Tomorrow Is A Long Time

 

Anno 1999 bringt BMG eine Elvis-CD auf den Markt, die Studio-Aufnahmen der Jahre 1966 bis 1968 zusammenfasst und den Titel Tomorrow Is A Long Time trägt. Das Cover wurde mit einem Promo-Foto zur TV-Show SINGER presents Elvis geschmackvoll gestaltet, begleitet wird der Tonträger von einem Booklet mit informativen Liner Notes.

Interessant wird diese Compilation dadurch, dass der Elvis der damaligen Zeit vor allem als singender Filmstar wahrgenommen wird und seine nicht mit irgendwelchen Musicals im Zusammenhang stehenden Aufnahmen heute fast vergessen sind. Und genau diese Tracks zeigen auf, dass das große Comeback der Jahre 1968/69 eben nicht aus dem Nirvana kam, sondern sich langsam entwickelte. Schon 1966 begann Elvis wieder damit, großartige Songs aufzunehmen. Nur wurden diese zunächst vom Publikum ignoriert und es dauerte seine Zeit, bis hier und dort eben doch mal wieder eine Presley-Single im Radio gespielt wurde und die Leute merkten, dass der gute, alte Elvis noch immer ordentliche Songs abliefert.

Auf den Streaming-Plattformen ist die Compilation nicht verfügbar.

 

Too Much Monkey Business

Die CD beginnt mit einer Aufnahme vom 15. Januar 1968. Elvis spielte die Chuck-Berry-Nummer innerhalb von 14 Takes ein, danach fügte Jerry Reed sein prägnantes Spiel auf der Akustikgitarre hinzu. Dafür wurden fünf Durchläufe benötigt.

Der Sänger beschreibt hier im Telegrammstil verschiedene Situationen in seinem Leben, in denen er sich ausgenutzt vorkam. Das Original wurde von Chuck Berry bereits 1956 veröffentlicht, Elvis aktualisierte den Text ein wenig von verlegte seinen Militäreinsatz von Yokohama nach Vietnam. Der King ist mit Eifer bei der Sache, man kann ihm den Spaß an diesem Song förmlich anhören.

Dass eine so großartige Aufnahme damals auf der Billig-LP Elvis Sings "Flaming Star" & Others verramscht wurde, ist für mich bis heute nicht nachvollziehbar.

 

Guitar Man

Nachdem wir beim ersten Track bereits das Gitarrenspiel von Jerry Reed hören konnten, folgt nun auch ein von ihm komponierter Song. Die Aufnahme stammt vom 10. September 1967. Elvis spielte zwölf Durchgänge ein, danach ergänzte Reed den Gitarren-Part.

Der Interpret schildert hier seinen Werdegang als Musiker und man kann dem King die Begeisterung für den Song förmlich anhören.

Ende 1967 veröffentlichte RCA Guitar Man als Bonus Song auf dem Film-Album Clambake, im Januar 1968 folgte die Auskopplung auf einer Single, vier Jahre später fand sich die Aufnahme schließlich auf dem CAMDEN-Album Elvis Sings Hits From His Movies - Volume 1. Für sein TV-Special SINGER presents Elvis spielte der King eine weitere Fassung ein, die auf der LP Elvis (1968) zu hören ist.

 

Tomorrow Is A Long Time

Elvis spielte den Bob Dylan-Song am 25. Mai 1966 ein. Erstmals veröffentlicht worden war der Titel drei Jahre zuvor von Ian & Silvia, inspiriert wurde der King aber zweifellos durch die Fassung von Odetta Holmes auf dem Album Odetta Sings Dylan.

Mit einer Single-Veröffentlichung hätte man Elvis vielleicht von seinem angestaubten Image befreien können, doch RCA ließ die Chance ungenutzt verstreichen und versteckte den Song als Bonus Titel auf dem Soundtrack zum Film Spinout.

Als man Bob Dylan übrigens einmal fragte, welche Cover-Version seiner Song ihm am besten gefalle, nannte er diese Aufnahme von Elvis Presley.

 

U.S. Male

U.S. Male stammt aus der Feder von Jerry Reed, der den Titel auch 1966 als erster herausbrachte. In dem Song wendet sich der Sänger an einen Nebenbuhler und droht ihm allerlei Ungemach an, sollte er nicht die Finger von seiner Frau lassen. Elvis mimt den selbstgewissen und leicht hinterwäldlerischen Südstaatler perfekt, trägt den Talking Blues mit breitem Akzent vor und verlegt sogar den im Text genannten Geburtsort seiner eigenen Biographie folgend von Georgia nach Mississippi.

U.S. Male entstand am 16. Januar 1968 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee. Wie bereits geschrieben, hatte Elvis mit Guitar Man  schon 1967 einen Song von Reed gecovert und wie damals ließ der King ihn auch für diese Session als Gitarristen engagieren.

RCA veröffentlichte U.S. Male im Februar 1968 auf der B-Seite der Single Stay Away. Doch während der Hauptsong auf Rang 67 stagnierte, wurde die Zugabe ein Top30-Hit und wurde relativ häufig im Radio gespielt. Im LP-Format war U.S. Male erst 1970 auf dem Budget-Album Almost In Love erhältlich.

 

Big Boss Man

Das Lied wurde von Al Smith und Luther Dixon geschrieben und im März 1960 von Jimmy Reed erstmals aufgenommen. Elvis' Version entstand am 10. September 1967 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee innerhalb von 11 Takes.

In dem Blues-Song stellt der Sänger seinen Chef zur Rede, der ihn ausbeutet und rund um die Uhr arbeiten lässt. Mir gefällt die Interpretation des Kings sehr gut, er singt mit deutlich aggressivem Unterton und bringt seine Wut absolut glaubwürdig rüber. Für seine TV Show SINGER presents Elvis (1968) spielte der Entertainer eine neue Fassung von Big Boss Man ein, zwischen 1974 und 1977 kam die Nummer auch während seiner Bühnenshows zum Einsatz.

Die Studio-Aufnahme fand sich 1967 auf einer Single und dem Soundtrack-Album Clambake. 1972 erfolgte eine weitere Verwertung auf der CAMDEN-LP Elvis Sings Hits From His Movies - Volume 1.

 

Love Letters

Bei der Ballade handelt es sich um die Titelmelodie des gleichnamigen Spielfilms aus dem Jahre 1945. Geschrieben wurde sie von Victor Young, der im Januar desselben Jahres auch mit seinem Orchester eine Instrumentalversion aufnahm. Edward Heyman schrieb einen Text dazu, der einen Monat später von Dick Brown eingesungen wurde. Es folgten noch viele andere Interpreten, unter anderem auch Perry Como, der den Song gleich zweimal (1945 und 1958) aufnahm.

Elvis' Version entstand am 26. Mai 1966 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee, insgesamt benötigte er neun Takes.

Im Juni 1966 veröffentlichte RCA Victor Love Letters  zusammen mit Come What May auf einer Single, konnte davon weltweit aber nur 1,25 Millionen Stück verkaufen. 1968 war der Song auch auf der LP Elvis' Gold Records - Volume 4 enthalten, drei Jahre später fand sich eine Neuaufnahme auf dem Album Love Letters From Elvis.

 

Indescribably Blue

Aufgrund einer Erkrankung blieb Elvis am 10. Juni 1966 im Hotel und ließ die Musiker zunächst nur einen Rhythm Track aufnehmen. Zwei Tage später sang er dann zu dem vorproduzierten Playback. Bereits der zweite Versuch wurde zum Master-Take. Geschrieben wurde der Song von Darrell Glenn, Elvis' Aufnahme erfolgte im RCA Studio B in Nashville, Tennessee.

Der Sänger wurde just verlassen und drückt seine Trauer nun stimmgewaltig in dieser etwas schwülstigen Ballade aus. Trotz eines Timing-Fehlers in der dritten Zeile gefällt mir Indescribably Blue sehr gut. Elvis setzt seine Stimme voll ein und klingt dabei so herrlich melodramatisch und gefühlsduselig, wie nur er es konnte.

Anfang 1967 landete Elvis mit Indescribably Blue einen Top40-Hit, im folgenden Jahr war der Song auch auf dem Album Elvis' Gold Records - Volume 4 zu hören.

 

Fools Fall In Love

Die Uptempo-Nummer stammt aus der Feder von Jerry Leiber und Mike Stoller und wurde erstmals 1956 von den Drifters veröffentlicht. Elvis nahm Fools Fall In Love am 28. Mai 1966 auf und benötigte dafür fünf Takes. Er klingt dabei sehr ausgelassen und auch die Band sprüht nur so vor Spielfreude. Man hört den Beteiligten einfach an, dass ihnen diese Art von Musik viel Spaß macht.

Der Sänger vertritt hier die Auffassung, dass sich nur Trottel leicht verlieben - und er neuerdings dazugehört.

Die Erstveröffentlichung erfolgte auf der B-Seite von Indescribably Blue, im LP-Format war Fools Fall In Love erstmals 1971 auf dem CAMDEN-Album I Got Lucky zu haben.

 

High Heel Sneakers

Der Song wurde von Robert Higgenbotham geschrieben und 1964 von Tommy Tucker erstmals veröffentlicht. Elvis' Aufnahme stammt vom 11. September 1967, der Master stellt eine gekürzte Version des siebten Takes dar. Der King klingt hier so richtig schön erdig und ist mit vollem Einsatz bei der Sache.

RCA veröffentlichte die R&B-Nummer auf der B-Seite der Single Guitar Man. Andere Cover-Versionen stammen von den Rolling Stones, Janis Joplin, Led Zeppelin und Jerry Lee Lewis.

 

Down In The Alley

Hier coverte Elvis einen Song aus seiner Jugend, erstmals veröffentlicht von den Clovers im Jahr 1953. Geschrieben wurde das Lied von Jesse Stone, Elvis nahm es am 25. Mai 1966 innerhalb von neun Takes auf. Recht eindeutig äußert der Sänger hier einer Dame gegenüber seine Absichten und man hört dem King förmlich an, wie viel Spaß er daran hat, von seinen inzwischen üblichen, freundlich-harmlosen Schlagertexten abweichen zu dürfen.

Überraschenderweise präsentierte er Down In The Alley am Eröffnungsabend des Elvis Summer Festival 1974 im Las Vegas Hilton auch live auf der Bühne. Leider sollte es das einzige Mal sein, dass der Song während eines Konzertes zum Einsatz kam.

Die Schallplattenveröffentlichung erfolgte übrigens auf dem Soundtrack zum Film Spinout.

 

Come What May

Der Sänger verspricht seiner Liebsten die Treue - komme, was wolle. Erneut wurde das Lied nicht speziell für Elvis geschrieben, sondern von diesem nur adaptiert. Das Original sang Al Casey im Jahre 1957, Elvis' Favorit dürfte allerdings die wenig später entstandene Aufnahme von Clyde McPhatter gewesen sein. Der King spielte seine Version von Come What May  am 28. Mai 1966 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee ein und benötigte dafür acht Takes.

Geschrieben wurde Come What May von Franklin Tableporter. Zwar bildete Come What May im Sommer 1966 die A-Seite der Single, Fans und Presse bevorzugten allerdings Love Letters.

 

Mine

Die Ballade entstand am 10. September 1967 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee. Elvis investierte viel Mühe in die Aufnahme, erst der 21. Versuch wurde zum Master-Take erklärt.

Kurioserweise handelt es sich bei diesem Song eigentlich um einen Filmschlager, der bereits 1965 von Sid Tepper und Roy C. Bennett für den Streifen Paradise, Hawaiian Style  geschrieben worden war. Ohne Frage hätte diese sehr hörenswerte Nummer das Highlight des Soundtrack-Albums dargestellt.

Schlussendlich fand sich das Lied als Bonus Song auf der LP zum Film Speedway.

 

Just Call Me Lonesome

Auch dieser Titel wurde zum Auffüllen eines Soundtrack-Albums benutzt, diesmal zum Film Clambake.

Der Komponist dieser Nummer heißt Rex Martin, erstmals aufgenommen wurde das Lied 1953 von Eddie Arnold. Elvis spielte am 10. September 1967 sechs Takes von Just Call Me Lonesome ein, am Ende hielt er jedoch den ersten Durchlauf für den besten und benannte ihn als Master. Für mich gehört auch dieses Lied zu den Highlights des Albums.

 

You Don't Know Me

Eddy Arnold brachte das Lied 1955 als erster heraus, kurz zuvor hatte er es zusammen mit Cindy Walker geschrieben. Am 21. Februar 1967 nahm Elvis zwanzig Takes von You Don't Know Me auf, schlussendlich fand diese Fassung jedoch nur im Film Verwendung.

Für die Schallplatten-Veröffentlichung spielte er am 11. September zwei weitere Takes ein, den Master schnitt man aus dem ersten Versuch und den letzten Takten des zweiten Durchgangs zusammen. Die Ballade wird von Elvis tadellos vorgetragen, RCA Victor ihn auf der B-Seite der Single Big Boss Man und dem Clambake - Soundtrack. 1972 war das Lied außerdem auf dem CAMDEN-Album Elvis Sings Hits From His Movies - Volume 1 zu finden.

 

Stay Away

Die Ballade wurde von Sid Tepper und Roy C. Bennett geschrieben und basiert auf dem englischen Traditional Greensleeves. Elvis nahm den Song am 16. Januar 1968 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee auf, der 15. Versuch wurde zum Master-Take.

Der Sänger sehnt sich nach den heimatlichen Canyons und möchte so schnell wie möglich wieder nach Hause zurückkehren. Im Film Stay Away, Joe nutzte man den Song für den Vorspann, in dem passend zum Inhalt wunderbare Landschaftsaufnahmen von Arizona gezeigt werden.

Anfang 1968 veröffentlichte RCA das Lied zusammen mit U.S. Male auf einer Single. Im LP-Format war Stay Away erstmals 1973 zu hören, als CAMDEN eine weitere Auflage des Albums Almost In Love herausbrachte. Das Original kam bereits 1970 auf den Markt, enthielt jedoch durch einen Fehler den Song Stay Away, Joe, der zuvor schon auf der LP Let's Be Friends veröffentlicht worden war.

 

Singing Tree

Der Interpret trauert seiner verflossenen Liebe hinterher.

Elvis nahm den Song von A.L. Owens und A.C. Solberg am 10. September 1967 innerhalb von 13 Takes auf, war mit dem Endergebnis jedoch unzufrieden und spielte am folgenden Tag fünf weitere Takes ein. Den letzten Versuch erklärte er schließlich zum Master-Take, zu dem er kurze Zeit später auch den Harmonie-Gesang aufnahm.

Die Country-Ballade klingt ein wenig kitschig, gefällt mir insgesamt aber gut. Zu hören war sie auf dem Soundtrack zum Film Clambake.

 

Goin' Home

Elvis nahm den Song am 15. Januar 1968 im RCA Studio B in Nashville, Tennessee für Stay Away, Joe auf und benötigte dafür satte 30 Takes. Schlussendlich fand die Nummer in dem Streifen jedoch keine Verwendung, so dass RCA sie als Bonus Song auf der LP Speedway herausbrachte.

Ich kann Goin' Home durchaus etwas abgewinnen, Elvis selbst mochte den Track jedoch nicht.

 

I'll Remember You

Die CD endet mit dieser Ballade aus der Feder des hawaiianischen Komponisten und Sängers Kuiokalani Lee. Erstmals veröffentlicht wurde der Song 1965 von Don Ho, später folgten dann auch Andy Williams und Lee selbst.

Der Rhythm Track für Elvis' Aufnahme entstand am 10. Juni 1966, der Vocal Track wurde zwei Tage später aufgenommen. Den Master schnitt man schließlich aus den Takes 1 und 3 zusammen und nutzte ihn als Bonus Song auf der LP Spinout. Zwischen 1972 und 1976 tauchte I'll Remember You auch immer mal wieder in den Konzerten des Kings auf. 1973 veröffentlichte RCA eine Live-Aufnahme auf dem Doppel-Album Aloha From Hawaii Via Satellite

 

Fazit & Bewertung

Zwischen 1966 und 1968 nahm Elvis vermehrt auch wieder Songs außerhalb seiner Filmarbeit auf. Zwar ließ das kommerzielle Comeback noch ein wenig auf sich warten, den musikalischen Wert der Lieder schmälert dieser Umstand freilich nicht. Wer sich nicht so intensiv mit der Karriere des Kings beschäftigt, kann hier so manche Perle entdecken.

  

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Cover bei BMG.