Breakdown In Baltimore

Anfang 2018 bringt das Sammler-Label Straight Arrow die Doppel-CD Breakdown In Baltimore  auf den Markt.

Enthalten ist ein Publikumsmitschnitt des Auftritts vom 29. Mai 1977 in Baltimore, Maryland.

Als der Vorverkauf am 1. April 1977 begann, dauerte es nur wenige Stunden, bis alle 12.341 Tickets vergriffen waren.

Weil Colonel Parker jeden Quadratmeter des Civic Centers nutzte und 200 zusätzliche Stühle installieren ließ, stellte Elvis mit seinem Auftritt einen neuen Zuschauer-Rekord in Baltimore auf.

Die Einnahmen aus der Show beliefen sich auf 179.350 US-Dollar, womit der King ebenfalls den Spitzenplatz in der Statistik der Arena belegte.

Sammler von Veröffentlichungen dieser Art kennen das Konzert bereits von den CDs Send Me The Light....I Need It Bad!  (1994) und Baltimore Nightfall  (2011). Die Version aus dem Jahr 2018 stammt allerdings aus einer anderen Quelle, hier handelt es sich um die Aufnahme einer Dame namens Linda Everett.

Mit der ebenfalls aus dem Zuschauerraum heraus aufgenommenen FTD-CD New Years Eve  kann dieser Mitschnitt sicherlich nicht konkurrieren, grundsätzlich ist die Qualität jedoch noch akzeptabel.

Untergebracht sind die beiden Tonträger in einem dreifach aufklappbaren Digipak, das mit Fotos von dem zu hörenden Konzert passend gestaltet wurde.

 

Also Sprach Zarathustra

Nach dem Vorprogramm und der anschließenden Pause wird die Saalbeleuchtung gedimmt und das Orchester spielt die Einleitung, oder Sonnenaufgang  aus dem Richard Strauß-Opus Also Sprach Zarathustra.

Dann übernimmt die Band mit dem Opening Riff  und Elvis betritt die Bühne. Wie in diesen Tagen üblich trägt er den Mexican Sundial Suit.

Nachdem der King von Charlie Hodge seine Gitarre entgegengenommen hat, geht er zum Mikrophon in der Mitte der Plattform und beginnt sein Programm.

 

See See Rider

Der R&B-Klassiker kommt zwar nicht mehr so kraftvoll daher wie im Film Elvis On Tour  (1972), insgesamt bringt der King die Nummer aber auch heute gut rüber und liefert somit einen flotten Einstieg in die Show.

 

I Got A Woman / Amen

Jetzt singt Elvis in mehreren Tonlagen das Wort well, James Burton "antwortet" ihm entsprechend mit der E-Gitarre. Das letzte well  klingt überraschend tief - als Gag singt hier nicht Elvis, sondern der Bass-Sänger J.D. Sumner.

Während I Got A Woman  strotzt der King ebenfalls nicht gerade vor Energie, aber auch hier ist sein Vortrag noch immer passabel. Während des Gospels Amen  fordert Elvis die Zuschauer zum Mitsingen auf. Heute zieht er die Nummer ein wenig in die Länge und geht zur Überraschung der Musiker in eine zusätzliche Wiederholung.

Anschließend demonstriert er eine Auswahl seiner früheren Bewegungen und bemerkt dabei, er versuche lediglich aufzuwachen. Am Ende von Amen  präsentiert J.D. Sumner seine Bass-Stimme, sein Chef ist allerdings nicht zufrieden und lässt ihn ein zweites Mal antreten.

Danach kehrt Elvis für eine kurze Reprise zu I Got A Woman  zurück und beendet den Eröffnungsblock der Show.

 

That's All Right

Im Gegensatz zum üblichen Prozedere gibt der King sein Instrument nicht wieder ab, sondern möchte sich zu einigen Songs selbst begleiten.

Weil die Gitarre eigentlich nur eine Requisite darstellt, ist sie nicht am Tonsystem angeschlossen. Charlie Hodge behebt das Problem mit einem Handmikrophon, das er in Ermangelung eines zweiten Stativs allerdings festhalten muss. Elvis merkt an, dass er eigentlich nur drei Akkorde spiele könne.

Dann legt er aber trotzdem los und singt That's All Right, die A-Seite seiner Debut-Single aus dem Jahr 1954.

 

Are You Lonesome Tonight

And then we did a song called ARE YOU LONESOME TONIGHT....and I am! sagt Elvis.

Gleich am Anfang verhaspelt er sich mit dem Text und so mancher Ton geht daneben. Zu allem Überfluss nutzt er die gesprochene Passage dann auch noch zum Herumalbern mit Charlie und fährt die Nummer dadurch vollständig vor die Wand.

Insgesamt wirkt die Performance ziemlich hilflos, das Publikum scheint diesen Umstand allerdings gar nicht zu bemerken und amüsiert sich königlich.

 

Blue Christmas

Jahreszeitlich nicht ganz passend singt Elvis jetzt den Weihnachtsklassiker Blue Christmas. Dabei leistet er sich zwar einen Timing-Fehler, insgesamt bringt er die Ballade aber ordentlich rüber.

Dann fragt er, wann er zum letzten Mal hier in Baltimore gewesen sei und gibt sein Instrument an Charlie Hodge zurück.

 

Heartbreak Hotel

Jetzt begrüßt der King offiziell seine Zuschauer und ist sich offenbar nicht ganz sicher, wie es im Programm weitergehen soll. Die Unchained Melody  ist im Gespräch, schlussendlich entscheidet sich Elvis aber für Heartbreak Hotel, seinen ersten Nummer 1-Hit in den Pop Charts von Billboard.

Kurioserweise wünscht der King anschließend noch einmal einen guten Abend und stellt sich scherzhaft als Wayne Newton vor. Offensichtlich hat er vergessen, dass er das Publikum bereits vor einigen Minuten begrüßt hat.

 

Love Me

Die Ballade von der LP Elvis  (1956) gehört seit Jahren zum Standardprogramm und hat in dieser Zeit merklich gelitten.

Der King singt das Lied ohne größere Anstrengungen herunter, wobei er abermals den einen oder anderen Ton verfehlt.  

 

Jailhouse Rock

Aus dem Hintergrund wird Elvis nun der Olivia Newton John-Hit If You Love Me (Let Me Know)  vorgeschlagen. Der King möchte aber lieber den Jailhouse Rock  singen, was er dann auch tut.

Insgesamt klingt die Nummer mehr nach Las Vegas als nach Gosse, doch als Erinnerung an die gute, alte Zeit funktioniert der Oldie auch in dieser Form prächtig.

 

You Gave Me A Mountain

Mit der Ansage Mountain, son!  leitet der King zu You Gave Me A Mountain, dem ersten neueren Song des Abends über.

Verglichen mit den Fassungen aus dem Film Elvis On Tour  (1972) oder dem TV-Konzert Aloha From Hawaii Via Satellite  (1973) singt der Meister heute nicht mehr durchgängig kraftvoll. Nur einzelne Zeilen stellt er zur Betonung der Dramatik stärker heraus, die meisten kürzt er ab.

Trotzdem weiß er noch immer, wie er die Nummer verkaufen muss.

 

Danny Boy

Zur allgemeinen Überraschung kündigt Elvis nun seinen Hintergrundsänger Sherrill Nielsen mit zwei Solonummern an. Der King selbst nimmt derweil auf dem Hocker von Mr. Nielsen platz und ruht sich etwas aus.

Die Fans kennen die Presley-Version dieses Liedes von der im Vorjahr veröffentlichten LP From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee.

Sherrill weicht deutlich von der Interpretation seines Chefs ab, macht seine Sache deshalb aber keinesfalls schlechter.

 

Walk With Me

Als zweiten Song singt Mr. Nielsen den Gospel Walk With Me  und kann abermals auf der ganzen Linie überzeugen.

Für Elvis hingegen sieht es nicht gut aus, denn die beiden Darbietungen seines Harmonie-Sängers fördern die eigenen Defizite schonungslos zutage. Sherrill singt kraftvoller und genauer, zudem hält er die Töne länger und wirkt im Ganzen deutlich vitaler.

 

Teddy Bear / Don't Be Cruel

Ohne Worte gibt Elvis mit einer Geste in Richtung seines Pianisten den Startschuss zu Teddy Bear, dem großen Hit aus seinem 1957er Spielfilm Loving You.

Wie üblich kombiniert er den Song mit Don't Be Cruel, auf die ansonsten serienweise in den Zuschauerraum geworfenen Halstücher verzichtet er heute allerdings.

 

Walk That Lonesome Road

Nachdem er sein Hit-Medley beendet hat, teilt der King seinen Fans in knappen Worten mit, dass er die Bühne kurzzeitig verlassen müsse. JD Sumner & The Stamps sollen derweil  Walk That Lonesome Road  vortragen.

Ob Elvis die Aktion während der Solosongs von Sherrill Nielsen mit dem Quartett abgesprochen hat, ist mir nicht bekannt. Flankiert von Bodyguards begibt sich der King in den Backstage-Bereich, JD Sumner & The Stamps unterhalten derweil die Zuschauer.

 

My Heavenly Father

Charlie Hodge ergreift nun das Mikrophon und bittet die Hintergrundsängerin Kathy Westmoreland, den Gospel My Heavenly Father  vorzutragen.

Natürlich kommt sie dieser Bitte nach und verschafft ihrem Boss dadurch weitere drei Minuten Luft.

 

Introductions

Weil von Elvis noch immer nichts zu sehen ist, beginnt Charlie Hodge mit der Vorstellung der Musiker.

Wie der King, so stellt auch Charlie jedes Mitglied der Hintergrund-Chöre einzeln vor und ruft die Musiker der Band zu kurzen Solo-Nummern auf. James Burton darf sogar zweimal ran und spielt als Zugabe Johnny B. Goode  mit der Gitarre hinter dem Kopf.

John Wilkinson wird normalerweise von Elvis bei Early Morning Rain  stimmlich begleitet, heute trägt er die Nummer in Eigenregie vor und übernimmt den Gesangspart kurzerhand selbst.

Während das Orchester School Day  spielt, taucht der King auf einmal wieder auf. Mit knappen Worten entschuldigt er sich für sein Verschwinden und erklärt, die Natur habe ihn gerufen und man solle sich nicht mit ihr anlegen. 

 

Hurt

Mit der im Vorjahr auf einer Single veröffentlichten Power-Ballade versucht Elvis, das Publikum wieder für sich zu gewinnen.

Er klingt dabei deutlich frischer als im ersten Teil der Show, auf die typische Wiederholung des Finales verzichtet er heute allerdings.

 

Hound Dog

Beim Rock'n'Roll-Klassiker Hound Dog  beschränkt sich der King leider auf vier Zeilen, die er mehrfach wiederholt.

Zum Ende schüttelt er sich zu den Blechbläserklängen des Joe Guercio Orchesters und versetzt die Damen damit in Verzückung.

 

Help Me

Unter normalen Umständen hätte sich Elvis jetzt von seinen Zuschauern verabschiedet. Aufgrund seiner etwa zwanzig Minuten andauernden Abwesenheit kann er sich heute jedoch einen so schnellen Abgang nicht leisten und trägt deshalb den Countrysong Help Me  vor.

Vielleicht auch aufgrund seiner persönlichen Situation legt er sich dabei besonders ins Zeug.

Im Anschluss fragt er die Fans, was sie gerne hören wollen. Kurioserweise geht er gar nicht auf die in den Saal gerufenen Liedwünsche ein, sondern schlägt von sich aus die Unchained Melody  vor.

 

Unchained Melody

Dann setzt er sich ans Klavier und spielt den Song. Die meisten Zuschauer dürften das Lied noch nicht von ihm kennen, denn er hat es erst im Dezember ins Programm genommen. Im Sommer wird eine Aufnahme vom April auf dem Album Moody Blue veröffentlicht werden. 

Auch diesen Song singt Elvis äußerst gefühlvoll und stimmlich durchaus überzeugend.

 

Blue Suede Shoes

Noch einmal fragt Elvis nach Zuschauerwünschen und entscheidet sich für Blue Suede Shoes.

Zwar hätte er mit seinem heutigen Vortrag damals wohl kaum den Status eines Rock'n'Roll-Königs errungen, doch hat man ihn das Lied auch schon schlechter singen hören. Als Erinnerung an die gute, alte Zeit ist die Darbietung akzeptabel.

 

The Wonder Of You

Seit dem Sommer 1975 hatte der King diese Ballade in seinen Konzerten zumeist ignoriert, heute holt er sie jedoch noch einmal aus der Kiste.

Weit kommt er allerdings nicht, denn nach nur zwanzig Sekunden muss er beim Text schon improvisieren (er singt ...I need your help and understanding  anstatt ...you give me hope an consolation), dann bricht der den Vortrag ab.

 

One Night

Stattdessen bietet Elvis seinen Fans One Night  an.

Zwar singt er auch diesen R&B-Song nur etwa anderthalb Minuten, nichtsdestotrotz bringt er ihn überzeugend rüber.

 

O Sole Mio / It's Now Or Never

Leicht stockend kündigt der King nun seinen größten Verkaufserfolg an. Weil It's Now Or Never  auf dem italienischen Volkslied O Sole Mio  basiert, singt Sherrill Nielsen zunächst den Originaltext, bevor Elvis mit der englischen Adaption übernimmt.

Während Mr. Nielsen den fremdsprachigen Text in höchsten Tönen phonetisch nachwimmert, knödelt sich sein Boss durch ein etwas schmalzig klingendes Arrangement mit satter Trompetenuntermalung.

Insbesondere mit den laut geschmetterten Passagen kann Elvis hier überzeugen und das Publikum begeistern.

 

Can't Help Falling In Love

Etwas unsicher wirkend verabschiedet sich Elvis und verspricht, sofern es gewünscht werde, jederzeit wiederzukommen.

Dann singt er seine typische Schlussnummer Can't Help Falling In Love  und verlässt zu den Klängen des Closing Riff  die Bühne.

 

Fazit & Bewertung

Man kann Elvis sicherlich nicht vorwerfen, sich nicht bemüht zu haben. Doch auch mit der vergleichsweise ungewöhnlichen Liedauswahl konnte er nicht über seinen bedauernswerten Allgemeinzustand hinwegtäuschen. Ein Krankenhausbett wäre für ihn sicherlich ein geeigneterer Aufenthaltsort gewesen als die Konzertbühne.