Run On

 

Für die Konzertsammler unter den Elvis-Fans hatte das Jahr 1998 eine echte Premiere zu bieten, denn Front Row Productions veröffentlichte unter dem Titel Run On den bis dato einzigen bekannten Soundboard-Mitschnitt einer Show des Pre-Holiday Jubilee 1976.

Die Fotos auf der Verpackung entstanden während der zu hörenden Show. Wie die Bilder von diesem 7. Dezember 1976 eindeutig zeigen, befand sich Elvis in keinem guten Zustand. Sein Teint ist blass, die Augenlieder sind geschwollen. Insgesamt wirkt der King müde und krank.

Tontechnisch gehört die Aufnahme nicht zu den besten ihrer Art, ganz offensichtlich mussten die Produzenten dieses Albums mit einer späten Analog-Kopie des Original-Tapes auskommen. Den in Fankreisen in Massen kursierenden Audience Recordings ist der Mitschnitt natürlich dennoch überlegen.

 

See See Rider

Das zur Einleitung vom Orchester gespielte Also Sprach Zarathustra wurde offenbar nicht mitgeschnitten, die Aufnahme beginnt direkt mit dem Opening Riff, zu dem Elvis die Bühne betritt. Als Outfit hat er sich heute den Indien Chief Suit ausgesucht, den die Fans vom Cover-Foto seiner aktuellen LP From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee kennen.

Nachdem er sich von Charlie Hodge die Gitarre abgeholt hat, beginnt Elvis mit seinem typischen Opener See See Rider. Er trägt die alte R&B-Nummer im Stil dieser Tage vor und steigt somit ordentlich in die Show ein.

Im Anschluss entschuldigt er sich für den verspäteten Beginn und erzählt, dass er sich vor ein paar Tagen einen Nerv eingeklemmt habe und der Schmerz irgendwie vom Fuß in das Bein gewandert sei.

 

I Got A Woman / Amen

Jetzt spielt Elvis wie üblich mit dem Wort "well" herum und merkt an, dass er gefühlte 17 Frösche im Hals habe. Als Gag fügt er noch hinzu, dass es daher sein könne, dass er sich zwischendurch umdrehen und auf den Boden spucken muss.

Dann steigt er in den Ray Charles-Hit I Got A Woman ein. Auch den singt er in altbekannter Manier. Beim anschließenden "Amen" fordert der King das Publikum zum Mitsingen auf. Als er im während des Breakes wie üblich seine alten Bewegungen vorführt, kommentiert er "All the action...with just one leg". Nachdem JD Sumner beim letzten Ton von Amen seine Bass-Stimme demonstriert hat, kehrt Elvis zu I Got A Woman zurück und beendet damit den Eröffnungsblock seiner Show.

Nachdem er sich seiner Gitarre entledigt hat, begrüßt der Meister die Fans mit "Good morning" und reicht sein Plektrum an eine glückliche Dame in der ersten Reihe weiter.

 

Love Me

Während er Love Me singt, nimmt Elvis abermals Kontakt mit den Zuschauern auf und verteilt ein paar Halstücher an die Ladies am Bühnenrand. Als Gag lässt er seine Harmonie-Sänger das letzte "Oh yeah" besonders lange anhalten.

 

If You Love Me (Let Me Know)

Das nächste Lied kündigt Elvis als "If you love me, let me know, if you don't, hit it" an. Seine Darbietung des Country-Schlagers klingt zwar ordentlich, lässt allerdings den Drive vergangener Versionen vermissen.

 

You Gave Me A Mountain

Nun bedankt sich der King und leitet auch gleich zum nächsten Song über. "You're a really good audience....mountain!" sagt er. Die Musiker wissen, was zu tun ist und beginnen sogleich mit der dramatischen Ballade von Marty Robbins.

Über den Vortrag kann man dasselbe sagen, wie über den des vorangegangenen Songs. Während der Performance gibt es einen lauten Knall, der Sänger und Publikum hörbar amüsiert.

 

O Sole Mio / It's Now Or Never

Aus dem Hintergrund wird Elvis nun der Jailhouse Rock vorgeschlagen, aber der Meister möchte lieber It's Now Or Never vortragen. Bevor er das allerdings tut, singt Sherrill Nielsen das italienische Volkslied O Sole Mio, auf dem der Song basiert.

Wie zu erwarten, sprüht der King auch hier nicht vor Energie, liefert nichtsdestotrotz aber einen durchaus hörenswerten Vortrag ab. Stimmlich ist er ordentlich disponiert und offenbar auch gut gelaunt.

 

Blue Christmas

Um sein Fußgelenk zu entlasten, setzt sich Elvis nun auf einen Stuhl und begleitet sich zu einigen Songs mit der Gitarre. Charlie Hodge steht dabei neben ihm und hält ein Mikrophon an das Instrument, das eigentlich nur als Requisite dient und daher gar nicht am Tonsystem angeschlossen ist.

Das Weihnachtslied wird ansprechend vorgetragen.

 

That's All Right

Jetzt möchte Elvis ein Lied aus seinen Anfangstagen singen, die nach seiner Aussage nun schon mindestens vier Jahre zurückliegen. Er merkt noch an, dass der Text kompletter Blödsinn sei und dankt anschließend den Zuschauern für ihr Kommen. Bezugnehmend auf seine Fußverletzung sagt er, dass er sich notfalls auch im Rollstuhl auf die Bühne schieben lassen würde.

Im Gegensatz zu den Fassungen aus dem Film That's The Way It Is (1970) und dem Album Elvis As Recorded At Madison Square Garden (1972) klingt die heutige Fassung wieder mehr nach Country und ist demnach näher am Original.

 

Are You Lonesome Tonight

Nun erklärt Elvis, dass er 1960 einen Song namens Are You Lonesome Tonight veröffentlicht habe. Das hieße natürlich nicht, dass man die Nummer jetzt bringen würde, aber damals sei es so gewesen.

Was folgt, ist die seit zwei Tagen im Programm befindliche "Comedy-Version" des Liedes. Da Charlie Hodge neben Elvis steht, bezieht er das Liebeslied auf sich und agiert betont "schwul". Zudem wiederholt der King seinen alten Gag und singt "Do the chairs in your parlor seem empty and bare, do you gaze at your bald head and wish you had hair" (statt "...do you gaze at your door step and picture me there").

Aus heutiger Sicht wirkt das Ganze schlicht und einfach plump, sexistisch und vollkommen unlustig. Damals sah man die Dinge aber noch anders und schlug sich vor Lachen auf die Schenkel.

 

Softly As I Leave You

Mit der nächsten Nummer schlägt die Stimmung dann wieder vollständig um, denn jetzt wird Elvis ernst und trägt die todtraurige Ballade Softly As I Leave You vor. Der rezitiert den Text während Sherrill Nielsen das Lied singt. Das Ergebnis ist absolut ergreifend und rühert den Saal zu Tränen.

Nun erhebt sich der King wieder von seinem Stuhl, gibt die Gitarre an Charlie Hodge zurück und nimmt Kontakt mit einer Dame am Bühnenrand auf. Die überreicht ihm ein offenbar ein Spielzeug, das Geräusche produziert. Weil die Lady mit Akzent spricht, fragt Elvis, ob sie aus Frankreich käme. Damit liegt er knapp daneben, denn die Frau stammt aus unseren Gefilden und vermutet "Du sprichtst deutsch, nicht?". Offenbar überschätzt sie damit ihr Idol, denn das wiederholt nur kurz die Frage und drückt der Zuschauerin unter großem Hallo einen Kuss auf.

 

Fever

Weiter geht es im Programm mit Fever, das trotz aller Probleme auch heute mit gezielten Beinbewegungen dargeboten wird und beim weiblichen Teil des Publikums für entsprechende Reaktionen sorgt.

 

All Shook Up

Wie dieser Tage üblich nuschelt sich Elvis vergleichsweise lustlos durch seinen 1957er Mega-Hit All Shook Up.

 

Teddy Bear / Don't Be Cruel

Dasselbe kann von dem Medley aus Teddy Bear und Don't Be Cruel gesagt werden. Hier ist der Meister allerdings zum Ausgleich wieder am Bühnenrand unterwegs, nimmt Geschenke entgegen und verteilt hier und dort auch mal eines seiner beliebten Halstücher. Am Ende mahnt er zur Vorsicht und sagt "Be careful, be careful!" und macht sich anschließend mit der Frage "Did you come for that? A towel?" ein wenig über die Reaktionen lustig.

 

Introductions

Nun möchte Elvis seine Musiker vorstellen, die, wie er ironisch anmerkt, heute recht mäßige Leistungen bringen. Mit der Bemerkung "Sickness sucks" geht er dann auch nochmal auf seinen eigenen Zustand ein, bevor er tatsächlich dem Publikum seine Mitstreiter bekanntmacht.

Wie üblich stellt er jedes Mitgleid der zahlreich vorhandenen Hintergrundchöre einzeln vor und auch die Musiker dürfen jeweils ein Solo zum Besten geben. Zur Rhythmusgitarre von John Wilkinson singt Elvis die Ballade Early Morning Rain, während des Klaviersolos von David Briggs trägt der King Love Letters vor.

Für eine knapp siebzigminütige Show dauert das Prozedere viel zu lange.

 

Hurt

Mit dem Satz "Our latest record...as far as I know" kündigt Elvis die Power-Ballade Hurt an. Hätte er sich informiert, dann wüsste er, dass Moody Blue / She Thinks I Still Care längst in den Geschäften erhältlich ist und wäre er motivert, hätte er die Nummern im Vorfeld der Konzertreihe geprobt und live dargeboten.

Weil das aber alles nicht der Fall ist, bekommen die Zuschauer Hurt zu hören. Die Performance hat nicht so viel Kraft wie die Fassung auf der Single, aber auch heute bringt Elvis das Lied ordentlich rüber.

 

Hound Dog

Jetzt fragt der King, ob die Leute Hound Dog hören wollen. Natürlich wollen sie und so nuschelt sich Elvis durch den Rock'n'Roll-Klassiker, indem er immer nur dieselben vier Zeilen wiederholt und sich zum Finale ein wenig zu den Blechbläserklängen des Orchesters schüttelt.

Neben All Shook Up und dem Medley aus Teddy Bear und Don't Be Cruel liefert Elvis hier fraglos seine schlechtete Performance an diesem Abend.

 

The Hawaiian Wedding Song

Dass er es besser kann, beweist er mit dem Hawaiian Wedding Song. Die Ballade aus seinem 1961er Spielfilm Blue Hawaii wird gefühlvoll und äußerst gekonnt dargeboten und überzeugt auf der ganzen Linie.

 

You'd Better Run / Rock My Soul

Fälschlicherweise behauptet Elvis nun, den nächsten Programmpunkt nie zuvor auf einer Bühne präsentiert zu haben. Tatsächlich hat er es am 19. Juli 1975 in Uniondale/New York schon einmal getan und würde es am 29.03.1977 in Alexandria/Louisiana wieder tun. Dennoch handelt es sich natürlich um eine Rarität.

Charlie Hodge setzt sich dabei ans Klavier und übernimmt auch den Lead-Vocal. Elvis singt den Bass-Part und die Stamps liefern die Harmonien. Dann folgen kurze Versionen von You'd Better Run und Rock My Soul. Letzterer Titel wird zweimal gestartet, weil Mr. Hodge dem King zu schnell spielt.

Nach dieser kleinen Gospel-Einlage bedankt sich Elvis, dass die Zuschauer so geduldig auf den Beginn der Show gewartet haben und entschuldigt sich für die Auswirkungen seiner Fußverletzung.

 

Can't Help Falling In Love

Dann beginnen die Musiker mit Can't Help Falling in Love, der typischen Schlussnummer. Elvis selbst singt nur rudimentär mit, größtenteils wird die Nummer vom Chor getragen.

Nahtlos geht die Band zum Closing Riff über, während dem der Meister noch einige Male über die Bühne paradiert und sein letztes Halstuch unter das Volk bringt. Parallel senkt sich der Bühnenvorhang, hinter dem Elvis schließlich verschwindet.

Ein Saalsprecher verkündet noch, dass die Erlöse aus dem Merchandising-Verkauf in der Lobby wohltätigen Zwecken zugute kommen, dann wird die Saalbeleuchtung wieder eingeschaltet und die Show ist zuende.

 

Fazit & Bewertung

Der King sprüht nicht gerade vor Energie, ist aber bei guter Stimme und liefert eine passable Vorstellung mit einer Gospel-Session als Höhepunkt.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Cover bei Front Row Productions.