St. Paul To Wichita - October '74

Follow That Dream Records begann das Jahr 2019 mit der Veröffentlichung einer Doppel-CD namens St. Paul To Wichita - October '74.

Enthalten sind Soundboard-Mitschnitte der Auftritte am zweiten und siebten Oktober 1974, bei denen der King in St. Paul / Minnesota und Wichita / Kansas gastierte. Zusätzlich bekommen wir drei Bonus Songs zu hören, die am vierten Oktober in Detroit / Michigan aufgenommen wurden.

Die Show in St. Paul wurde übrigens nicht vollständig mitgeschnitten, die Aufnahme endet mit You Gave Me A Mountain. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Elvis danach lediglich noch den üblichen Rausschmeißer Can't Help Falling In Love  gesungen hat. Dem Fan entgehen also keine nennenswerten Ereignisse.

Dasselbe gilt für das Fehlen des Intros Also Sprach Zarathustra, das bei keinem der beiden Konzerte mitgeschnitten wurde.

Das Mastering der Mitschnitte übernahm Jan Eliasson.

Verpackt wurden die Tonträger in einem doppelt aufklappbaren Digipak, das mit Fotos von der Oktober-Tour passend und optisch ansprechend gestaltet wurde.

Doch nun zum Wichtigsten, dem Inhalt der CDs.

Aufgrund der großen Nachfrage trat Elvis sowohl am zweiten, als auch am dritten Oktober im Civic Center in St. Paul auf. Beide Shows waren mit jeweils 17.163 Zuschauern ausverkauft und erwirtschafteten Gesamteinnahmen von 350.000 US-Dollar.

Das erste Konzert bestritt Elvis in dem auf dem Cover gezeigten Peacock Suit, die zweite Show im Mad Tiger Suit.

 

See See Rider

Nachdem das Orchester die Einleitung, Oder Sonnenaufgang  aus dem klassischen Also Sprach Zarathustra  gespielt hat, legt die Band mit einem flotten Opening Riff los, zu dem der King die Bühne betritt.

Erst jetzt schaltet der Tontechniker das Band an und beginnt mit der Aufzeichnung der Show.

Der King holt sich von Charlie Hodge seine schwarze Gitarre ab, dann beginnt er das Programm mit See See Rider. Musikalisch gibt es keinen Break, die Musiker gehen nahtlos zum Intro des Songs über. Optisch hat Elvis ein wenig nachgelassen, die Presse wird ihn am folgenden Tag als "plump" beschreiben.

Das Lied hat ordentlich Schwung, allerdings singt Elvis auch recht abgehackt und ungenau. Die Nummer klingt längst nicht so tight wie auf dem ein halbes Jahr zuvor aufgezeichneten Album Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

 

I Got A Woman / Amen

Der King spielt ein wenig mit dem Wort well  herum, wobei auch JD Sumner seine Bass-Stimme präsentiert.

I Got A Woman  wird in ähnlichem Stil wie das vorangegangene See See Rider  vorgetragen, wie üblich hängt der Meister ein paar Takte des Gospels Amen  an. Das Ende wird wiederholt, damit Mr. Sumner noch einmal seine tiefe Stimme demonstrieren kann.

Nach einer kurzen Rückkehr zu I Got A Woman  gibt Elvis seine Gitarre wieder an Charlie Hodge zurück und stellt sich dem Publikum spaßeshalber als Wayne Newton vor.

 

Love Me

Elvis spielt mit dem Klassier herum, singt teilweise den Harmonie-Part oder albert mit den Instrumentalpassagen herum. Insgesamt trägt er auch diesen Titel flott vor.

 

Blue Suede Shoes

Zunächst legt der Meister einen Fehlstart hin, weil er noch einen Schluck Wasser trinkt während die Musiker schon loslegen.

Der Rock'n'Roll-Klassiker selbst wird zwar schnell gespielt, aber Elvis' Stimme fehlt jeder Druck. Er rattert den Song herunter, das war es dann aber auch.

 

Until It's Time For You To Go

Am Vorabend hatte der King an dieser Stelle der Show seine neue Single It's Midnight  vorgestellt. Die lässt er heute weg und präsentiert stattdessen seinen 1972er Top40-Hit Until It's Time For You To Go.

Dabei albert er ein wenig herum, singt zum Beispiel I was clean, now I'm dirty, it's a sin  (statt I was an oak, now I'm a willow, now I can bend). Ob er damit auf sein aktuell turbulentes Privatleben anspielt, ist mir allerdings nicht bekannt.

Insgesamt stellt Until It's Time For You To Go  die bis dato beste Performance des Abends dar.

 

Big Boss Man

Mit dem rockigen Big Boss Man  kann der King das Niveau halten, vermutlich passt der Song aber einfach nur zu seinem aufgedrehten Zustand.

Wie dem auch sei, der Vortrag ist gut und bringt die Halle zum Kochen.

 

Fever

Während des Intros geht der King auf einen Zwischenruf ein und fragt Steamroller? OK, a little later! Das Versprechen sollte sich jedoch als leeres erweisen, denn die Nummer sollte im weitern Verlauf der Show ignoriert werden.

Der King nutzt das Lied zum Herumalbern. So macht er die I-Love-You-Rufe der Damen nach und provoziert mit gezielten Bewegungen hefige Kreischanfälle.

Man kann ihm natürlich vorwerfen, den Song in eine Zirkusnummer zu verwandeln, aber so funktioniert nun einmal Live-Entertainment. Und die Begeisterung des Publikums spricht für sich.

 

If You Love Me (Let Me Know)

Jetzt folgt ein Lied, dass die Zuschauer noch nicht von Elvis kennen.

Der Country-Schlager scheint ihm Spaß zu machen, er ist voll in seinem Element und liefert einen hörenswerten Vortrag ab. Das Lied an sich ist unspektakulär, gehört gesanglich jedoch zu Elvis' besten Leistungen an diesem Abend.

 

Love Me Tender

My first movie was "Love Me Tender", so I'd like to sing a little bit of that for you  kündigt Elvis das nächste Lied an.

Dabei nimmt er wieder Kontakt zur Damenwelt auf, bittet eine Lady am Bühnenrand sogar, zu ihm zu kommen. Er fragt ironisch Want the belt? The suit? Schlussendlich bekommt sie natürlich nur das übliche Halstuch.

Musikalisch wird hier nicht viel geboten, der Klassiker wird kurz und schmerzlos durchgespielt.

 

Hound Dog

Elvis spielt ein wenig mit dem Intro herum, wiederholt dabei die Well-Nummer vom Anfang der Show. Als eine Frau hysterisch kreischt, antwortet er Wait a minute, don't have that baby yet.

Gesanglich beschränkt sich der Meister auf die müde Wiederholung der ewig gleichen vier Zeilen. Am Ende schüttelt er sich zu den Blechbläser-Klängen des Joe Guercio Orchesters.

Insgesamt ist der Vortrag nicht nur schwach, sondern schon fast peinlich. Den Fans im Saal war das egal, die Vertreter der Presse nahmen Darbietungen dieser Art allerdings sehr wohl wahr.

 

Introductions

Neuerdings stellt der King die Mitglieder seiner Hintergrundchöre einzeln vor und auch die Mitgleider seiner Band werden mit Solo-Stücken herausgestellt. Die Ausnahme bildet lediglich der Rhythmus-Gitarrist John Wilkinson.

Ähnlich wie im Jahr 1971, als er zur Vorstellung von James Burton Johnny B. Goode sang, trägt er jetzt bei der Vorstellung von Glen D. Hardin Lawdy, Miss Clawdy  vor.Von der Klasse seiner Darbietungen im Film Elvis On Tour oder der aktuellen Live-LP ist er jedoch ein ganzes Stück entfernt.

Wenn man Elvis hier für eine längere Zeit sprechen hört, so fällt der leicht nasal/weinerliche Grundton seiner Stimme auf.

Zudem verfestigt sich der Eindruck, dass der Meister unter dem Einfluss irgendwelcher Substanzen steht. Nicht, dass er komplett neben sich stünde, aber er spricht vergleichsweise schnell und undeutlich.

 

All Shook Up

Der Mega-Hit aus dem Jahr 1957 wird kurz und schnell durchgespielt. Irgendwelches Engagement seitens des Sängers ist nicht auszumachen.

 

Teddy Bear / Don't Be Cruel

Bei dem Medley wirkt Elvis wieder etwas engagierter, wirklich verausgaben mag er sich allerdings auch hier nicht.

 

The Wonder Of You

Let's do "The Wonder Of You"  schlägt Elvis vor. Zunächst verpasst er seinen Einsatz, so dass das Intro länger dauert als gewohnt.

Zu Beginn erlaubt er sich einen kleinen Scherz und singt You give me hope and constipation  statt ...hope and consolation. Später mag ihm dann der Text nicht einfallen und er gerät ins Stocken.

Gesanglich ist er jedoch wieder aufgewacht und bietet im Vergleich zu den Oldies eine deutliche Steigerung.

 

Why Me, Lord

Mit dem Gospel Why Me, Lord  folgt nun eines der neuen Lieder des aktuellen Live-Albums. JD Sumner übernimmt hierbei den Lead-Gesang, während Elvis nur während des Refrains als Teil des Stamps Quaret zu hören ist.

Im Gegensatz zu der Version auf der Schallplatte bringt der King seinen Bass-Sänger hier allerdings mit Gags und Albernheiten zum Lachen.

 

Heartbreak Hotel

Jetzt geht es wieder zurück zu den Golden Oldies. Überraschenderweise trägt Elvis diesen hier jedoch engagiert vor und hat hörbar seinen Spaß daran.

 

Let Me Be There

Auch dieses Lied gehört zu den neuen Titeln auf dem Album Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

Das Tempo wurde inzwischen ein wenig erhöht, was dem Song gut bekommt. Wie zuvor schon bei If You Love Me (Let Me Know), so ist der King auch hier wieder mit vollem Herzen bei der Sache.

Am Ende geht er sogar in die Wiederholung und präsentiert dem Publikum eine kleine Zugabe.

 

Hawaiian Wedding Song

How many people of you like the song "Killing Me Softly"? fragt Elvis. Dann ergänzt er I like it, too, but I won't do that damn thing.

Ich denke, er wollte die Gruppe Voice bitten, das Lied zu singen, überlegte es sich dann aber mitten im Satz anders.

Dann wandelt er die Frage ab und möchte wissen, wie viele Leute den Film Blue Hawaii  gesehen haben. Das trifft offenbar auf den Großteil des Publikums zu, die Reaktionen sind entsprechend begeistert.

Elvis antwortet darauf mit einer hörenswerten Performance des Hawaiian Wedding Song, das Ende singt er als Duet mit der Sophranistin Kathy Westmoreland.

Nachträglich bemerkt er schelmisch, Kathy denke, der hawaiianische Text bedeute etwas Nettes.

Dann macht er einen Witz, der auf dem Spiel mit den Worten lai (hawaiianischer Blumenkranz) und lie  (in diesem Falle als Synonym für Geschlechtsverkehr) basiert und ihm heutzutage wohl eine Klage wegen sexueller Belästigung eingebracht hätte. Damals jedoch fand der männliche Teil der Bevölkerung so etwas lustig, der weibliche ließ den pubertären Humor über sich ergehen.

 

An American Trilogy

Offenbar möchte Elvis nun irgendeinen Zuschauerwunsch erfüllen (den Steamroller Blues?), entscheidet sich dann spontan aber für An American Trilogy. Scherzhaft bietet er auch Old Shep  an.

Schon auf der LP Elvis Recorded Live On Stage In Memphis  fiel auf, dass die Nummer nun schneller als in den Vorjahren gespielt wird und dadurch ein wenig von ihrem Flair eingebüßt hat.

Die heutige Fassung zeigt zusätzlich jedoch auch noch einen erschreckenden Mangel an gesanglicher Präzision. Von der Performace auf dem aktuellen Konzert-Album ist der King weit entfernt, von den Darbietungen aus dem TV-Special Aloha From Hawaii Via Satellite  oder dem Film Elvis On Tour  gar nicht zu sprechen.

Weil Elvis aber das Finale nach wie vor herzhaft in die Arena schmettert, sind die Fans auch heute hin und weg.

 

Johnny B. Goode

Abermals bietet sich ein Vergleich mit der Aloha From Hawaii Via Satellite-Show an.

Zwar hat der Rock'n'Roll-Titel jetzt wieder mehr Drive, wird dafür allerdings eher im Stakkato herausgebrüllt als wirklich gesungen.

 

You Gave Me A Mountain

Dass Elvis es besser kann, beweist er mit You Gave Me A Mountain.

Zwar ist er auch hier von der noch nicht vor allzu langer Zeit gezeigten Präzision weit entfernt, aber immerhin reißt er sich am Riemen und liefert einen dennoch hörenswerten Vortrag ab.

Damit endet dann auch die erste CD dieses Sets.

 

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Soweit bekannt liegen die Bildrechte am CD-Cover bei Follow That Dream Records.