The Bicentennial Show

Kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 2017 beschert uns Follow That Dream Records eine Doppel-CD namens The Bicentennial Show.

Präsentiert wird allerdings kein großes Galakonzert anlässlich des 200jährigen Bestehens der USA, sondern schlicht und einfach zwei Mitschnitte von Tournee-Konzerten des Jahres 1976.

Auf der ersten Disc ist der Auftritt vom 4. Juli 1976 in Tulsa, Oklahoma zu hören. Die zweite Scheibe enthält die Show vom 16. Oktober 1976 in Duluth, Minnesota und fünf Bonus Tracks, die am 19. Oktober in Madison, Wisconsin mitgeschnitten wurden.

Die Tonträger sind in einem doppelt aufklappbaren Digipak untergebracht, ein Booklet gibt es nicht.

Aufgenommen wurden die Konzerte über das Mischpult des Tontechnikers. Dabei benutzte man keine professionellen Magnetbänder, sondern handelsübliche Musikkassetten. Die so entstandenen Mono-Mitschnitte wurden im Jahr 2017 von Jan Eliasson aufbereitet.

Produziert wurde die Doppel-Disc von Ernst Jorgensen und Roger Semon.

Das auf der ersten CD zu hörende Konzert fand am 4. Juli 1976 um 14:30 Uhr im Mabee Center der Oral Roberts University in Tulsa, Oklahoma statt.

Mit 11.940 Zuschauern war die Arena vollständig ausverkauft, die Einnahmen beliefen sich auf 129.000 US-Dollar.

Elvis trug an diesem Abend den Blue Egyptian Bird Suit, der von einigen Fans auch Bicentennial Suit  genannt wird.

Hintergrund ist, dass Elvis den Anzug vor allem im Jahr 1976 trug und auf dem Gürtel das Siegel des US-Präsidenten zu sehen ist. Was dieses Emblem mit dem Bild auf dem Anzug zu tun hat, ist mir allerdings nicht klar.

 

Also Sprach Zarathustra

Nach dem einstündigen Vorprogramm gab es eine kurze Pause, in der die Besucher noch einmal ihre Vorräte von Cola und Popcorn auffrischen und die Souvenir-Stände plündern konnten.

Dann wurde die Arena abgedunkelt und das Orchester spielt die Einleitung, Oder Sonnenaufgang  aus dem klassischen Also Sprach Zarathustra  von Richard Strauß.

Nahtlos geht die Band in ein Opening Riff über, zu dem Elvis die Bühne betritt und sich von Charlie Hodge seine Gitarre abholt.

 

See See Rider

Inzwischen sind die Musiker zu den ersten Takten von See See Rider, dem typischen Show Opener des Kings, übergegangen.

Elvis bringt die Nummer dynamisch rüber, anschließend begrüßt er die Zuschauer und wünscht einen schönen Unabhängigkeitstag.

 

I Got A Woman / Amen

Bevor er das nächste Lied vorträgt, albert er kurz mit den Fans herum und erwähnt dabei auch den Prediger Oral Roberts, den Schirmherr der Universität und des Mabee Centers.

Das übliche Spielchen mit dem Wort well  fällt heute angenehm kurz aus und auch den Ray Charles-Song bringt Elvis schwungvoll rüber.

Im Anschluss an I Got A Woman  singt der King den Gospel Amen  und präsentiert eine Auswahl seiner Bewegungen aus den 1950er Jahren.

Natürlich erhält auch der Bass-Sänger JD Sumner wieder Gelegenheit, seine Stimme zu demonstrieren und die letzte Note von Amen  unglaublich weit herunterzuziehen.

Weil Elvis angeblich mit seinen Leistungen unzufrieden ist, darf Mr. Sumner ein zweites Mal ran, bevor der Meister kurz zu I Got A Woman  zurückkehrt, das Lied beendet und sich seiner Gitarre entledigt.

 

Love Me

Elvis begrüßt jetzt noch einmal ausführlicher das Publikum, kündigt eine Auswahl von alten und neuen Liedern an und hofft, dass sein Anzug hält.

Dann singt er Love Me, das natürlich in erster Linie wieder der Kontaktaufnahme mit den Fans und dem Verteilen der allseits begehrten Halstücher dient.

Als Gag lässt Elvis seine Hintergrundsänger die letzte Note besonders lange anhalten.

 

If You Love Me (Let Me Know)

Der King kündigt nun eine Nummer von Olivia Newton-John an.

Zwar legt Elvis nicht mehr ganz so viel Schwung an den Tag wie noch im Sommer des Vorjahres, aber dennoch trägt er auch dieses Lied solide vor.

Zwischendurch erlaubt er sich einen kleinen Scherz und kommentiert die Zeile You know, you have whatever's mine to give you  mit einem ironischen almost.

 

You Gave Me A Mountain

Auch beim nächsten Lied fällt auf, dass Elvis nicht mehr dieselbe Kraft an den Tag legt wie früher.

Abermals wird der Song ansprechend vorgetragen und noch immer hebt Elvis einige Stellen dramatisch und stimmlich beeindruckend hervor.

Es scheint ihm mittlerweile aber schwerer zu fallen als noch ein paar Jahre zuvor.

 

America, The Beautiful

Passend zum Unabhängigkeitstag trägt Elvis jetzt mit America, The Beautiful  die inoffizielle Nationalhymne der USA vor.

Er hatte den Klassiker während seines letzten Vegas-Gastspiels ins Programm genommen und sollte sie bis zum Ende des Jahres regelmäßig singen.

Auch heute tut er dies wieder mit Hingabe und stimmlich durchaus beeindruckend.

 

All Shook Up

Mit All Shook Up  folgt nun einer der größten Hits des Kings.

Wie üblich interessiert dieser Umstand den Meister selbst nicht, er singt die Nummer innerhalb einer Minute ab und widmet sich primär den Damen im Publikum.

 

Teddy Bear / Don't Be Cruel

Auch dieses Hitmedley bedeutet den Fans weitaus mehr, als dem Interpreten.

Da er aber auch hier wieder am Bühnenrand unterwegs ist und seine Halstücher in die Menge wirft,  löst die Nummer im Zuschauerraum trotz des mangelhaften Einsatzes hysterische Begeisterung aus.

 

And I Love You So

Mit dieser Ballade folgt ein Song der im Vorjahr veröffentlichten LP Elvis Today.

Hier ist der Meister wieder voll bei der Sache und liefert einen sehr hörenswerten Vortrag ab.

 

Jailhouse Rock

Obwohl der Jailhouse Rock  inzwischen mehr nach Las Vegas als nach Gosse klingt, macht der Oldie auch in dieser Form Spaß.

 

Fever

Während Fever  bringt Elvis die Damen im Saal mit seinen Bewegungen zum Kreischen.

Zwar hat der Vortrag kaum noch etwas mit der lasziv-erotischen Nummer von der LP Elvis Is Back!  zu tun, aber der King spielt geschickt mit seinem Image und der Reaktion der Damen und sorgt dadurch für jede Menge Unterhaltung.

 

An American Trilogy

Abgesehen von einigen Aufführungen während seines Mai-Gastspiels im Del Webb's Sahara Tahoe Hotel in Stateline, Nevada hatte Elvis den Song schon seit einem Jahr aus dem Programm genommen.

Zum heutigen Unabhängigkeitstag holt er ihn aber noch einmal aus der Kiste und verleiht der Show damit eine zusätzliche Portion Patriotismus.

Im Vergleich zu den früheren Vorträgen fällt allerdings auf, dass Elvis' Stimme müde klingt und er viele Töne einfach nicht mehr lange genug hält.

Auch seinen Musikern fehlt aufgrund der selten gewordenen Aufführungen streckenweise die nötige Präzision.

Fraglos kann Elvis die Zuschauer auch mit dieser Version beeindrucken, verglichen mit den Vorträgen der Jahre 1972/73 ist die heutige Performance jedoch einfach nur schlecht.

 

Band Introductions

Bevor es im Programm weitergeht, stellt der King den Zuschauern seine Band vor. Dabei wird jeder Musiker namentlich erwähnt und alle Bandmitglieder spielen ein Solo.

Elvis selbst singt kurze Versionen von Early Morning Rain  und Love Letters. Auch What'd I Say  wird stimmlich von ihm begleitet, wenn auch nur im Hintergrund und sehr oberflächlich.

Obwohl die Band Introductions  offenbar nicht vollständig mitgeschnitten wurden, dauert mir das Prozedere auch in dieser gekürzten Form entschieden zu lange.

 

Hurt

Mit der im März auf einer Single veröffentlichten Power-Ballade Hurt  holt Elvis die Zuschauer wieder ins musikalische Geschehen zurück.

Dabei legt sich der Meister voll ins Zeug und liefert die beste Performance des Abends.

 

Hurt

Offenbar ist auch Elvis selbst von dem Song völlig begeistert, denn er fragt You wanna hear it again?  und legt ohne die Antwort abzuwarten gleich nochmal los.

 

Help Me

Bevor er das nächste Lied anstimmt, erzählt der King, dass er seit seinem letzten Besuch in Tulsa im Krankenhaus gewesen sei. Allerdings habe es sich nur um eine Kleinigkeit gehandelt und er sei froh, nun wieder arbeiten zu können.

Das ist natürlich gnadenlos untertrieben, denn inzwischen hat Elvis nicht nur ein veritables Gewichtsproblem entwickelt, sondern kann auch mit Fug und Recht als schwerstabhängig eingestuft werden.

Der Meister selbst sieht das freilich vollkommen anders, nichtsdestotrotz scheint er aber zu glauben, sich in irgendeiner Weise erklären zu müssen.

Anschließend kaspert er noch kurz mit einer Dame am Bühnenrand herum, dann widmet Elvis das nächste Lied dem Prediger Oral Roberts, der ja auch der Schirmherr der Universität und des angeschlossenen Mabee Centers ist.

Der Song selbst, eine Country-Ballade mit religiösem Text, wird gefühlvoll vorgetragen.

 

Hound Dog

Von dem folgenden Rock'n'Roll-Klassiker kann ähnliches leider nicht behauptet werden.

Hier nuschelt sich Elvis lediglich die immer gleichen vier Zeilen zusammen und schüttelt sich abschließend zu den Blechbläser-Fanfahren des Joe Guercio Orchesters.

Weil die Fans in der Arena aber ausschließlich das Image beklatschen, sind sie auch von dieser Nummer hoffnungslos begeistert.

 

Funny, How Time Slips Away

Um auch einmal einen Blick auf das Publikum werfen zu können, lässt Elvis jetzt die volle Saal-Beleuchtung einschalten.

Abermals ist pure Hysterie die Folge, denn jetzt kann der King seine Fans ja -zumindest theoretisch- sehen.

Die Country-Ballade selbst wird ordentlich gesungen, wobei hier natürlich auch wieder der Show-Effekt im Vordergrund steht.

Am Schluss darf JD Sumner wieder mit seiner Bass-Stimme glänzen und die letzte Note besonders tief herunterziehen. Elvis lässt die Band das Ende sogar wiederholen, damit Mr. Sumner seinen Trick noch einmal vorführen kann.

 

How Great Thou Art

Jetzt kündigt Elvis den Gospel How Great Thou Art  an, bei dem er prominent von JD Sumner & The Stamps unterstützt wird.

Im Vergleich mit der grammy-gekrönten Fassung auf dem 1974er Album Elvis Recorded Live On Stage In Memphis  ist das Arrangement dramatischer geworden, allerdings hält Elvis die Töne auch nicht mehr so lange.

Beeindruckend ist seine Darbietung aber nach wie vor.

 

Little Darlin'

Jetzt erzählt Elvis, dass er das Outfit extra für den heutigen Tag habe anfertigen lassen und weist auch auf das Präsidenten-Wappen auf der Gürtelschnalle hin. Dann wartet er den Applaus ab und ergänzt schelmisch, dass alles gelogen gewesen sei und er den Anzug seit Jahren besitze.

Als kleine Überraschung singt der King anschließend Little Darlin'. Eigentlich hatte er die Nummer seit dem Sommer des Vorjahres zu den Akten gelegt und nur noch selten vorgetragen.

Wie üblich macht er sich ein wenig über den Text lustig und albert mit dem Song herum.

 

Can't Help Falling In Love

Der King möchte nun die Show aber endgültig beenden und verabschiedet sich kurz und knapp von seinen Fans.

Weil er während des Intros noch einen Schluck Wasser getrunken hat, kommt er anfangs nicht zum Singen und lässt die Musiker deswegen noch einmal von vorn beginnen.

Beim zweiten Anlauf singt er die Ballade in altgewohnter Manier durch. Nahtlos geht die Band in das Closing Riff über, zu dem sich Elvis noch einmal in alle Richtungen verbeugt, ein paar letzte Fan-Hände schüttelt und sein letztes Halstuch in die Menge wirft.

Dann verschwindet er im Dunkel des Backstage-Bereiches und die Show ist vorbei.

 

weiter zur zweiten CD