Aloha From Hawaii Via Satellite

 

Am 14. Januar 1973 geht aus dem Honolulu International Center auf der Insel O'ahu um 00:30 Uhr Ortszeit die Show Aloha From Hawaii Via Satellite auf Sendung. Der 1971 gestartete Intelsat IV-Satellit überträgt das Konzert live in den asiatischen und ozeanischen Raum, später ist die Show als Aufzeichnung auch in anderen Regionen zu sehen. Insgesamt wird der Auftritt des King in 21 Ländern gezeigt, die Erstausstrahlung in den USA am 4. April erreicht eine Quote von 33,8 Prozent.

 

Handlung

Die Show beginnt mit Elvis' Ankunft auf den Hawaii-Inseln. Mit einem Helikopter schwebt der King ein, begrüßt die wartenden Fans und steigt dann zusammen mit seinen Bodyguards in einen roten Jeep. Zwischendurch gibt es immer wieder herrliche Landschaftsaufnahmen zu sehen, im Hintergrund läuft der Song Paradise, Hawaiian Style aus dem Jahr 1966. Dann ist es endlich soweit. Das Publikum strömt in die Arena, der Saal wird abgedunkelt und pünktlich um 00:30 Uhr geht es los.

Die Präsentation ist aufwendig. Eine Rampe führt den King direkt in den Zuschauerraum, über der Bühne blinken die Silhouette eines Gitarristen und das Wort ELVIS um die Wette, es gibt riesige Spiegel, viele bunte Lichter und mittels eines geteilten Bildschirms können die Fernsehzuschauer das Geschehen aus mehreren Perspektiven gleichzeitig verfolgen. Die Inszenierung macht es deutlich: Das hier ist das Mega-Event, hier läuft die ganz große Show.

Elvis selbst sieht makellos aus. Schlank, braun gebrannt, perfekt frisiert und gekleidet in einem hautengen Jumpsuit mit patriotischem Adler-Motiv und breitem Ledergürtel. Als er die Bühne betritt, könnte man fast meinen, er sei einer Ikone entstiegen. In seiner Stimme ist jedoch ein merkwürdiger, nasaler Unterton auszumachen und seinem Gesang fehlt streckenweise der nötige Drive. Auch die Bewegungen sind reduziert und weniger kraftvoll als in dem erst vor wenigen Wochen im Kino gezeigten Film Elvis On Tour. Man könnte fast meinen, man sähe einen alten Mann, gefangen im gertenschlanken Körper eines 38jährigen Superstars.

Die getragene, etwas starre Kameraführung verstärkt diesen Eindruck, ebenso wie die vielen Totalen, mit denen dem Zuschauer das extravagante Bühnenbild präsentiert werden soll. Die ReCuts aus den Jahren 2004 (DeLuxe Edition) und 2013 (40th Anniversary Edition) vermitteln einen besseren Eindruck vom Geschehen und lassen Elvis lebhafter und auch fröhlicher erscheinen als die Originalfassung.

Diese Beobachtung ändert freilich nichts daran, dass Elvis zum Beispiel während Suspicious Minds eher rhythmisch von links nach rechts läuft, als Aktrobatik a' la That's The Way It Is (1970) zu bieten oder man in jeder Senioren-Residenz Bewohner findet, die das Medley aus Long Tall Sally und Whole Lotta' Shakin' Goin' On dynamischer vortragen können, als es der ehemalige Rock'n'Roll-König hier tut.

Das alles heißt aber nicht, dass Aloha From Hawaii Via Satellite keine Highlights zu bieten hätte. Ganz im Gegenteil, etliche Performances sind absolut großartig, allen voran An American Trilogy, I'm So Lonesome I Could Cry und I'll Remember You. Auch die groß orchestrierten Balladen What Now My Love und It's Over gefallen mir ausnehmend gut, ebeso wie Fever, während dem Elvis auf unnachahmliche Weise mit dem Publikum spielt und sich selbst dabei offenkundig bestens amüsiert.

Die US-Version des TV-Konzerts wird an einigen Stellen durch mit Naturaufnahmen von den Hawaii-Inseln garnierte, nachträglich aufgezeichnete Performances unterbrochen. Elvis wirkt hier recht müde, kurioserweise hat man seine Haare anders gestylt als für die Live-Show. Der Grund für diese Bonus Tracks ist, dass NBC durch die verlängerte Laufzeit der Show einen zusätzlichen Werbeblock schalten konnte.

 

Stab

Marty Pasetta, Harry Waterson (Produzent), Marty Pasetta (Regie), Joe Guercio (Musik), Jerry Smith, Robert Pearson (Video), Steven Orland, Stephen Tamburri (Schnitt).

 

Produktion

Im Sommer des Jahres 1972 entwickelte Colonel Parker die Idee, Elvis in einem weltweit per Satellit übertragenen TV-Konzert auftreten zu lassen. Die Show sollte im Rahmen der Herbst-Tournee produziert und von den Hawaii-Inseln ausgestrahlt werden.

MGM war von den Plänen jedoch gar nicht angetan, da das Studio im November des Jahres den Film Elvis On Tour in die Kinos bringen wollte und befürchtete, die Zuschauer könnten ausbleiben, wenn ihnen gratis am heimischen Fernseher etwas Ähnliches geboten würde. Das Management des Studios intervenierte bei Colonel Parker und NBC, so dass die TV-Show schlussendlich auf das Jahr 1973 verschoben wurde. Hier stellte sich nun ein neues Problem, denn Elvis weigerte sich prinzipiell, zwischen Weihnachten und seinem Geburtstag am 8. Januar zu arbeiten. Somit konnte von seiner Seite aus frühestens am 9. Januar mit den Vorbereitungen begonnen werden. Allzu lange durften diese aber auch nicht dauern, denn ab dem 26. des Monats war er für vier Wochen im Las Vegas Hilton gebucht und NBC war nicht bereit, das sich bereits in der Vorproduktion befindende Special bis in den März zu verschieben.

Das nächste Problem lag in der Zusammenstellung der Show, denn erst ein halbes Jahr zuvor war die LP Elvis As Recorded At Madison Square Garden erschienen. Da es keine allzu großen Überschneidungen geben durfte, der Zeitraum für Proben jedoch knapp bemessen war, wählte man zunächst jene Songs aus, die Elvis im Rahmen des letzten Vegas-Gastspiels neu ins Programm genommen hatte. Hinzu kamen regelmäßige Features der Bühnenshow, die an dem besagten Abend in New York nicht gespielt worden waren sowie zwei allgemein bekannte Klassiker von Hank Williams. Der King selbst beschäftigte sich übrigens nicht sonderlich intensiv mit der Liedauswahl, vielmehr deligierte er die Zusammenstellung der Show weitestgehend an seinen Stage Manager Charlie Hodge.

Sehr wohl kümmerte sich Elvis jedoch um sein Erscheinungsbild. Nachdem ihn Marty Pasetta unverblümt darauf hingewiesen hatte, dass er für das TV-Special ein paar Kilos verlieren müsse, stürzte sich der King in eine rigorose Diät und auch seinen Medikamentenkonsum fuhr er weitestgehend zurück. Außerdem ließ er eigens für die Show einen patriotischen Jumpsuit anfertigen, der in stilisierter Form den American Eagle zeigte. Das vom Designer erdachte, bodenlange Cape erwies sich jedoch als Fehlschlag, denn es war mit all seinen Nieten und Strass-Steinen so schwer, dass Elvis fast hintenüber kippte. Somit trug er schlussendlich einen Umhang in herkömmlicher Länge.

Für die Produktion des TV-Specials stand ein Budget von 2,5 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Da es sich um eine Wohltätigkeitsveranstaltung handelte, wurden keine Eintrittspreise festgelegt. Jeder Besucher sollte den Betrag für sein Ticket entrichten, den er für angemessen hielt. Schlussendlich kamen auf diesem Wege 75.000 US-Dollar für den Kui Lee Cancer Fund zusammen. Die Stiftung war erst kurz vor der Show von dem Zeitungskolumnisten Eddie Sherman gegründet worden, um die Krebsforschung an der University Of Hawaii zu unterstützen.

Zwei Tage vor dem Fernsehkonzert fand im HIC eine Generalprobe vor Publikum statt, die auch im Auftrag der NBC gefilmt und von RCA mitgeschnitten wurde. So wussten alle Beteiligten, was sie während der Live-Show zu tun hatten und Fehler im Ablauf und Timing konnten behoben werden. Nach Sichtung des Materials entschied Elvis, seine Frisur für die Fernsehausstrahlung ändern zu lassen. Außerdem war die Show ein paar Minuten zu kurz, so dass der Rocker Johnny B. Goode und das Medley Long Tall Sally / Whole Lotta' Shakin' Goin' On ergänzt wurden. 1988 veröffentlichte BMG das Probekonzert unter dem Titel The Alternate Aloha,  das Videomaterial kam zur Mitte der 1990er auf den Markt.

Wie bereits geschrieben, nahm Elvis nach der Hauptveranstaltung zusammen mit der Band und dem Stamps Quartet in der leeren Arena ein paar weitere Songs auf, damit NBC die US-Fassung der Show strecken und eine zusätzliche Werbeunterbrechung einbauen konnte.

 

Promotion & Urban Legends

Abschließend möchte ich noch auf ein paar Sensationen und Fantasie-Geschichten eingehen, die inzwischen Teil der Elvis-Legende geworden sind und sich in zahlreichen Publikationen wiederfinden. In die Welt gesetzt hat sie Rocco Laginestra, der damalige Vorsitzende von RCA, als er am 4. September 1972 im Las Vegas Hilton zusammen mit Elvis das TV-Event in einer Pressekonferenz ankündigte. Ausgedacht hat sich den ganzen Mumpitz Colonel Parker, der Marketing-Wizzard und Manager des Kings.

Weltweite Ausstrahlung per Satellit

Wie eingangs bereits erwähnt, wurde die Show live per Satellit nur in den asiatischen und ozeanischen Raum ausgestrahlt. Eine weltweite Übertragung in Echtzeit war damals technisch noch gar nicht möglich. Zudem wäre sowas auch vollkommen unsinnig, weil die Show in den meisten Ländern in diesem Falle zu Zeiten gesendet worden wäre, zu denen nicht besonders viele Menschen fernsehen. Überdies war Aloha From Hawaii Via Satellite schlussendlich auch nur in 21 Ländern zu sehen und das kann man auch bei größtem Wohlwollen nicht als weltweite Verbreitung bezeichnen. Eine Satelliten-Premiere war die Show übrigens auch nicht, denn schon 1967 war mit Our World ein Entertainment-Programm auf diesem Wege verbreitet worden.

1,5 Milliarden Zuschauer

Es ist heute kaum vorstellbar, aber 1973 lebten tatsächlich nur 3,9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Wer bei dieser Zahl noch ernsthaft glaubt, 1,5 Milliarden davon hätten Aloha From Hawaii Via Satellite geschaut, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Diese gigantische Zahl wurde übrigens schon während der oben genannten Pressekonferenz genannt, also Monate bevor Elvis überhaupt in Aktion trat. Colonel Parker hat sich schlicht und einfach eine Reihe von Ländern notiert, in die er diese Show gerne verkauft hätte. Und diese Länder hatten damals zusammengerechnet eine Bevölkerung von etwa 1,5 Milliarden. Und die hätten vom Säugling bis zum Greis alle Elvis anschauen müssen - die Welt steht still, das Leben erlahmt, weil alle Aloha From Hawaii gucken. Im tatsächlichen Ausstrahlungsgebiet lebten damals etwa 850 Millionen Menschen. Legt man eine ähnliche Sehbeteiligung wie in den USA zugrunde, kommt man auf 280 bis 300 Millionen Zuschauer.

Globale Veröffentlichung des Soundtracks am selben Tag

Heute wäre das kein Problem, RCA müsste sich lediglich mit den gängigen Streaming-Portalen auf einen Tag einigen, an dem das Produkt online gestellt wird. Früher mussten jedoch physische Tonträger weltweit an die Schallplattengeschäfte ausgeliefert werden. Dann wurde ein Datum vereinbart, an dem die Händler die Produkte aus dem Lager in die Verkaufsregale stellen. Das kann man natürlich machen, einen Sinn ergibt sowas allerdings nicht - außer, dass man etwas zu erzählen hat und Aufmerksamkeit bekommt.

Marketing ist alles!

Das ganze Projekt war auf Globalität und Satellitenübertragung ausgelegt. Im Vorspann des TV-Specials ist ein Satellit zu sehen, der die Show sinnbildlich über die ganze Welt verbreitet. Und auch über der Bühne blinkt der Name des Kings in allen erdenklichen Schriftzeichen. Die Verpackung des Soundtrack-Albums übernimmt dieses Bild, die Innenseite des Klappcovers zeigt eine Weltkarte, auf der in unzähligen Sprachen "Wir lieben Elvis" geschrieben steht und Pfeile auf die entsprechenden Länder weisen. Man könnte also auch hier meinen, es handele sich um ein weltweites Event. Doch das ist reines Marketing, blinkten über der Bühne doch Schriftzeichen, die im Ausstrahlungsgebiet niemand benutzte und die Pfleile auf dem Schallplattencover verweisen auf Regionen, in denen die Show nie zu sehen war.

 

Soundtrack

Einen Monat nach der Live-Übertragung in den ozeanischen Raum bringt RCA im Februar 1973 die Doppel-LP Aloha From Hawaii Via Satellite auf den Markt. Um die für April geplante US-Ausstrahlung zu promoten folgt im März die Single Steamroller Blues. Der Long Player gehört mit mehr als 10 Millionen verkauften Kopien zu den absoluten Best Sellern im Presley-Katalog, die 45er ging etwa zwei Millionen Mal über die Ladentheken.

Über die jeweiligen Cover gelangt ihr zu detaillierten Beschreibungen der beiden Schallplatten.

 

Home Entertainment

Nach mehreren Veröffentlichungen im VHS-, Laserdisc- und DVD-Format bringt BMG Entertainment im Jahr 2004 schließlich die Aloha From Hawaii Deluxe Edition auf den Markt. Allein in den USA erreicht das Set vierfachen Platin-Status und auch im Ausland kann es sich vielerorts in den Top10 der lokalen DVD-Charts platzieren.

Anno 2013 erscheint eine 40th Anniversary Edition. Hier ist eine spezielle Schnittfassung zu sehen, die anlässlich des großen Jubiläums am 14. Januar 2013 vor Publikum in der Neal S. Blaisdell Arena (dem ehemaligen HIC) gezeigt wurde.

Auch hier kommt ihr über die Cover zu den Reviews.

 

Print

Joseph A. Tunzi liefert zum 25sten Jubiläum der Show ein Foto-Buch, dem als Bonus eine CD mit Aufnahmen aus dem Konzert beiliegt.

Abermals geht es über das Cover zur Review.

 

Ausschnitt aus dem TV-Konzert (You Gave Me A Mountain)

 

Fazit & Bewertung

Ohne Zweifel zählt Aloha From Hawaii Via Satellite zu den erfolgreichsten Projekten in der Kariere des Kings. Seine Performance wirkt jedoch ein wenig müde und auch gesanglich operierte er nicht auf dem gewohnten Niveau.

 

Soweit bekannt liegen die Bildrechte an der Werbeanzeige bei NBC, an den Schallplatten-Covers bei RCA Victor, an den DVD-Covers bei BMG und am Buch-Cover bei JAT Productions.