Faded Love

 

Elvis war gesundheitlich angeschlagen. Am 31. Januar und 1. Februar war er gar nicht aufgetreten, zwischen dem 13. und 15. Februar fielen die Mitternachtsvorstellungen aus. Doch selbst die Dinner Show stand er am 15.02.1973 nicht durch, sondern musste die Bühne für etwa zwanzig Minuten verlassen.

Anno 2010 veröffentlicht das Sammler-Label Straight Arrow unter dem Titel Faded Love eine klanglich außergewöhnlich gute Audience Recording dieses Auftritts. Hinter der für Mitschnitte dieser Art so guten Tonqualität steckt ein aus damaliger Sicht High End-Kassettenrekorder, der über zwei Mikrophone verfügte und somit in der Lage war, echte Stereo-Aufnahmen zu produzieren.

Untergebracht ist der Tonträger in einem doppelt aufklappbaren Digi-pak, das mit zumeist passenden Fotos und kurzen Liner Notes ansehnlich gestaltet wurde. Elvis trägt auf den Bildern den Orange Sunburst Suit, den er auch während des zu hörenden Auftritts trug. Wenn ich von zumeist passenden Fotos spreche, dann spiele ich auf das Bild auf der Rückseite an. Das gehört nämlich nicht zu der Serie, die Ed Bonja im Rahmen der Dinner Show des 27.01.1973 schoss, sondern entstand während der März-Tournee des Jahres 1974.

 

Also Sprach Zarathustra

Das Orchester spielt ein rhythmisches Instrumentalstück, dann beginnen die Musiker mit der lange erwarteten Einleitung, Oder Sonnenaufgang aus dem klassischen Also Sprach Zarathustra. Die Presley-Band übernimmt mit dem Opening Riff und die Hauptattraktion des Abends betritt die Bühne.

 

See See Rider

Von Charlie Hodge nimmt Elvis seine schwarze Gitarre entgegen, dann geht er zum Mirkrophon in der Bühnenmitte und eröffnet die Show mit See See Rider. Der Song wird in der üblichen Art dieser Tage präsentiert.

 

I Got A Woman / Amen

Der King summt ein paar bluesige Töne, dann singt er den Ray Charles-Hit I Got A Woman. Während er früher Vollgas gab und einige Zeilen laut herausschrie, bleibt er heute cool und trägt die Nummer sehr zurückhaltend vor. Dadurch verleiht er dem Song eine völlig andere Note, die mir allerdings auch gut gefällt.

Wie üblich verknüpft Elvis das Lied mit dem Gospel Amen, während dem JD Sumner seine Bass-Stimme demonstriert. Mit einer kurzen Rückkehr zu I Got A Woman beendet der King das Opening seines Programms und gibt die Gitarre wieder an Mr. Hodge zurück.

 

Love Me Tender

Mit knappen Worten kündigt Elvis das Titellied seines ersten Spielfilms an. Während er die Schnulze singt nimmt er Kontakt zu den Damen am Bühnenrand auf und verteilt ein paar Küsschen.

 

You Don't Have To Say You Love Me

Mit einem dynamischen "When I said I needed you" will der King das nächste Lied eröffnen, aber die Stimme bricht ihm weg und er muss noch einmal von vorn beginnen. Diesmal geht er es deutlich zurückhaltender an und verzichtet mit Ausnahme einiger Zeilen auf lauten Gesang.

 

Steamroller Blues

Dasselbe kann auch von der kommenden Single Steamroller Blues gesagt werden. Er singt längst nicht so kraftvoll wie üblich, zudem wirft Elvis an einer Stelle den Text durcheinander.

Anschließend erklärt der King, dass er vor der Show beim Arzt war und seine Stimme nicht in Ordnung sei.

 

You Gave Me A Mountain

Merkwürdigerweise hält ihn seine angegriffene Konstitution nicht davon ab, die gesanglich anspruchsvolle Power-Ballade You Gave Me A Mountain anzustimmen. Elvis legt sich mächtig ins Zeug und singt deutlich lauter und kraftvoller als während der vorangegangenen Songs. Dabei gelingt ihm jedoch nicht jeder Ton und man hört deutlich, dass er schlicht und einfach nicht in der Lage ist, ordentlich abzuliefern.

 

Fever

Während des Oldies Fever versetzt Elvis die Ladies im Saal mit gezielt eingesetzten Bewegungen in Extase, aber seine Stimme bereitet ihm selbst bei diesem vergleichsweise einfach zu singenden Song hörbare Probleme.

Um zu verhindern, dass sein Gesangsorgan endgültig den Dienst quittiert, bittet der King das Stamps Quartet um eine Solo-Nummer und verlässt die Bühne.

 

Walk That Lonesome Road

Die Gospel-Truppe übernimmt das Programm und trägt Walk That Lonesome Road vor. JD Sumner singt den Lead Vocal und beeindruckt die Zuschauer mit seiner Bass-Stimme.

Weil Elvis noch nicht wieder da ist, übernimmt Charlie Hodge die Moderation und erklärt, Mr. Sumner sei "the lowest bass singer in the world...in more meanings than one."

 

Sweet Sweet Spirit

Der Spontan-MC erwähnt nun den zum Ende des Vorjahres mit großem Erfolg aufgeführten Dokumentarfilm Elvis On Tour und das darin von den Stamps vorgetragene Sweet Sweet Spirit.

Im Anschluss singt das Quartett dann natürlich den Song und liefert eine ebenso hörenswerte Performance ab wie seinerzeit in Hampton Roads (wo die im Film gezeigte Szene aufgenommen wurde).

 

When It's My Time

Nachdem mit Walk That Lonesome Road JD Sumner, der Bass-Sänger und Chef der Truppe, herausgestellt wurde, hat jetzt der Tenor Bill Baize seinen großen Auftritt. Er liefert exakt das, was sein Chef heute nicht bringen kann - lauten und kräftigen Gesang.

Während seiner Anmoderation bemerkt Charlie Hodge ironisch, die Show arte irgendwie zu einer Gospel-Convention aus.

 

How Great Thou Art

Weil Elvis noch immer nicht zurück ist, muss weitere Zeit gefüllt werden. Charlie reißt ein paar Witze und beantwortet Fragen aus dem Publikum.

Dann übernehmen wieder JD Sumner & The Stamps. Diesmal tragen sie eine Gospel-Hymne vor, die das Publikum auch von Elvis kennt. Donnie Sumner übernimmt dabei den Lead Vocal, doch obwohl der Mann alles andere als ein schlechter Sänger ist, muss man zweifellos festellen, dass sein Boss in einer anderen Liga spielt und das Lied bedeutend besser interpretiert.

 

I Should Have Been Crucified

Jetzt hat Ed Enoch, der später die Leitung der Gruppe und auch die Namensrechte von JD Sumner übernehmen würde, seinen großen Auftritt. Mit lauter Stimme schmettert er I Should Have Been Crucified.

Jetzt taucht Elvis wieder auf und entschuldigt sich für die Show. Er habe sein bestes versucht, sei aber von seiner Stimme im Stich gelassen worden. Seiner Band gibt er mit "Can't Help Falling In Love" die Anweisung, mit den Closing-Song zu spielen.

 

Can't Help Falling In Love

Charlie Hodge befestigt das Cape am Jumpsuit seines Chefs, dann müht sich dieser durch die Ballade aus dem Film Blue Hawaii. Während die Band das Closing Riff spielt senkt sich der Bühnenvorhang im Showroom Internationale.

Doch dann überlegt es sich Elvis anders und lässt den Techniker den Vorhang wieder nach oben fahren. Mit hörbar angegriffener Stimme fragt er die Zuschauer, was sie hören wollen und schlägt seltener gesungene Lieder wie Release Me oder Sweet Caroline vor.

 

Faded Love

Schlussendlich entscheidet er sich für Faded Love, einen Track von seiner 1971er LP Elvis Country - I'm 10,000 Years Old. Damit liefert der King eine echte Premiere, denn die Nummer war zwar für dieses Gastspiel geprobt, bislang aber noch nicht live gespielt worden.

Für die Band stellt das Lied kein Problem dar, selbst das Orchester hat die Noten parat. Elvis wirft zwar hier und dort den Text durcheinander, liefert im Ganzen aber dennoch eine solide Performance.

 

I'm So Lonesome I Could Cry

Auch das nächste Lied ist eine Rarität. Zwar hatte Elvis den im Rahmen der Aloha From Hawaii Via Satellite-Show dargebotenen Hank Williams-Klassiker auch für sein Vegas-Engagement geprobt, tatsächlich zum Einsatz gekommen war die Ballade aber nur während der Opening Show. Heute würde der King die Nummer zum letzten Mal singen.

Die Musiker wissen, was zu tun ist. Elvis hingegen bastelt sich hier und dort aus den ihm bekannten Fragmenten eigene Strophen zurecht, an einer Stelle fallen ihm selbst diese Samples nicht mehr ein und die Performance gerät ins Stocken.

Grundsätzlich ist das natürlich verzeihlich, weil er das Lied nicht regelmäßig vortrug. Man muss aber ebenfalls bedenken, dass letzteres auch auf die Band zutraf und die den Song parat hatte.

 

Polk Salad Annie

Jetzt möchte der King den Swamp-Rocker Polk Salad Annie singen. Das Lied kommt ihm entgegen, weil es mehr von der Bühnen-Action als vom Gesang lebt. Es ist übrigens das erste Mal während dieses Engagements, dass Elvis die Nummer vorträgt. Insgesamt sollte er das während des aktuellen Jahres nur zweimal tun, erst im folgenden Jahr nahm er Polk Salad Annie wieder ins Programm auf. Die heutige Performance ist gut und unterscheidet sich nicht wesentlich von den Darbietungen des Vorjahres.

 

An American Trilogy

Warum Elvis in seiner stimmlichen Verfassung ausgerechnet An American Trilogy vortragen möchte, bleibt ein Rätsel. Mit leisen, langgezogenen Tönen und laut zu schmetternden Passagen gehört diese Nummer zu den größten gesanglichen Herausforderungen seiner Show.

Zwar wird der King heute von den Harmonie-Sängern weit mehr als üblich unterstützt, aber das übliche Niveau erreicht er keinesfalls. Die erste Zeile verwandelt er dann auch von "I wish I was in Dixie" zu "I wish I was in a doctor's office". Beim großen Finale mobilisiert Elvis dann aber die letzten Reserven und schmettert die Töne überraschend stark und sauber hinaus.

 

Can't Help Falling In Love

Jetzt verabschiedet sich Mr. Presley endgültig und singt eine weitere Fassung seiner typischen Schlussnummer. Abermals senkt sich der Vorhang, diesmal bleibt Elvis dahinter verschwunden.

Abschließend preist ein Sprecher die weiteren Entertainment-Angebote des Las Vegas Hilton an, zudem sind Kommentare einiger Fans zu hören.

 

Fazit & Bewertung

Für einen Publikumsmitschnitt hat die Aufnahme eine außergewöhnlich gute Tonqualität, zudem wurde die CD ansprechend verpackt. Obwohl Elvis' Stimme im Verlauf der Show den Dienst quittiert, wirkt er motiviert und ehrlich bemüht, das Publikum so gut es eben geht zu unterhalten.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Cover bei Straight Arrow.