Elvis - September 1970

 

Einundfünfzig Jahre nach dem Event bringt der Memphis Recording Service im September 2021 die Doppel-CD Las Vegas International Presents: Elvis - September 1970 auf den Markt. Dass der Betreiber des Labels über eine unveröffentlichte Aufnahme vom September 1970 verfügt, hat er bereits Jahre zuvor kundgetan. Nun ist offenbar das Copyright in der EU ausgelaufen und der Mitschnitt kann unter das Volk gebracht werden. Im Gegensatz zum von Sony betriebenen Sammler-Label Follow That Dream Records beschränkt sich der Memphis Recording Service allerdings nicht auf das zum Releasedate in den letzten Zügen liegende CD-Format, sondern bringt die Aufnahme auch auf den digitalen Plattformen (Spotify, Deezer, Qobuz, etc.) und als Vinyl-Schallplatte heraus.

Die CD-Version kommt in einem 5" Hardcoverbüchlein, das mit festem Papier, exzellentem Druck und einer schicken Optik aufwartet. Wie immer bei diesem Label zeichnet sich Studio D für die Nachbearbeitung der Aufnahmen verantwortlich und wie immer ist das Resultat mehr als hörenswert. Wie bei den vorangegangenen Konzertveröffentlichungen dieses Labels, so wurde auch hier die Mono-Aufnahme mittels aktueller Studiotechnik auf zwei Kanäle aufgeteilt und dadurch ein künstliches Stereo-Panorama erzeugt. Mit echten Multitrack-Aufnahmen hat das natürlich nichts zu tun, aber im Endergebnis klingt es dann halt doch lebendiger als die Mono-Tracks, die wir von Follow That Dream Records zu hören bekommen.

Kurz und gut: Diese Veröffentlichung ist den FTD-Produktionen in allen Punkten überlegen. Weder bemüht sich Sony um eine tontechnische Aufbereitung dieser Art, noch um eine ähnlich aufwendige Verpackung oder auch nur um die digitale Distribution.

Aber was wird denn nun geboten? Disc Nummer 1 enthält die Dinner Show vom 2. September 1970, wobei die letzten beiden Tracks von der Mitternachtsvorstellung desselben Tages stammen. Das lässt natürlich vermuten, dass MRS auch diese Aufnahme besitzt und kurzfristig auf den Markt bringen wird.  Die zweite Scheibe enthält Ausschnitte aus diversen Konzertproben, die allerdings schon hinlänglich bekannt sind und als eine Art Bonus angesehen werden können.

Nun aber zur Dinner Show vom 02.09.1970:

 

That's All Right

Ronnie Tutt beginnt am Schlagzeug mit dem Opening Vamp, das nahtlos in die ersten Takte von That's All Right übergeht. Elvis betritt die Bühne, holt sich von Charlie Hodge seine Gitarre und stürzt sich in einen höchst dynamischen Vortrag.

 

I Got A Woman / Amen

Mit einem kurzen "well" leitet der Meister zum nächsten Song über, bricht ihn aber nach wenigen Takten ab. Familie Tutt sitzt heute im Publikum und die Kinder haben den Break genutzt, um lautstark "Hey Daddy" zu rufen. Elvis geht darauf ein und erklärt scherzhaft, am nächsten Abend Gene Kupra (der legendäre Drummer von Benny Goodman, der zum Zeitpunkt der Aufnahme eine eigene Band hatte und regelmäßig im TV auftrat) zu engagieren.

Dann folgt der Ray Charles-Hit I Got A Woman, der ebenso kraftstrotzend vorgetragen wird wie die erste Nummer des Abends. Spontan hängt Elvis ein paar Takte des Gospels Amen an, so wie er das schon vor zwei Wochen einmal getan hatte. Anschließend kehrt er zu I Got A Woman zurück, entledigt sich seines Instruments und beendet damit das Opening.

Nun stellt sich der King als Johnny Cash vor und begrüßt das Publikum im Golden Nugget. Es folgen noch ein paar weitere Gags, insgesamt wirkt Elvis etwas aufgedreht und einen Tick zu gut gelaunt. Wie wir heute wissen, nahm der Medikamentenkonsum des Sängers zu dieser Zeit wieder deutlich zu, die Vegas-Shows im Januar und Februar des folgenden Jahres sollten ganz ähnlich verlaufen.

 

Love Me Tender

Wie üblich sagt Elvis "The title song of my first movie went like this", lässt die Band nach wenigen Takten abbrechen und ergänzt "That's how it went...right down the drain, boy!".

Das Lied selbst ist eine reine Zirkusnummer, Elvis widmet sich Ladies am Bühnenrand, spricht mit ihnen, macht Scherze und verteilt Küsse. Als reine Tonaufnahme wirkt das Ganze leidlich unterhaltsam, damals im Showroom Internationale herrschte natürlich Hochstimmung, wenn der Star plötzlich nahbar wurde und es sogar die Chance auf ein Busserl vom großen Idol gab.

Anschließend bemerkt Elvis, wie hart es sei, auf diese Weise sein Geld verdienen zu müssen und teilt den geküssten Damen ironisch mit, dass er aktuell an der Grippe erkrankt sei.

 

I've Lost You

Jetzt kündigt der Meister seine aktuelle Single I've Lost You an, weil ihn aber irgendwas an der Beleuchtung stört, lässt er die Musiker abbrechen und setzt ein zweites Mal an. Zunächst albert er ein wenig herum, setzt zum Beispiel die Zeile "I've lost you, yes I've lost you, I can't reach you anymore, we ought to talk it over..." mit "...if you just get up off the floor" fort. Im zweiten Teil des Songs fängt er sich dann allerdings und liefert eine seriöse, kraftvolle Performance.

 

I Just Can't Help Believin'

Kurz und schmerzlos leitet Elvis zum nächsten Titel über, hier vergisst er allerdings zu Beginn der zweiten Strophe den Text und bringt den Vortrag damit zum Erliegen. Zwar schiebt er die Schuld auf Charlie Hodge, der die Duettstimme singt, zweifellos liegt der Fehler aber bei Elvis himselvis. Der zweite Versuch geht durch und der King hängt sich voll rein.

 

You've Lost That Lovin' Feeling

Mit You've Lost That Lovin' Feeling bekommen die Zuschauer nun den dritten neuen Song in Folge zu hören. Das erwähnt Elvis allerdings ebenso wenig wie den Umstand, dass die Tracks auf dem kommenden Album That's The Way It Is zu hören sein werden. Werbung war seine Sache nicht.

Dafür liefert der Mann aus Memphis hier allerdings eine Performance, die sich gewaschen hat. Stimmlich bestetns disponiert und voller Emotion macht er kurz und schmerzlos deutlich, weshalb man ihn den King nennt!

 

Polk Salad Annie

Jetzt bekommen die Zuschauer das Highlight der aktuellen LP On Stage - February 1970 geboten. Vier Minuten lang liefert er Body Action vom Feinsten und zeigt, dass er auch mit seinen 35 Jahren noch fit ohne Ende ist. Im Gegensatz zur veröffentlichten Version albert Elvis heute allerdings ein wenig herum, macht aus "sock a little Polk Salad" kurzerhand "sock a little Volkswagen" oder imitiert Tom Jones und Glen Campbell.

Am Ende lässt sich der King erschöpft auf den Boden fallen. Als er dort eine 5 Cent-Münze findet, ruft er mit gespielter Aufregung "Look, a nickel...a nickel!" und ergänzt ironisch "I thought it was for Polk Salad Annie".

 

Introductions

Jetzt stellt Elvis seine Band vor, tut zunächst allerdings so, als mache er die Jungs untereinander bekannt. Dann erklärt er, es handele sich bei den Musikern um Matthäus, Johannes, Markus und Lukas...sowie Judas an der Orgel. Nach einigen weiteren Gags befürchtet der King, am nächsten Abend von Wayne Newton ersetzt zu werden. Hier hören wir auch erstmals den später häufig gebrachten Scherz über dessen Bruder Fig (Fig Newtons sind Backwaren mit Feigen).

Wie in den Jahren 1976/77, so mündet auch hier die Vorstellung des Lead Gitarristen James Burton in einem Vortrag von Johnny B. Goode. Im Gegensatz zu diesen extrem schwachen bis peinlichen Vorträgen lässt es der 1970er Elvis aber noch richtig krachen und rockt das Haus nach allen Regeln der Kunst.

 

The Wonder Of You

Weiter geht es mit dem Top Ten-Hit vom Frühjahr. Hier ersetzt Elvis bei der Zeile "You give me hope and consolation" das letzte Wort durch "constipation", singt die Ballade ansonsten aber ernsthaft und engagiert.

Nun wäre eigentlich Heartbreak Hotel, der erste Nummer 1-Hit des Kings, an der Reihe. Allerdings kommt er bei der Einleitung auf das International Hotel und die "fat, funky angles" an der Decke des Showrooms zu sprechen und wird irgendwie abgelenkt. Nach einigen weiteren Gags versucht Elvis, in das Lied einzusteigen. Nachdem ihm das nicht so recht gelingt, verliert er die Lust und geht zum nächsten Song der Setlist über.

 

One Night

Den startet Elvis mit der Zeile "I don't like that one either" (statt "One night with you") und bricht ab. Diesmal handelt es sich aber nur um einen Gag und der King singt das Lied. Das macht er dann auch kraftvoll und sehr ansprechend.

 

Blue Suede Shoes / Whole Lotta Shakin' Goin' On

Durch das absichtliche Vermischen und Blue Suede Shoes und All Shook Up bringt Elvis den nächsten Song mit der ersten Zeile zum Erliegen und erklärt seiner Band, dass sie nicht richtig aufgepasst habe. Als jemand nach dem Jailhouse Rock ruft, fragt der King seinen Gitarristen nach dem ersten Akkord...und setzt nach "If you don't know the first cord of Jailhouse Rock, you are fired!".

Dann geht es aber planmäßig mit Blue Suede Shoes weiter, das Elvis seit einigen Tagen mit Whole Lotta Shakin' Goin' On zu einem Medley verbindet. Auch hier hat seine Performance mächtig Dampf.

 

Hound Dog

Während der typischen Einleitung und den damit einhergehenden Scherzen kommt Elvis plötzlich auf die Frage "Ever see a panther and a tiger gettin' it on?" und lacht sich darüber kaputt. Eventuell war es dann wohl doch eine Tablette zuviel vor der Show! Der Rock'n'Roll-Klassiker selbst wird kurz, schmerzlos und mit voller Kraft durchgespielt.

 

Bridge Over Troubled Water

Kurz vor dem Ende der Show singt Elvis ein weiteres Lied vom kommenden That's The Way It Is-Album, was er natürlich abermals verschweigt. Die Performance selbst ist allerdings fraglos das Highlight des Abends, der King und seine Crew fahren hier alles auf, was sie zu bieten haben und zeigen den Herren Simon und Garfunkel, wie die Nummer zu handhaben ist.

 

Suspicious Minds

Mit Suspicious Minds wechseln wir zur Mitternachtsvorstellung desselben Tages. Auch hier fährt Elvis das volle Programm und liefert dem Publikum ein gerüttelt Maß an Body Action.

 

Can't Help Falling In Love

Dass das knappe "Especially for you" eine Verabschiedung sein soll, ahnen wohl nur die wenigsten Leute im Saal. Noch immer hörbar außer Atem singt Elvis die Filmballade Can't Help Falling In Love, nimmt dabei nochmal Kontakt zum Publikum auf und verschwindet danach hinter dem sich langsam senkenden Bühnenvorhang.

 

10th August 1970 Rehersal (Bonus, CD 2)

You Don't Have To Say You Love Me, I Just Can't Help Believin', Something, Sweet Caroline, Polk Salad Annie, You've Lost That Lovin' Feeling, I've Lost You, Bridge Over Troubled Water, Patch It Up, Can't Help Falling In Love, You Don't Have To Say You Love Me, You've Lost That Lovin' Feeling

 

4th August 1970 Rehersal (Bonus, CD 2)

I've Lost You, I've Lost You, Something, Don't Cry Daddy

 

7th August 1970 Rehersal (Bonus, CD 2)

You Don't Have To Say You Love Me, Twenty Days And Twenty Nights

 

Fazit & Bewertung

Obwohl Elvis ein wenig drüber ist und nicht mehr so kontrolliert wie bei den für TTWII gefilmten Shows agiert, ist das Konzert hochgradig unterhaltsam. Die Veröffentlichung selbst punktet mit hervorragender Verpackung und sehr gutem Sound.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte am Cover bei Memphis Recording Service Ltd.