.

Die Version des King erschien ebenfalls auf der EP Elvis - Volume 2.

 

Old Shep

Seinerzeit dürfte Elvis mit Old Shep  für eine Überraschung gesorgt haben, denn eine traurige Ballade über einen Jungen und seinen Hund erwartete wohl niemand vom King Of Rock'nRoll.

Tatsächlich stellte die Aufnahme für Elvis aber eine Herzensangelegenheit dar, denn er sang das Lied bereits seit seinen Kindertagen. RCA Victor veröffentlichte Old Shep  auch auf der EP Elvis - Volume 2, im Jahr 1972 war der Song ebenfalls auf dem CAMDEN-Album Separate Ways  zu finden.

Der Autor heißt übrigens Red Foley, der den Titel auch als erster herausbrachte. Elvis spielte am 2. September 1956 fünf Takes von Old Shep  ein, entschied sich schlussendlich aber für den ersten Versuch.

Durch einen Fehler von RCA Victor enthielten einige Pressungen von Elvis  den fünften Take. Diese Exemplare gelten heute als gesuchte Raritäten.

Mir persönlich gefällt Old Shep  sehr gut, zumal die Aufnahme auch zu den wenigen Balladen der 1950er gehört, die Elvis glaubhaft zu verkaufen wusste.

 

Ready Teddy

Ready Teddy  ist ein weiterer Song von Robert Blackwell und John Marscalco und auch dieser Titel stammt im Original von Little Richard.

Elvis nahm ihn am 3. September 1956 innerhalb von 12 Takes auf und lieferte damit Rock'n'Roll vom Allerfeinsten. Der Text ist absolut nichtssagend, aber der Rhythmus ist treibend und der Gesang einfach grandios.

Unter anderem ist Ready Teddy  auch auf der EP Elvis - Volume 2  zu finden.

 

Anyplace Is Paradise

Der Sänger befindet, dass jeder Ort dem Paradies gleicht wenn nur seine Liebste dort ist.

Anyplace Is Paradise  wurde von Joe Thomas direkt für Elvis geschrieben und von diesem am 2. September 1956 aufgenommen. Der King arbeitete hart an dem langsamen Popsong, insgesamt benötigte er 22 Takes um das Lied einzuspielen. Potenzial für eine Single hat es zwar nicht, aber als Album-Titel halte ich Anyplace Is Paradise  für sehr gelungen.

Auf der EP Elvis - Volume 2  veröffentlichte RCA Victor ihn erneut.

 

How's The World Treating You

Der Sänger trifft hier auf seine Verflossene und fragt sie, wie das Leben ihr seit der Trennung mitgespielt hat. Ihm selbst geht es hundeelend, denn er hat sich noch lange nicht mit dem Ende der Beziehung abgefunden.

Eigentlich gehörten langsame und tieftraurige Balladen dieser Art nicht gerade zu den Stärken des jungen Elvis, diese Komposition von Chet Atkins und Boudeleaux Bryant handhabte er jedoch gut.

Die Aufnahme entstand am 1. September 1956 innerhalb von sieben Takes, Anfang 1957 brachte RCA Victor sie erneut auf der EP Strictly Elvis  heraus. Das Original wurde bereits vier Jahre zuvor veröffentlicht und stammt von Eddy Arnold.

 

How Do You Think I Feel

Schon im April 1955 hatten sich Elvis, Scotty und Bill mit der Unterstützung des Schlagzeugers Jimmie Lott an How Do You Think I Feel  versucht. Schlussendlich legten sie den Song aber wieder ad acta, so dass es bis zum 1. September 1956 dauerte, ehe der King auf das Lied zurück kam und es innerhalb von sieben Takes einspielte.

Das Original stammt von Red Sovine, wenig später nahm auch Jimmy Rodgers-Snow den Titel auf. Geschrieben wurde How Do You Think I Feel  von Wayne Walker und Webb Pierce.

Auch dieser Song landete später auf der EP Strictly Elvis.

 

Fazit & Bewertung

Im Gegensatz zum Erstlingswerk des neuen Superstars klingt Elvis wie aus einem Guss und auch gesanglich hat der Namensgeber des Albums merklich an Routine gewonnen. Mit seinem Mix aus Popmusik, Balladen, Country und Rock'n'Roll zählt Elvis zu dem besten Alben des Kings und klingt auch heute noch absolut frisch und zeitlos.