Elvis

 

Das zweite Album des Rock'n'Roll-Königs wird im Jahr 2014 in die Classic Album-Serie von Follow That Dream Records inkludiert. Die erste CD enthält die Lieder der Original-LP, seinerzeit nur im Single- und EP-Format erhältliche Bonus Songs sowie Outtakes von Rip It Up und Old Shep. Auf der zweiten Disc ist Elvis' letzter Auftritt in der Radio-Sendung The Louisiana Hayride zu hören, bei dem der Rock'n'Roll-König auch einige Songs dieser LP vortrug.

Mancher Fan wird die nicht ausgenutzte Spielzeit der Tonträger kritisieren, aber man muss nun einmal der Tatsache ins Auge sehen, dass die Archive kaum Outtakes der frühen Presley-Sessions enthalten. Über die Jahre sind die Bänder diversen Aufräumarbeiten zum Opfer gefallen, denn für RCA stellten damals eben nur die Master-Versionen einen Wert dar. In den 1950ern konnte schließlich niemand ahnen, dass es einmal einen Markt für Ausschussware dieser Art geben würde.

Die Studioaufnahmen wurden von Sebastian Jeansson bearbeitet, um den Konzertmitschnitt kümmerte sich Vic Anesini. Letzteres geschah allerdings nicht für diese CD-Produktion, sondern bereits ein paar Jahre zuvor für die Sammler-Box The Young Man With The Big Beat.

Kurz nach der Veröffentlichung der zweiten LP gastierte Elvis ein letztes Mal in der Radio-Show The Louisiana Hayride. Weil der junge Sänger nahezu jedes Wochenende live in der Sendung spielen musste und ihn diese Verpflichtung in seiner Karriere behinderte, hatte ihn Colonel Parker gegen die Zahlung von 10.000 US-Dollar und die Zusage eines Abschiedskonzertes aus dem Vertrag herausgekauft. Und so trat Elvis am 15. Dezember 1956 im Hirsch Coliseum in Shreveport, Louisiana vor 9.000 kreischenden Fans auf. Neben den großen Hits hatte der Rock'n'Roll-König auch vier Songs seines neuen Albums im Gepäck.

Die Aufnahme wurde bereits einige Jahre vor der Veröffentlichung dieses Classic Albums auf der Sammler-Box The Young Man With The Big Beat herausgebracht. Seinerzeit wurde kritisiert, dass der Mitschnitt einen Tick zu langsam läuft. Wie schon bei der 1974er LA-Show, so scheint man im Hause FTD auch hier keine größeren Probleme mit solchen "Details" zu haben. Abermals wurde die Aufnahme 1:1 übernommen, ohne irgendwelche Korrekturen vorzunehmen. Bei dem Auftritt aus den 1970er Jahren erledigte ein Bootleg-Label die Arbeit für Follow That Dream Records, die Hayride-Show wurde vom Memphis Recording Service nachbearbeitet und veröffentlicht. Weil zum damaligen Zeitpunkt in Europa das Copyright ausgelaufen war, geschah letzteres sogar vollkommen legal. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, weshalb ein offizielles Label so schlampig arbeitet bzw. sich von Amateuren die Butter vom Brot nehmen lässt. Zur Beruhigung sei allerdings angemerkt, dass die Abweichung der Laufgeschwindigkeit sehr gering ist und bei der sowieso nicht perfekten Tonqualität kaum auffällt - den Verantwortlichen bei Sony ist der Fehler ja auch "durch die Lappen gegangen". Trotzdem ist so etwas natürlich ärgerlich.

Mit meinen Ausführungen beschränke ich mich auf jene Tracks, die nicht auf dem Original-Album zu hören sind. Es geht hier also nur um die Bonus Songs, Outtakes und Live-Aufnahmen.

Informationen zum RCA-Album von 1956 findet ihr hier.

 

Outtakes

Rip It Up (Takes 10-14)

Take Nummer 10 wird etwa eine halbe Minute alt, dann bricht man ab. Beim nächsten Anlauf misslingt das Schlagzeug-Intro, danach kommt Elvis bis zur ersten Zeile. Als sich das Spielchen wiederholt, fragt der King "What's happening?" Take 14 läuft dann vollständig durch, wobei das Gitarren-Solo von Scotty Moore von der bekannten Version abweicht.

 

Rip It Up (Take 15)

Wir hören etwas Studio-Talk, Hugh Jarrett wirft ein tiefes Natalie Wood  (als Referenz an die anwesende Schauspielerin) ein. Grundsätzlich haben alle Beteiligten die Rock'n'Roll-Nummer im Griff, bei union hall  bricht dem King allerdings die Stimme weg.

 

Rip It Up (Take 16)

Am Anfang klingt Elvis etwas brüchig, später kann man seine Stimme ebenfalls ungewollt "quietschen" hören.

 

Rip It Up (Take 17)

Dieser Take läuft sauber durch. Als Textänderung fällt auf, dass Elvis seine Dame jetzt in der social hall  und nicht mehr in der union hall  aufreißen will.

 

Rip It Up (Takes 18 & 19)

Beim 18. Take zittert wieder die Stimme des Kings, woraufhin DJ Fontana (Schlagzeug) und Scotty Moore (Gitarre) mehr oder weniger das Spiel einstellen. Hey Nick, you wanna play drums?  fragt Elvis scherzhaft Nick Adams.

Elvis hatte Nick und Natalie Wood während seiner Arbeit in Hollywood kennengelernt und sich mit den beiden angefreundet. Bei Natalie ging die Freundschaft wohl etwas weiter, dafür blieb Nick dem Dunstkreis des Kings längerfristig erhalten und die beiden blieben über die nächsten Jahre in Kontakt.

Mit Take 19 folgt der allseits bekannte Master von Rip It Up.

 

Old Shep (Take 5)

Wie bei der Beschreibung der Album-Tracks bereits erwähnt, spielte Elvis insgesamt fünf Takes dieser Ballade ein. Auf die LP nahm man schlussendlich den ersten Durchlauf, einige Pressungen enthielten aufgrund eines Fehlers bei RCA aber fälschlicherweise Take 5. Diesen bekommen wir zum Abschluss der ersten CD nun ebenfalls zu hören. Das Lied wird etwas langsamer gespielt und hat einen leichten Touch von Blues.

Vermutlich wählte Elvis den ersten Take zum Master, weil er hier emotionaler sang als bei den späteren Versuchen.

Live At The Louisiana Hayride

Heartbreak Hotel

Die Aufnahme setzt bei den ersten Takten von Heartbreak Hotel ein. Elvis macht ein paar Bewegungen, was vom Publikum mit frenetischen Schreien beantwortet wird.

 

Long Tall Sally

Das nächste Lied wird vom Rock'n'Roll-König mit den Worten "Here's a sad song!" angekündigt. Die Ansage ist natürlich pure Ironie, denn die Little Richard-Nummer hat einen ziemlich lustigen Text. Elvis und seine Jungs spielen die Nummer cool durch, weit effektiver als später in den 1970er Jahren. Dass sich der Titel auch auf seinem neusten Album befindet, erwähnt Elvis freilich nicht.

 

I Was The One

Jetzt begrüßt der King das Publikum und erwähnt in diesem Zusammenhang natürlich auch die Louisiana Hayride. Danach bittet er die Jordanaires auf die Bühne und kündigt die B-Seite von Heartbreak Hotel an.

Elvis albert ein wenig mit dem Text herum, singt "I'll never know, I wish it would snow" und "Who learned the lesson, when she broke my neck". Zwischendurch kann man ihn immer wieder über die Reaktionen der Fans lachen hören, die er durch bestimmte Betonungen (z.B. während der Passage "She lived, she loved...") natürlich selbst hervorruft. Es ist nach wie vor erstaunlich, wie viel Selbstironie Elvis auch schon in jungen Jahren aufbrachte und wie geschickt er es verstand, mit den Reaktionen seiner Fans zu spielen.

 

Love Me Tender

Das nächste Lied kündigt Elvis mit den Worten "The song from the movie, in which I got blasted" an. Damit spielt er wohl auf die hysterischen Reaktionen seiner Anhänger auf die ersten Pressemeldungen an, die von seinem Leinwand-Tod berichten.

Der King legt viel Gefühl in seinen Vortrag, kann sich aber hier und dort ein Lachen über das Gekreische vor der Bühne nicht verkneifen. Auch singt er einmal das Wort when  als Gag mit starkem Südstaaten-Akzent.

 

Don't Be Cruel

Der King spielt während der Ankündigung des nächsten Songs wieder ein wenig mit den Reaktionen seiner Fans.

Interessanterweise orientiert sich Elvis hier nicht an seiner eigenen Aufnahme, sondern am Arrangement von Billy Ward & The Dominoes. Er hatte die Gruppe in Las Vegas gesehen und offenbar an ihrer Interpretation Gefallen gefunden.

 

Love Me

Erstmals erwähnt der Rock'n'Roll-König jetzt sein neues Album. Zwischenzeitlich ruft er dabei auch die Zuschauer zur Ordnung - natürlich auch diesmal nicht ohne einen Funken Ironie.

Im Gegensatz zu den überhastet und lustlos abgesungenen Fassungen aus den 1970er Jahren hält sich Elvis hier an die Studio-Aufnahme und singt mit viel Gefühl. Sehr gut gefallen mir auch die kleinen, aber feinen Einwürfe von Scotty Moore mit seiner E-Gitarre. Am Ende des Songs sind ein paar Rückkopplungen zu hören.

 

I Got A Woman

Elvis spielt ein wenig mit dem Wort "well" herum, allerdings längst nicht so ausgiebig wie er es in späteren Jahren tun würde. Interessant ist das Schlagzeug-Spiel von DJ Fontana, das deutlich von der Studio-Aufnahme abweicht.

 

When My Blue Moon Turns To Gold Again

Jetzt kündigt Elvis wieder einen "song from the album" an und meint damit seine aktuelle LP. Das Publikum ist dabei so wild, dass der Rock'n'Roll-König kaum zum Sprechen kommt.

Die rhythmische Country-Ballade wird von Elvis und den Jordanaires sehr gut vorgetragen, man merkt, dass der King das Lied mag.

 

Paralyzed

An dieser Stelle der Show sind die Zuschauer nahezu hysterisch. Somit ist es keine schlechte Idee, ein weiteres, etwas ruhigeres Lied nachzuschieben. Elvis kündigt es mit dem Titel "All I could do was stand there paralyzed" an.

Als die Show erstmals im Rahmen der Box The Young Man With The Big Beat veröffentlicht wurde, stellte Paralyzed die größte Überraschung dar. Bis dato hatte nämlich kaum jemand gewusst, dass Elvis die Nummer jemals live gespielt hat.

 

Hound Dog

Aufgrund der vielen in seine Richtung fliegenden Blitzbirnen kommentiert Elvis ironisch, die Zuschauer mögen ihre Flashbulbs doch behalten...hier würde sie niemand benötigen. Dann leitet er den nicht gerade intellektuellen Song mit den Worten "As a great philosopher once said...."  ein - und schreit dem Publikum dann "You ain't nothing but a hound dog" entgegen.

Zuerst spielt er die Rock'n'Roll-Nummer im normalen Tempo, dann reduziert er die Geschwindigkeit und bewegt sich besonders aufreizend. Die Folge seines Tuns ist ein Beinahe-Delirium des Publikums.

In diesem Zustand verlässt Elvis die Fans - man soll halt gehen, wenn's am schönsten ist. Den Abgang des Kings hören wir nicht mehr, kurz nach den letzten Takten von Hound Dog wird die Aufnahme ausgeblendet. 

 

Fazit & Bewertung

Grundsätzlich hat FTD auch hier wieder das vorhandene Material perfekt kombiniert. Dass man den Live-Mitschnitt allerdings nicht nachbearbeitet hat, gefällt mir gar nicht.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Album-Cover bei Follow That Dream Records.