From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee

 

Anno 2012 nimmt Follow That Dream Records auch die 1976er LP From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee in die Riege der Classic Albums auf. Die Zusammenstellung der Aufnahmen übernahm Jean-Marc Juilland, der auch zusammen mit Vic Anesini für das Mastering verantwortlich zeichnet. Es sei schon einmal vorweggenommen, dass die Aufnahmen ganz vorzüglich klingen - die bekannten Masters ebenso wie die Outtakes. Die erste CD enthält die Songs des Albums, danach hören wir die Titel als "Alternate Album" in derselben Reihenfolge, diesmal jedoch in Form von Outtakes. Auch die Single-Auskopplung wird in diesem Stil zu Gehör gebracht. Auf der zweiten CD präsentiert man uns weitere Outtakes, diesmal als "Making Of" deklariert.

Wie üblich beschäftige ich mich hier nur mit jenen Aufnahmen, die auf der Original-LP nicht zu hören sind.

Informationen zum RCA-Album von 1976 findet ihr hier.

 

Session Highlights: The Alternate Album

Hurt (Takes 1 & 2)

Nach dem Intro benötigt Elvis zu viel Zeit zum Luftholen und kommt dadurch mit dem Timing ins Schleudern. Später leistet er sich auch noch einen Text-Patzer und singt "You said our love was new" anstatt "...your love was true" und kämpft auch ansonsten noch stark mit der Phrasierung. Als ihm dann nach etwa einer Minute auch noch die Stimme wegbricht, beendet er die Aufnahme.

Der zweite Take läuft ebenfalls noch nicht perfekt, wird aber vollständig durchgespielt.

 

Never Again (Take 11)

Beim elften Anlauf haben Elvis und seine Crew die Nummer schon gut im Griff. Der Gesang und das Timing des Kings sind hier allerdings noch nicht 100%ig korrekt. Interessant ist auch, dass James Burton an der Akustik-Gitarre etwas andere Läufe spielt als bei der Master-Version.

 

Blue Eyes Crying In The Rain (Take 4)

Diese Aufnahme gefällt mir vor allem deshalb, weil das künstliche Echo des Masters fehlt und Elvis' Stimme dadurch weniger nasal klingt. An einer Stelle verfehlt der King einen Ton, ansonsten hätte man sicherlich aber auch diese Fassung zur Veröffentlichung freigeben können.

 

Danny Boy (Take 9)

Der neunte Take hat noch nicht ganz die Perfektion des Masters, ist aber schon verdammt nahe dran.

 

The Last Farewell (Composite Of Takes 3 & 2)

Hier haben Ernst Jorgensen und sein Team aus zwei Outtakes eine "neue" Aufnahme gebastelt. Aus meiner Sicht hat so ein Mumpitz auf einer Sammler-CD, die ernst genommen werden will, nichts zu suchen.

 

For The Heart (Take 1)

Der erste Durchlauf wird einen Tick langsamer gespielt als der Master-Take und hier und dort hat Elvis noch ein wenig mit der Nummer zu kämpfen. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, kommt For The Heart hier locker und lässig rüber, teilweise entsteht sogar der Charakter einer Jam-Session. Am Ende erlauben sich der King und seine Mitstreiter einen kleinen Gag, was mir ebenfalls sehr gut gefällt.

 

Bitter They Are, Harder They Fall (Take 6)

Hier kommt es vor allem auf kraftvolle und langgezogene Töne an. Zwar kann auch der Elvis des Jahres 1976 diese Herausforderung noch meistern, aber er klingt dabei ein wenig müde.

 

Solitaire (Take 3)

Dieses Lied gefällt mir ohne die orchestralen Overdubs besser, weil es in dieser einfacheren Form intimer und eindringlicher wirkt. Beim dritten Versuch weiß Elvis offenbar noch nicht so genau, wie er einige Passagen phrasieren soll. Auch am stimmgewaltigen Refrain arbeitet er noch, man kann förmlich hören, wie er sich jedes Mal ein Stückchen näher an die bekannte Interpretation heranarbeitet.

 

Love Coming Down (Take 3)

Hier bricht Elvis gleich mehrfach die Stimme aus und auch das Timing funktioniert noch nicht 100%ig.

 

I'll Never Fall In Love Again (Takes 4 & 5)

Take 4 ist nur ein kurzer Fehlstart und hätte auch gar nicht zwingend als separater Take gewertet werden müssen.

Beim fünften Anlauf singt Elvis "You fell for someone else" anstatt "When I saw you in his arms". Ob das eine bewusste Änderung war oder der Meister einfach nur vom Text abgekommen ist, kann heute wohl niemand mehr sagen. Insgesamt funktioniert der Take recht gut, ab jetzt geht es nur noch um Details.

 

 

Session Highlights: The Alternate Single

For The Heart (Takes 3b, 4b & 5b)

Die Musiker beginnen zu spielen, Elvis und der Chor singen "Had a dream" und jemand ruft "Cut!" Beim nächsten Anlauf setzt der King zu früh ein, was erneut zum Abbruch führt. Schlussendlich schaffen alle Beteiligten einen sauberen Einstieg und spielen die Nummer vollständig durch.

 

Hurt (Composite Of Takes 4 & 3)

Abermals bekommen wir eine Bastelarbeit aus der Werkstatt Jorgensen & Co. zu hören und auch hier halte ich dieses Vorgehen für Humbug.

 

 

Sessions: The Making Of

For The Heart (Takes 2 & 3a)

Take 2 besteht nur aus einem missglückten Intro, Elvis singt leise Give The World A Smile (vom Stamps Quartet) vor sich hin.

Der Durchlauf 3a (den als 3b bezeichneten Fehlstart haben wir auf der ersten CD gehört) geht vollständig durch, wobei Elvis hier nicht sonderlich kraftvoll klingt und an einer Stelle auch seinen Einsatz verpasst.

 

Bitter They Are, Harder They Fall (Take 1)

"Man, you guys don't hold back. On the chord changes emphasise them so we know where we are" sagt Elvis, dann geht es los. Beim ersten Take singt er etwas höher als beim späteren Master, ansonsten steht das Arrangement bereits fest.

 

I'll Never Fall In Love Again (Takes 1 & 3)

Elvis beginnt den Song sehr kraftvoll. Vermutlich hat er für seinen Geschmack ein wenig zu viel Gas gegeben, denn er bricht mit einem leisen "Cut it!" ab.

Dann spricht er sich kurz mit seinen Musikern ab, bevor wir den dritten Take hören. Hier singt er den Anfang etwas leiser und schafft einen vollständigen Take.

 

Hurt (Take 3)

Beim laut herausgeschmetterten Intro bricht dem King die Stimme weg, was zur allgemeinen Erheiterung führt. Der zweite Anlauf gelingt und Elvis singt die Nummer von A bis Z durch. Zwar passt noch nicht alles 100%ig, aber dennoch klingt auch dieser Outtake durchaus beeindruckend.

 

The Last Farewell (Take 1)

Beim ersten Versuch wird das Lied noch langsamer gespielt als die späteren Versionen. Elvis klingt noch recht unsicher und kämpft mit Phrasierung und Timing. Nach etwa drei Minuten bricht er mit einem deutlich vernehmbaren "Shit!" ab und muss herzhaft lachen.

 

The Last Farewell (Take 2)

Take 2 funktioniert besser, wenn sich Elvis auch hier seiner Sache noch nicht wirklich sicher ist.

 

Never Again (Takes 1-3 & 9)

Elvis übt ein wenig vor sich hin, dann mahnt er "Pay attention. You guys have been in the studio too long". Ronnie Tutt bemerkt im Hintergrund, der Sound sei "all drums" gewesen. Elvis versteht allerdings "drunk" und meint "I can get drunk now - bring out the booze, grandma!"

Beim nächsten Anlauf vergeigt Elvis bei der Zeile "I can't take it anymore" den Wechsel der Tonart und singt zu hoch.

Nach einem weiteren Abbruch folgt Take 9, der vollständig durchgespielt wird. Elvis ist aber noch immer vorsichtig und geht die Zeile ein wenig zu zurückhaltend an. Grundsätzlich scheint ihm das Lied Schwierigkeiten zu bereiten, denn auch mit der Betonung hat er noch zu kämpfen.

 

For The Heart (Take 4a)

Elvis setzt einen Tick zu früh ein und später bricht ihm kurz die Stimme aus. Auch singt er hier nicht so druckvoll wie beim Master-Take. Am Schluss erlaubt sich der Chor einen kleinen Gag.

 

Danny Boy (Takes 6 & 7)

Beim sechsten Take singt Elvis höher als bei der schlussendlich veröffentlichten Fassung. Nach einer Weile bricht er ab und kommentiert "Still not high enough, take it up to E". Das scheint ihn dann aber doch zu überfordern, denn ihm bricht die Stimme weg und er beendet das Unterfangen.

 

Danny Boy (Take 8)

Jetzt entscheidet sich der King um und möchte den Song in der Tonart C (also deutlich tiefer) singen. Zwar trifft Elvis noch immer nicht jeden Ton, aber insgesamt funktioniert der Song in dieser Form besser und wird komplett durchgespielt.

Eigentlich sagt der Meister vorher "I can't make it. I've got too much shit in me, man". Diese brutale Ehrlichkeit wollte Ernst Jorgensen den Fans dann aber wohl doch nicht zumuten und schnitt die Bemerkung aus der Aufnahme heraus.

 

Love Coming Down (Take 4)

Hier und dort kämpft Elvis noch damit, den Text auf die Zählzeiten zu verteilen. Grundsätzlich ist er aber auf dem richtigen Weg.

 

Blue Eyes Crying In The Rain (Takes 1 & 2)

Beim ersten Take versingt sich Elvis und bricht mit der Bemerkung "Wait a minute, I jumped on rain" das Unterfangen ab. Der zweite Versuch gelingt und läuft durch. Als kleine Variation singt Elvis "in a land that knows no sorrow" anstatt "...that knows no parting".

 

Solitaire (Takes 5 & 7)

Take 5 wird nur zwei Zeilen alt, weil Elvis sich beim Wort "lonely" versingt. Anschließend räuspert er sich übertrieben und droht scherzhaft, Neil Sedaka (den Komponisten des Songs) umzubringen. Der siebte Durchlauf ist zwar noch nicht perfekt, aber es geht ab jetzt nur noch um die Betonung einzelner Worte.

 

Hurt (Takes 6 & 5)

Hier möchte uns Ernst Jorgensen zuerst einen Fehlstart und dann die vollständige Performance präsentieren. Deshalb hat er einfach die Reihenfolge der Takes vertauscht und bringt den fünften Take nach dem sechsten zu Gehör.

Wie gesagt, Take 6 ist ein Fehlstart. Nach dem geschmetterten "I'm so hurt" bricht Elvis mit einem "Goddamnit!" ab, worauf ihm sein Umfeld lachend bestätigt, dass das jetzt echte Schmerzen waren.

Take 5 funktioniert eigentlich recht gut, lediglich beim Finale hapert es noch ein wenig.

 

Bitter They Are, Harder They Fall (Takes 3-5)

"You guys don't desert me on the very first part" mahnt Elvis, dann räuspert er sich übertrieben und es geht los. Nach kurzer Zeit wird die Aufnahme jedoch durch ein klingelndes Telefon unterbrochen, das der King dann auch gleich von der Wand schießen will.

Auch der nächste Anlauf misslingt, da sich jetzt der königliche Hund bemerkbar macht. "Shoot the telephone, shoot the yellow dog!" kommentiert Elvis. Dabei handelt es sich um ein Wortspiel, denn einerseits handelte es bei Get-Lo um einen Chow-Chow mit gelblichem Fell, andererseits werden auch verächtliche Dinge/Personen als Yellow Dog bezeichnet.

Der fünfte Take läuft dann vollständig durch und funktioniert schon recht gut.

 

For The Heart (Take 5a)

Offenbar hat man das Tempo jetzt leicht erhöht und auch FTD hat den Mix geändert - der Fokus liegt jetzt eher auf den akustischen Instrumenten. Insgesamt hören wir die bis dato beste Version dieses Songs, Elvis und seine Jungs sind definitiv auf dem richtigen Weg.

 

The Last Farewell (Take 4 & undubbed Master)

Die Bezeichnung "Undubbed Master" ist natürlich Blödsinn, denn der Master ist immer das Endprodukt. Wir hören hier also den unbearbeiteten Master-Take und der ist ein Zusammenschnitt aus den Takes 3 und 5.

Der Track beginnt mit dem dazwischen liegenden Take 4 und der ist nur ein kurzer Fehlstart. Die Musiker brechen ab, bevor Elvis überhaupt zum Singen kommt.

Der pure Master-Take gefällt mir insofern gut, als dass die Stimme des Kings hier nicht durch Geigen und Chöre überdeckt wird und man die gesanglichen Details besser heraushören kann.

 

I'll Never Fall In Love Again (Master - Rough Mix)

Offenbar hat Felton Jarvis seinerzeit vorab einen Mix des Masters erstellt. Die Streicher und der Chor sind hier weniger prominent abgemischt, was mir persönlich sehr gut gefällt.

 

Never Again (Master ReMix)

Hier bekommen wir den Master-Take ohne die nachträglichen Overdubs. Zudem wurden auch die Instrumente anders abgemischt als bei der ursprünglich veröffentlichten Fassung.

 

Danny Boy (Master - Rough Mix)

Die CD endet mit einem weiteren Rough Mix. Viel wurde anschließend allerdings nicht mehr geändert.

 

Fazit & Bewertung

Die Aufnahmen zeigen, dass der King auch am Ende noch fokussiert und humorvoll zu Werke zog.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Album-Cover bei Follow That Dream Records.