Das Image bekommt Risse

1974
RCA beginnt das Elvis-Jahr am 11. Januar mit der Veröffentlichung der Single I've Got A Thing About You Baby / Take Good Care Of Her. Mit einer halben Million verkauften Kopien notiert Billboard die Scheibe auf Rang 39. Um die Kosten des Buyout-Deals zu refinanzieren veröffentlicht das Label außerdem die LP A Legendary Performer - Volume 1. Die Zusammenstellung von Archivmaterial erreicht den 43. Platz der Hitparade und geht 750.000 Mal über die Ladentheken.

Der King selbst beginnt am 15. des Monats mit den Vorbereitungen auf sein kommendes Gastspiel im Las Vegas Hilton. Aufgrund der Empfehlung von Dr. George Nichopoulos, dem langjährigen Arzt des Kings, wird die Dauer der Konzertserie auf zwei Wochen reduziert, insgesamt läuft das Engagement vom 26. Januar bis zum 9. Februar. 

Zwar hat Elvis im Vergleich zum Vorjahr sichtbar zugenommen, insgesamt hinterlässt er jedoch einen fröhlichen, engagierten und aufgeräumten Eindruck.

Am 1. März tritt Elvis in Tulsa eine weitere Tournee an, die am 20. mit einem Auftritt in seiner Heimatstadt endet. RCA schneidet diese letzte Show für eine spätere Veröffentlichung mit. Besonderes Medieninteresse wecken die Konzerte in Houston, wo der King im Rahmen des Livestock Show & Rodeo am 3. März zweimal auftritt und einen neuen Zuschauer-Rekord aufstellt (bzw. seine eigene Bestmarke aus dem Jahr 1970 bricht).

Im selben Monat bringt RCA das Album Good Times  auf den Markt. Mit 200.000 Kopien erreicht es nicht einmal ein Drittel der Verkäufe von A Legendary Performer  und muss sich in den Billboard Charts mit Rang 90 zufriedengeben.

Zwischen dem 10. und 13. Mai geht Elvis auf einer kurze Tournee durch Kalifornien, drei Tage später eröffnet er ein weiteres Gastspiel im Del Webb's Sahara Tahoe Hotel in Stateline, wo er bis zum 26. des Monats zweimal täglich auf der Bühne steht.

Die Single If You Talk In Your Sleep / Help Me  wird von Billboard auf dem 17. Platz notiert und stellt damit den größten Hit des Kings seit einem Jahr dar. Doch die Notierung erfolgt in weiten Teilen aufgrund der häufigen Radioeinsätze, tatsächlich liegen die Verkaufszahlen etwa 150.000 Kopien unter der vorherigen Veröffentlichung.

Am 11. Juni trennt sich Vernon, Elvis' Vater, nach vierzehn Jahren offiziell von seiner zweiten Ehefrau Dee. Einen Tag später geht der King wieder auf Tour, diesmal ist er bis zum 2. Juli unterwegs und generiert Bruttoeinnahmen in Höhe von 3 Millionen US-Dollar.

Verglichen mit seinem Erscheinungsbild zum Jahresanfang wirkt Elvis nun wieder schlanker und auch die blasse Gesichtsfarbe ist einem gesunden Teint gewichen.

Im neu gegründeten Tennessee Karate Institute, das von Red West (ein langjähriger Freund und Bodyguard des Kings) und Bobby Wren (Elvis' Cousine) betrieben wird, tritt der Sänger am 4. Juli mit einer 90minütigen Kampfsport-Demonstration auf. In diesem Zusammenhang entsteht auch die Idee zu einer Filmdokumentation über den Karatesport. Elvis möchte den Streifen produzieren und als Erzähler und Kampfsportler vor der Kamera agieren.

Ebenfalls im Juli veröffentlicht RCA das Album Elvis Recorded Live On Stage In Memphis. Die LP erreicht den 33. Platz der Hitparade und verkauft sich eine halbe Million Mal. Im kommenden Jahr wird die hier enthaltene Performance des Gospel-Songs How Great Thou Art  mit einem Grammy ausgezeichnet werden. 

Ab dem 14. August ist der King mit den Proben zum Elvis Summer Festival 1974  beschäftigt, die Konzertreihe selbst läuft vom 19. August bis zum 2. September. Am Eröffnungsabend präsentiert Elvis ein komplett überarbeitetes Show-Format, vom folgenden Tag an kommt allerdings wieder das altbewährte Schema zum Einsatz.

Abermals fällt der Sänger durch sein bizarres Verhalten auf. Am 24. August streicht er nachts mit seiner Gefolgschaft einen der Deko-Engel im Showroom schwarz an, mit dem Fortgang des Gastspiels werden seine Monologe zunehmend länger und konfuser. Zwischen den Songs plänkelt er gefühlte Ewigkeiten mit den Fans am Bühnenrand herum, teilweise referiert er 20 Minuten lang über den Karate-Sport.

Als im Müll des Kings eine Spritze gefunden wird, machen Gerüchte die Runde, der Sänger sei heroinabhängig. Tatsächlich konsumiert er Demerol, ein ein Opioid dass in Deutschland unter dem Namen Pethidin bekannt war. Hauptverantwortlich für das auffällige Verhalten ist jedoch flüssiges Kokain, das Elvis in den letzten Wochen für sich entdeckt hat und nun in gesteigertem Maß einsetzt. 

Die Abschlussvorstellung gerät zur Peinlichkeit. Sichtlich unter dem Einfluss irgendwelcher Substanzen stehend beschämt Elvis seine im Saal anwesende Ex-Ehefrau und droht den Urhebern der Drogen-Storys brüllend an, ihnen die Zunge herauszureißen.

Colonel Parker hat unterdessen eine Firma namens All Star Shows gegründet, an der auch sein Klient zu einem Viertel beteiligt ist. Vorrangiger Zweck des Unternehmens ist der Vertrieb von Presley-Merchandising, es sollen allerdings auch andere Künstler aufgebaut und am Markt platziert werden. Das erste Produkt der Company ist die LP Having Fun With Elvis On Stage, die exklusiv im Rahmen des Vegas-Gastspiels vertrieben wird.

Da Parker keine Gesangsaufnahmen von Elvis verwenden darf, hat er Gags und Bühnenmonologe der Jahre 1969 bis 1974 zusammenschneiden lassen und vertreibt die Scheibe als Talking Album. Mit RCA hat der Colonel vereinbart, dass der Tonträger ab Oktober als reguläre Presley-LP vertrieben werden soll. Dafür zahlt das Label eine Garantie-Tantieme von $ 100.000, die mit den tatsächlich verkauften Kopien zu jeweils 50 Cent verrechnet wird. Obwohl der King keinen Ton singt, wird auch diese LP ihre Abnehmer finden und sich 130.000 Mal verkaufen.

Zunächst kommt allerdings im September die Single It's Midnight / Promised Land  auf den Markt. Nur 320.000 Fans greifen zu, doch aufgrund des starken Radio-Einsatzes der B-Seite platziert sich die 45er auf Rang 14 der Billboard Charts und wird so zu Elvis' größtem Hitparaden-Erfolg seit Burning Love.

Am 16. des Monats lässt sich der King für sein geplantes Projekt bei einer Karate-Demonstration filmen, elf Tage später beginnt in College Park die vierte Tournee des Jahres. Wie in Las Vegas, so steht Elvis auch während dieser Konzerte offenkundig unter dem Einfluss starker Medikamente. Nach dem letzten Auftritt in Abilene am 9. Oktober fliegt der Sänger nach Stateline, wo er im Del Webb's Sahara Tahoe Hotel zwischen dem 11. und 15. des Monates die ausgefallenen Shows vom Mai des Vorjahres nachholt.

Anfang November nimmt die Produktion des Karate-Films Fahrt auf, nach Dreharbeiten in Europa und den USA wird eine Rohfassung zur Gewinnung von Investoren erstellt. Obwohl eine erste Vorführung erfolgreich verläuft, wird das Projekt keine sechs Wochen später mit dem Hinweis auf gesundheitliche Probleme des Kings eingestellt.

Am 30. Dezember kontaktiert der Colonel das Management des Las Vegas Hilton und verschiebt mit derselben Begründung das für den Januar geplante Gastspiel seines Klienten in den März. Da zu dieser Zeit zufällig auch der neue Anbau des Entertainment-Resorts fertiggestellt werden wird, einigen sich die Parteien auf die offizielle Lesart, man wolle den Hotel-Flügel mit einem Presley-Engagement eröffnen.

Finanziell verlief auch das Jahr 1974 höchst erfolgreich. Aus dem Konzertgeschäft nimmt der King 4,7 Millionen US-Dollar ein, die Tonträger erwirtschaften zusätzliche $ 750.000.