High Spirit In Vegas

Anno 2008 bringt ein Label namens VegasStrip unter dem Titel High Spirit In Vegas  einen Publikumsmitschnitt der Mitternachtsvorstellung des 2. September 1973 auf den Markt.

Die Verpackung wurde mit Tournee-Fotos vom Juni 1973 gestaltet, klappt man das Front-Cover auf, so bekommt man zwei weitere Bilder dieser Art zu sehen. Liner Notes oder auch nur eine Aufstellung der Musiker und Sänger sucht man vergebens.

Konträr zur äußeren Erscheinung überzeugt der Inhalt jedoch auf der ganzen Linie. Der Mitschnitt gehört zu den besten seiner Art und auch der Auftritt selbst ist ein Highlight.

 

Also Sprach Zarathustra

Das Orchester spielt die Einleitung, Oder Sonnenaufgang  aus dem Klassiker Also Sprach Zarathustra. Dann geht die Band in ein rhythmisches Opening Riff  über, zu dem Elvis die Bühne betritt.

Der Star verbeugt sich, holt sich von Charlie Hodge seine schwarze Gitarre und begibt sich zur Mitte der Bühne, wo bereits ein Mikrophon auf ihn wartet.

 

See See Rider

Die Musiker sind unmerklich zu den Anfangstakten von See See Rider übergegangen, das von Elvis kraftvoll dargeboten wird.

Auch die Band gibt richtig schön Gas, James Burton improvisiert ein wenig und spielt hörbar anders als während der TV Show Aloha From Hawaii Via Satellite.

 

I Got A Woman / Amen

Elvis wiederholt das Wort well  in mehreren Tonlagen, die von James Burton mit der E-Gitarre nachgespielt werden. Während dieses Vorgangs bekommt eine Dame im Publikum ihre Gefühle kaum noch in den Griff, was den King zu einem amüsierten Oh, thank you!  verleitet.

Die Ray Charles-Nummer hat ebenfalls ordentlich Drive, am Ende hängt Elvis wie immer ein paar Takte des Gospels Amen  an. JD Sumner lässt zum Abschluss seine Bass-Stimme ertönen, was den King so beeindruckt, dass er ihn das Prozedere noch einmal wiederholen lässt.

Nach einer kurzen Rückkehr zu I Got A Woman  entledigt sich Elvis seines Intruments und begrüßt die Zuschauer. Dabei sagt er interessanterweise I hope we have a good time this afternoon. Außerdem hofft er, dass sein Anzug hält.

 

Love Me

Als Gag spielt der King ein wenig mit dem Anfang des Songs herum. Interessanterweise reicht das Wort treat, um die Ladies in Verzückung zu versetzen.

Das Lied selbst singt Elvis in gewohnter Manier durch.

 

Steamroller Blues

Mit einem knappen Steamroller!  leitet der King zum nächsten Song über.

Verglichen mit der im März auch im Single-Format veröffentlichten Performance aus dem Aloha From Hawaii Via Satellite-Konzert gibt Elvis hier mehr Gas, was in einem deutlich ansprechenderen Vortrag resultiert.

 

You Gave Me A Mountain

Bei You Gave Me A Mountain  hingegen macht es sich Elvis inzwischen ein wenig einfacher, denn bei einigen, einstmals "in einem Rutsch" durchgesungenen Zeilen gönnt er sich nun Pausen zum Luftholen.

Man muss allerdings Vorträge wie den aus dem Film Elvis On Tour  schon kennen, um diesen Trick zu bemerken. Stimmlich ist der Meister auch im August 1973 noch bestens disponiert, so dass er gesanglich nach wie vor beeindrucken kann.

Zu Beginn des Songs hört man übrigens eine Dame im Zuschauerraum laut und lustvoll schluchzen, was bei Sänger und Publikum für Erheiterung sorgt.

 

Trouble

Den Oldie-Teil der Show eröffnet Elvis mit Trouble, einem Song aus dem 1958er Spielfilm King Creole.

James Burton steuert mit der E-Gitarre ein paar dreckige Riffs bei, Elvis hat offensichtlich seinen Spaß und wandelt die Zeile I don't take no orders from no kind of man  kurzerhand in ...I don't take no bull  ab.

Während des Songs hört man ihn oft lachen und auch bei den Zuschauern scheint die Stimmung bestens zu sein. So machen Oldies Spaß!

 

Rock'n'Roll Medley

In einem Höllentempo steigt Elvis nun in den Little Richard-Klassiker Long Tall Sally ein, bei dem er die Zeile ...I saw uncle John with bald-headed Sally  umdichtet in ...I saw Marty Allen with bald-headed Sally. Damit spielt Elvis auf die Tatsache an, dass der Komiker und Schauspieler an diesem Abend im Publikum saß.

Ohne Unterbrechung geht das Medley weiter mit Whole Lotta Shakin' Goin' On, Flip, Flop And Fly  und Hound Dog.

Der King hat an den alten Kamellen hörbar seinen Spaß, zwischendurch hört man ihn lachend sagen Shit!  und You sonofabitch! Offenbar kaspert er hier mit seinem Buddy Charlie Hodge herum.

 

Love Me Tender

I'd like to sing a little bit of  Love Me Tender  sagt Elvis und imitiert mit piepsiger Stimme ein zu schnell laufendes Tonband.

Dann singt er das Titellied seines ersten Spielfilms und ist dabei natürlich wieder am Bühnenrand unterwegs, um sich um die Damenwelt zu kümmern und Busserl zu verteilen.

Zwischendurch wendet er sich an Mr. Allen und sagt Good almighty, they pay me to do this, Mary!

 

Fever

Auch Fever  wird nicht wirklich ernsthaft vorgetragen, aus der Zeile Catain Smith and Pocahontas  macht Elvis Captain Smith poked just honeys  und sorgt damit für einige Lacher.

Zudem bewegt er sich übertrieben zum Takt der Musik, was die Ladies natürlich zum Kreischen bringt.

 

Bridge Over Troubled Water

Dass Elvis aber auch anders kann, beweist er mit Bridge Over Troubled Water.

Hier singt er konzentriert und beeindruckt das Publikum mit seiner Stimme. Auch Orchester und Chor sind in großem Stil involviert und können zeigen, was sie drauf haben.

Dem King scheint das Lied ebenfalls zu gefallen, denn er gibt spontan eine kleine Zugabe und wiederholt noch einmal das stimmgewaltige Finale.

Musikalisch ist übrigens auffällig, dass Ronnie Tutt das Schlagzeug ungewöhnlich hart bearbeitet.

 

Suspicious Minds

Mit Suspicious Minds zieht Elvis das Tempo der Show wieder an. Auch hier kann er das Herumalbern nicht lassen und ändert gleich mehrfach den Text.

Von den gymnastischen Übungen der Jahre 1969 und 1970 ist der King inzwischen weit entfernt, aber auch mit seinen dezenten Bewegungen bringt der Meister die weibliche Anhängerschaft in Wallung.

 

Introductions

Im Anschluss stellt der King seine Mitstreiter vor und würzt natürlich auch das mit einigen Gags. Dabei vergisst er allerdings Charlie Hodge.

Nachdem Elvis die im Publikum sitzenden Promis Hugh O' Brien und Marty Allen sowie seinen Vater Vernon erwähnt hat, fällt ihm wohl auch Charlie wieder ein und er holt dessen Vorstellung nach.

 

My Boy

Musikalisch setzt der King die Show mit der Power-Ballade My Boy  fort.

Im Gegensatz zu den ersten Vorträgen wirkt die Performance nun ausgereift und der Song wird äußerst überzeugend und emotional vorgetragen.

It's a new song, I like that! merkt der Sänger im Nachsatz an.

 

I Can't Stop Loving You

You know what I can't do? fragt Elvis, woraufhin Glen D. Hardin das Intro von I Can't Stop Loving You  spielt. Doch der King hat gerade ein Glas Wasser in der Hand und ergänzt Sing and drink water at the same time.

Der zweite Anlauf gelingt und Elvis liefert eine stimmgewaltige und auch sehr unterhaltsame Version des Country-Klassikers ab.

Zwischendurch albert er immer wieder mit den Fans herum und hat dabei hörbar seinen Spaß.

 

An American Trilogy

So ganz kann sich der King die Albernheiten auch hier nicht verkneifen. Zuerst ruiniert er absichtlich den Beginn des Songs, dann singt er statt Look away, Dixiland  als Gag Look away, Disneyland.

Auch sein Gesang ist zunächst recht unsauber, dann gewinnt er seine Ernsthaftigkeit jedoch zurück und liefert eine seriöse und gesanglich beeindruckende Fassung des Monomentalstücks ab.

 

The First Time Ever I Saw Your Face

Bevor es weitergeht, ist in der Aufnahme ein Schnitt zu hören. Vermutlich wurde die Show mit einer Musik-Kassette aufgenommen, die umgedreht werden musste.

Nachdem sich Elvis kurz mit einer orgiastisch kreischenden Dame beschäftigt hat, fährt er mit der Ballade The First Time Ever I Saw Your Face  fort.

Wie gewohnt singt er auch hier wieder die Strophe The first time ever I lay with you, die er in der Studio-Version aus Anstandsgründen weggelassen hatte.

Gesanglich zeigt der Meister hier abermals, was er drauf hat und auch das Orchester und der Chor können glänzen.

 

Mystery Train / Tiger Man

Nach zwei groß orchestrierten Balladen wird es mal wieder Zeit für ein wenig Rock'n'Roll. Somit folgt das allseits bekannte Medley aus Mystery Train  und Tiger Man, bei dem sich der King auch ein wenig zum Stroboskoplicht bewegt.

Verglichen mit der Fassung auf dem 1969er Doppel-Album From Memphis To Vegas / From Vegas To Memphis  werden die Songs jetzt deutlich schneller gespielt und weniger kraftvoll gesungen.

Im Ganzen ist der Vortrag aber trotzdem nicht schlecht und erzielt beim Publikum die gewünscht Wirkung.

 

How Great Thou Art

Bevor Elvis den Gospel How Great Thou Art  anstimmt, erklärt er noch, dass die Manager des Hotels seine Auftrittszeit gerne begrenzen würden, ihn aber deren Wünsche nicht interessierten. Wie beabsichtigt reagieren die Fans mit Begeisterung und freuen sich, dass ihr Idol noch ein paar Songs mehr singt.

Das tut der King übrigens ganz hervorragend und überzeugt stimmlich einmal mehr auf der ganzen Linie.

 

A Big Hunk O' Love

Im Höllentempo geht es jetzt durch den Rock-Klassiker A Big Hunk O' Love.

Nach einer kurzen und heftigen Fassung des Nummer 1-Hits aus dem Jahr 1959 fragt Elvis Do you wanna hear any more?

 

Release Me

Weil das ganz offensichtlich der Fall ist, folgt Release Me.

Auch dieses Lied wird vergleichsweise schnell gespielt. Zwischendurch albert Elvis wieder ein wenig herum, nimmt abermals Bezug auf Mr. Allen und reimt auf die Zeile Oh I have found a new love, dear  spontan ...and I can't help if Marty's queer.

Im Showroom Internationale ist daraufhin ein deutliches Lachen zu hören, das vermutlich von dem Komiker selbst kommt.

 

What Now My Love

Weil What Now My Love  eines der Lieblingslieder von Joan, der Ehefrau von Marty Allen, ist, möchte Elvis die Ballade nun speziell für sie vortragen.

Dabei legt er sich ganz mächtig ins Zeug und liefert eine absolut großartige Performance. Die Zeile ...if I should live or die  gestaltet der King dabei besonders dramatisch, indem er das Wort die  nahezu im Flüsterton singt.

 

Can't Help Falling In Love

Elvis merkt nun an, dass alle ihren Job gemacht hätten, wenn sich das Publikum unterhalten gefühlt habe. Dann singt er Can't Help Falling In Love, das nahtlos in ein Closing Riff  übergeht.

Normalerweise nahm der King den Schlussapplaus im hinteren Bereich der Bühne entgegen, so dass der goldene Vorhang des Showrooms langsam gesenkt werden und Elvis dahinter verschwinden konnte.

Diesmal bleibt er jedoch auf der in den Zuschauerraum reichenden Rampe, so dass die Techniker den Bühnenvorhang noch einmal nach oben ziehen müssen.

Als Gag rennt Elvis nach seiner letzten Verbeugung in den Backstage-Bereich und beendet damit seinen fast siebzigminütigen Auftritt.

 

Fazit & Bewertung

Zweifellos gehört die Mitternachtsvorstellung des zweiten September 1973 zu den besten Konzerten des Elvis Summer Festival 1973.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am CD-Cover bei VR-Vegas Strip.