On Stage - February 1970

 

Zweiundvierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung liefert Follow That Dream Records anno 2012 eine Sammler-Ausgabe des Klassikers On Stage. Neben den Songs des Originalalbums finden sich hier auch Ausschnitte aus den beiden Konzerten vom 18. Februar sowie der Midnight Show am Tage darauf.

Die Nachbearbeitung der Aufnahmen übernahm Vic Anesini. Der Name bürgt für exzellente Tonqualität und auch On Stage enttäuscht in diesem Bereich nicht. Besser als hier können die Tracks wohl nicht klingen.

Nachfolgend möchte ich die Aufnahmen vorstellen, die sich nicht auf der Original-LP befinden.

Informationen zum RCA-Album von 1970 findet ihr hier.

 

 

18. Februar 1970, Midnight Show

Long Tall Sally

Leider schien RCA Victor seinerzeit kein Interesse am Beginn der Shows zu haben, denn der Tontechniker startete die Gerätschaften erst während oder nach I Got A Woman. Das Opening gibt es lediglich bei den Aufnahmen vom 26. Januar und 23. Februar zu hören - hier handelt es sich jedoch nicht um professionelle Stereo-Aufnahmen, sondern lediglich um Mischpultmitschnitte.

Wie auch immer, Elvis reißt zu nächst ein paar Witze und legt dann mit dem Klassiker von Little Richard los. Man könnte diese Version als perfekt bezeichnen, wenn nicht Bob Lanning am Schlagzeug den zweiten Break verpasst hätte.

 

Don't Cry Daddy

Jetzt begrüßt der King das Publikum im Flamingo-Hotel und kündigt seine neue Schallplatte an. Dann fällt ihm allerdings ein, dass die Scheibe schon einen Monat lang erhältlich und somit doch nicht neu ist.

Auch während des Liedes kann Elvis das Scherzen nicht lassen, fordert Charlie Hodge mit einem gebrüllten "Sing it, Charlie!" zum Beisteuern der Begleitstimme auf und ändert den Text in "...together we'll put you on a bummer". Die Kinder wollen ihrem Vater hier also keine neue Frau suchen, sondern ihn auf einen Horror-Trip schicken. Nicht nett, aber lustig.

 

Kentucky Rain

Das Publikum lacht, denn abermals kündigt Elvis seine neue Schallplatte an. Tatsächlich ist Kentucky Rain erst vor wenigen Tagen auf einer Single veröffentlicht worden, während Don't Cry Daddy seit Ende November auf dem Markt ist.

Abermals spielt der King mit dem Text herum, macht aus den "old grey bearded men" ein paar "old grey beaded fools" und singt statt "As we drove on through the rain, as he listened, I explained" die Improvisation "As we drove on through the rain, I realized he's insane". Ich gebe zu, dass ich herzhaft lachen musste, als ich die Stelle zum ersten Mal gehört habe. Keine Frage, Elvis hatte Humor.

 

Let It Be Me

Ausnahmsweise nimmt der King mal ein Lied ernst. Let It Be Me wird großartig gesungen und steht der offiziell veröffentlichten Version in nichts nach.

 

I Can't Stop Loving You

Wie auf dem Doppel-Album From Memphis To Vegas / From Vegas To Memphis trägt Elvis die Nummer ernsthaft und kraftvoll vor.

 

Walk A Mile In My Shoes

Auch diesen Titel geht Elvis seriös an, es fehlt allerdings die Zeile "Well I may be common people, but I'm your brother". Ob der King durch irgendwas abgelenkt war oder schlicht und einfach einen Texthänger hatte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Der Tontechniker blendet die Aufnahme am Schluss aus, es ist allerdings noch der Übergang zu In The Ghetto zu hören.

 

The Wonder Of You

Erst am Nachmittag hatten Elvis und seine Crew das Lied einstudiert. Es läuft nicht 100%ig rund, kann sich aber im Ganzen trotzdem hören lassen. Vorab erklärt der King seinen Zuhörern übrigens, dass er nicht auf Liedwünsche eingehen könne, da er für seine Shows ein Zeitlimit zu beachten habe und nur 16 Songs spielen dürfe.

 

Introductions 

Bei diesem Track handelt es sich nicht um die Bandvorstellung, sondern um die Begrüßung einiger prominenter Zuschauer. Heute befinden sich Frankie Avalon, Marty Allen, Ray Anthony und Fats Domino unter den Zuschauern. Letzteren bezeichnet Elvis als eine große Inspiration und singt auch kurz dessen Hit Blueberry Hill an.

 

Suspicious Minds

Bei seinem Nummer 1-Hit vom Spätsommer des Vorjahres dreht der King nochmal so richtig auf und liefert den Zuschauern eine Gratis-Lektion in Sachen Body English. Der Saal tobt!

 

Can't Help Falling In Love

Die Aufnahme endet mit der typischen Schlussnummer eines jeden Presley-Konzertes.

 

18. Februar 1970, Dinner Show

Long Tall Sally

Elvis beginnt den Song mit einem absichtlich herbeigeführten Fehlstart und einem gelungenen Gag. Der Vortrag selbst ist purer Rock'n'Roll.

 

Don't Cry Daddy

Nun heißt der King die Zuschauer im Flamingo willkommen und macht ein paar Scherze. So kündigt er den nächsten Song zum Beispiel in Anspielung auf seine Erkältung damit an, dass er eine neue Schallplatte und einen neuen Husten auf den Markt gebracht habe. Während des Liedes selbst ist davon allerdings nichts zu hören, die Performance ist tadellos.

 

Walk A Mile In My Shoes

Obwohl das Lied neu in der Show ist, hat Elvis daran offensichtlich bereits die Lust verloren. Er kürzt den Vortrag ab und lässt die zweite Strophe kurzerhand ausfallen.

Der Tontechniker blendet das nachfolgend gesungene In The Ghetto wieder aus, der Übergang zwischen den Songs ist jedoch noch zu hören.

 

Release Me

Scherzhaft merkt Elvis an, jetzt noch 84 Lieder auf der Agenda zu haben. Nach einigen weiteren Gags singt er Release Me und ruft Glen D. Hardin ein ironisches "Play it, Jerry Lee!" zu.

 

Polk Salad Annie

Beim Show-Stopper der Saison plagt Elvis abermals der Husten, was von dem Sänger auch gleich in die gesprochene Einleitung eingebaut wird. Die Erkältung hält Elvis allerdings nicht davon ab, dem Publikum ein gerüttelt Maß an Body Language vorzuführen.

 

19. Februar 1970, Midnight Show 

Long Tall Sally

Auch zur Midnight Show am 19. Februar heißt Elvis die Besucher im Flamingo willkommen und beweist einmal mehr, dass er auch mit 35 Jahren noch der König des Rock'n'Roll ist.

 

Don't Cry Daddy

Die etwas kitschige Ballade wird einfühlsam vorgetragen. Danach widmet sich Elvis wohl einem Fan am Bühnenrand, was auf der CD zu einem langen Moment der Stille führt.

 

Hound Dog

Mit ein paar Scherzen leitet der King einen seiner größten Verkaufserfolge ein. Dann kündigt er die Nummer als zärtliches Liebeslied an - und brüllt los.

Zwar wiederholt er immer nur dieselben vier Zeilen, aber selbst diesen ausgesuchten Text-Elementen verleiht er genügend Dampf, um die Bude zu rocken.

 

Love Me Tender

Angeblich handelt es sich hier um das Titellied eines Films aus dem Jahr 1926. Nach einem absichtlich herbeigeführten Fehlstart singt Elvis die Nummer durch und widmet sich dabei ausgiebig den Damen am Bühnenrand.

 

Kentucky Rain

Bis auf den Gag mit den "old grey bearded fools"  tragt der King die A-Seite seiner aktuellen Single seriös vor.

 

Let It Be Me

Bei dieser Ballade versteht Elvis offenbar keinen Spaß. Hier albert er nicht herum, hier wird ernsthaft gesungen. Mir gefällt Let It Be Me ausgesprochen gut, so dass ich es schade finde, dass er den Song nach diesem Gastspiel nie wieder sang.

 

I Can't Stop Loving You

Wie üblich macht der King hier mehr Dampf als andere Interpreten. Am Schluss zieht er den Pauken-Wirbel künstlich in die Länge und sorgt damit bei den Zuschauern für Spannung.

 

Walk A Mile In My Shoes / In The Ghetto

Prinzipiell hören wir hier dieselbe Fassung wie auf dem Album On Stage - February 1970.

Im Gegensatz zur nachbearbeiteten LP-Version sind hier Streicher im Hintergrund auszumachen, zudem singt der Background-Chor verhaltener als die später hinzugefügten Sängerinnen und Sänger auf dem Album. Und natürlich ist jetzt mit In The Ghetto auch der zweite Teil des Medleys zu hören.

Weil sich bereits auf der wenige Monate zuvor veröffentlichten Doppel-LP From Memphis To Vegas / From Vegas To Memphis eine Live-Aufnahme dieses Liedes befunden hatte, verzichtete RCA beim On Stage - Projekt auf In The Ghetto.

 

The Wonder Of You

Bevor er den neu einstudierten Song vorträgt, entschuldigt sich Elvis dafür, dass er nicht wisse, was er tue und behauptet, schon vor Stunden die Kontrolle verloren zu haben.

Das Lied selbst wird gut gesungen, lediglich einmal kommt der King mit dem Text durcheinander und singt "love" statt "kiss". Obwohl den Fehler vermutlich niemand bemerkt hat, scheint er Elvis zu stören und veranlasst ihn zu einer kurzen Erklärung.

 

Release Me

Der King verleiht der Ballade eine rockige Note und legt sich voll ins Zeug. Leider trifft er dabei nicht jeden Ton, so dass Felton Jarvis die Aufnahme wohl schon während der laufenden Show aussortiert haben dürfte.

 

Polk Salad Annie

Mit der Tony Joe White-Nummer Polk Salad Annie rockt Elvis den Saal nach allen Regeln der Kunst. Er bewegt sich über die ganze Bühne und bringt mit seiner Performance die Damen hörbar aus der Fassung.

Im Anschluss widmet er sich dieser Zielgruppe abermals recht ausgiebig und verteilt jede Menge Busserl an die Ladys am Bühnenrand.

 

Introductions

Im Gegensatz zu anderen Konzerten handelt Elvis die Vorstellung der Musiker heute zügig ab. Im Anschluss stellt er zwei Mitglieder der Baltimore Colts, einem in den USA bekannten Football-Team, vor und bedankt sich für ihr Kommen.

 

Suspicious Minds

Zum Abschluss der Show dreht der King noch einmal so richtig auf und liefert dem Publikum das gesamte Presley-Paket. Er bewegt sich ausgiebig zur Musik, reißt ein paar Witze und singt mit seiner unverwechselbaren Stimme. Die Zuschauer sind hin und weg.

 

Can't Help Falling In Love

Viel zu schnell folgt das große Finale. Der goldene Vorhang im Showroom Internationale senkt sich, die Show ist vorbei. 

 

Fazit & Bewertung

Die Doppel-CD präsentiert den King von seiner besten Seite und in hervorragender Tonqualität.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Album-Cover bei Follow That Dream Records.